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Otto-Friedrich-Universität:In Bamberg startet Bayerns erster Judaistik-Bachelor

Im neuen Studiengang geht es um die Geschichte der ältesten monotheistischen Weltreligion (im Bild eine Thorarolle) sowie um modernes jüdisches Leben.

(Foto: imago)

Sieben Studenten haben sich bislang für den neuen Studiengang eingeschrieben. Sie sollen nicht nur Hebräisch lernen, es geht auch um modernes jüdisches Leben.

Von Anne Kostrzewa, Bamberg

Als eine der ältesten jüdischen Gemeinden Deutschlands blickt Bamberg auf eine tausendjährige, durchaus wechselvolle jüdisch-deutsche Geschichte zurück. Schon in Schriften aus dem Jahr 1007 finden jüdische Einwanderer, wohl Handelsreisende, in der Stadt Erwähnung. Stolpersteine erinnern vor vielen Häusern daran, wie groß die jüdische Gemeinde bis zum Zweiten Weltkrieg war. Mit dem Beginn des Wintersemesters hat das jüdische Leben in Bamberg nun eine neue, wissenschaftliche Heimat gefunden: Die Otto-Friedrich-Universität bietet seit diesem Semester erstmals den Bacherlorstudiengang (BA) "Jüdische Studien" an.

In Bayern ist es der erste eigenständige Studiengang für Jüdische Studien, deutschlandweit haben nur fünf andere Universitäten ein vergleichbares Hauptfach im Programm. In Bamberg haben sich bislang sieben Studenten für den neuen BA eingeschrieben. Sie sollen in sechs Semestern nicht nur die Geschichte der ältesten monotheistischen Weltreligion sowie Bibel- und modernes Hebräisch lernen.

Vielmehr wollen fünf Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen mit ihnen ein umfassendes Bild der jüdischen Identität herausarbeiten, in Literatur, Kunst und Kultur, in aller Welt und bis in die Gegenwart hinein. Pascal Fischer etwa, Professor für Anglistische und Amerikanische Kulturwissenschaft, möchte mit den Studenten ins jüdische Leben der USA eintauchen. Christoph Houswitschka vom Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft interessiert die jüdisch-britische Gegenwartsliteratur, in der nur langsam die jüdische Kultur der Autoren zum Vorschein komme.

Auch die alttestamentlichen Wissenschaften, die Germanistik und nicht zuletzt die Judaistik selbst stellen Professoren für den neuen Studiengang. Ein besonderes und besonders praxisnahes Projekt bildet die jüdisch-fränkische Heimatkunde. Dafür steht Susanne Talabardon, Professorin für Judaistik und Leiterin des Studiengangs, in engem Austausch mit dem Jüdischen Lehrhaus Bamberg.

Mit seiner geringen Studierendenzahl fügen sich die Jüdischen Studien geschmeidig in das bunte Sammelsurium der sogenannten kleinen Fächer, mit dem die Uni Bamberg sich seit Jahren bewusst gegen den deutschlandweiten Trend stemmt, die "Orchideen" des Vorlesungsverzeichnisses lieber eingehen zu lassen, als sie für einige wenige Studenten anzubieten. "Dumm" nennt Unipräsident Godehard Ruppert diese Entwicklung. "Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind dann besonders erfolgreich, wenn man sie nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext mit anderen Fächern." Rupperts erklärtes Ziel ist es deshalb, in Bamberg breit angelegte - auch kleine - Studiengänge zu halten, die interdisziplinär eng zusammenarbeiten.

Den Blick der Studenten weiten

"Die Judaistik wird nie so groß sein, dass man mit ihren Studierenden diesen Raum so wie jetzt füllen könnte", sagte der Uni-Präsident bei der feierlichen Eröffnung des neuen Fachs vor rund siebzig geladenen Gästen. Darum gehe es der Uni Bamberg aber auch gar nicht. "Wir wollen unseren Studierenden ein Angebot machen, das sie voran bringt."

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßte den neuen Studiengang. "Es ist an der Zeit, das Judentum nicht mehr nur als historisches Thema wahrzunehmen." In der Schule würden Juden entweder als Opfer oder, wie im Nahostkonflikt, als Täter dargestellt. Das sei eine zu starke Vereinfachung. "Wir brauchen junge Menschen, die über die Grenzen ihrer eigenen Lebenswelt hinausschauen, heute mehr denn je", sagte Schuster.

Vom neuen Bamberger BA erhoffe er sich "interreligiöse und interkulturelle Botschafter". Fast zehn Jahre nach der Einführung des Nebenfachs Judaistik, das sich stark auf die alten Schriften konzentriert, solle der Blick der Studenten nun geweitet werden, "auf den Beitrag, den die Juden in anderen Bereichen des Lebens geleistet haben und noch immer leisten", sagte Schuster. Dafür eigne sich Franken, wo immer viele Juden lebten, als Standort ganz besonders gut.

© SZ vom 31.10.2016/vewo

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