Fachkräftemangel Wenig Geld für einen anspruchsvollen Job

Der Koalitionsvertrag im Bund stellt die Streichung des Schulgeldes in Aussicht, Termin ungewiss. "Die Absolventen der Fachschule steigen aber in ein Niedriglohnsegment ein", sagt Anic. 2200 Euro brutto im Schnitt verdienten Angestellte in der ambulanten Physio. Einem Kollegen habe eine Kraft mal gesagt: "Für das Geld verkaufe ich lieber gepflegt Brötchen." In Kliniken ist das Gehalt etwas höher - öffentlicher Dienst. Jedoch verbuchen laut dem Job-Portal der Arbeitsagentur auch Bayerns Reha-Kliniken und Krankenhäuser zahlreiche Vakanzen.

Und dass Anic einfach noch Lohn drauflegt? "Das scheitert an der geringen Vergütung von physiotherapeutischen Leistungen durch die Kassen." So bleibe zuweilen nur diese Option: Patienten abweisen oder nicht in der vorgeschriebenen Zeit die Therapie beginnen. Laut Heilmittel-Richtlinie sind das zwei Wochen nach Rezept. "Das sind bei mir und vielen Kollegen auch mal vier Wochen", sagt Anic. Im schlimmsten Fall entschließe sich ein Patient zur OP, die man durch Therapie hätte vermeiden können.

Markus Norys führt eine Praxis in Garmisch-Partenkirchen. Er sitzt im Deutschen Verband für Physiotherapie dem bayerischen Landesverband mit etwa 4500 Mitgliedern vor.

(Foto: privat)

Beim Münchner Verein Gesundheitsladen, der als unabhängige Patientenberatung fungiert, kennt man Nöte von Betroffenen, binnen zwei Wochen Termine zu erhalten: "Aus Patientensicht ist es nicht hinnehmbar, dass eine notwendige medizinische Leistung nicht rechtzeitig oder nur verzögert in Anspruch genommen werden kann." Studiert man Online-Foren, in denen Patienten Frust ablassen, sieht man, dass es gar nicht unbedingt ein Mangel an Praxen ist - eher an Kapazitäten in Praxen.

Im bayerischen Gesundheitsministerium heißt es dazu auf SZ-Anfrage sowie unlängst auf eine Landtagsanfrage der SPD: Erkenntnisse, dass 14 Tage vielerorts nicht eingehalten werden können, lägen nicht vor. Auch habe es zuletzt Verbesserungen bei der Vergütung für physiotherapeutische Leistungen gegeben - Arbeitgeber könnten ihre Mitarbeiter daran teilhaben lassen.

Beim Schulgeld positioniert sich das Haus von Ministerin Melanie Huml (CSU). Zwar seien die Absolventenzahlen an Fachschulen "vor dem Hintergrund des demografischen Wandels erfreulich stabil"; aber die kostenlose Ausbildung könne "die Attraktivität für Schulabgänger erhöhen". Physio-Bayern-Vorsitzender Norys meint, dass "die Verantwortung nach Berlin geschoben wird, obwohl Bildung Ländersache ist. Eine zeitnahe Umsetzung ist damit aussichtslos".

Der Beruf ist für viele unattraktiv

Andere Länder nähmen die Schulgeld-Abschaffung ja selber in die Hand. Die Verdienstmöglichkeiten blieben zudem "äußerst bescheiden", die Verbesserungen seien nicht ausreichend, um die "aufgelaufenen Defizite auszugleichen". Auch würden oft Forderungen nach mehr therapeutischer Freiheit "kleingeredet". Fazit: "Wer möchte so einen Beruf - anspruchsvolle Ausbildung, kein Geld, keine Anerkennung - heute noch ausüben?"

Dass es das noch gibt, sieht Anic in der Familie. 1978 gründete die Schwiegermutter die Praxis, 1993 übernahmen seine Frau und er. Jetzt wurde seine Tochter Physiotherapeutin, vielleicht führt sie den Betrieb mal in dritter Generation. "Sie hat sich trotz aller Nachteile nicht abbringen lassen." Was sicher an der "Sinnhaftigkeit des Berufs" liege: "Mit Menschen zu tun haben, selbständig arbeiten, mit den Händen helfen. Und langweilig wird es eh nie."

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