Süddeutsche Zeitung

Ex-Minister in New York:Guttenbergs Ground-Zero-Show

Pünktlich zum zehnjährigen 9/11-Gedenken drapiert die "Bild"-Zeitung das Ehepaar Guttenberg am Ground Zero - und lässt den Ex-Minister vom "Neuanfang" sprechen. Ist damit auch sein ganz persönlicher Neuanfang gemeint?

Der Schriftsteller Curt Goetz hat einen wunderbaren Satz geprägt: "Eine Gelegenheit, den Mund zu halten, sollte man nie vorübergehen lassen." Man würde den Satz gerne nach Amerika mailen, an zwei Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als in der Bild-Zeitung zu posieren: Karl-Theodor und Stephanie zu Guttenberg. Und man könnte den Satz von Goetz noch erweitern: Man sollte auch die Gelegenheit nutzen, mal nicht die Nase in die Kamera zu halten und nicht in den Mittelpunkt zu drängen.

Die Bild-Zeitung hat die beiden Guttenbergs vor der Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags am Ground Zero drapiert, sie im kurzen Cocktailkleid, er in Jeans, offenem Hemd und Drei-Tage-Bart. Man erfährt auch gleich noch, dass der gestrauchelte Verteidigungsminister keine Brille mehr trägt - was es allerdings für einen tieferen Grund hat, dass sich der Mann vor dem Denkmal für die Terroropfer fotografieren lässt, erschließt sich nicht - zumindest nicht auf den ersten Blick.

Da muss man schon die Lyrik dechiffrieren, die das Ehepaar von sich gibt: "Dass selbst in den schlimmsten Momenten immer ein Neuanfang stecken kann - das gehört zur amerikanischen Mentalität", sprechen sie. Man muss nicht viel analysieren, um zu verstehen, dass da auch ein ganz persönlicher Neuanfang gemeint ist - nach dem politischen Absturz Guttenbergs, nach seiner Entlarvung als Plagiator. Von Amerika lernen, heißt neu anfangen lernen. Wenn es nach Bild geht, darf Guttenberg das auch gerne politisch meinen.

Ein persönlicher Neuanfang ist jedem gegönnt. Dafür braucht es aber keine Fotos vor dem Denkmal für die Opfer des Terroranschlags. Gerade Karl-Theodor zu Guttenberg führte bei jeder Gelegenheit das Wort "Anstand" im Mund, den es zu wahren gelte. Anstand hat oft auch mit Zurückhaltung zu tun. Oder wie Curt Goetz sagt: Einfach mal die Gelegenheit nützen und den Mund halten. Damit das Gedenken an die Opfer des Terrors im Mittelpunkt steht. Und nicht die eigene Show.

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Quelle:
SZ vom 13.09.2011/tob
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