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Bayreuther Festspiele:Wie man im heißesten Festspielhaus der Welt überlebt

Bayreuther Festspiele 2015 - Eröffnung

Wer seinen Sohn Tristan nennt, muss ein Fan sein: Thomas Gottschalk bei der diesjährigen Festspieleröffnung.

(Foto: dpa)

Es gibt keine Strategie, Wagner in Bayreuth heil zu überstehen. Es gibt bestenfalls Möglichkeiten temporärer Linderung. Eine Annäherung.

Von Egbert Tholl und Christian Mayer

In diesem Jahr hatte man bisher Glück. Es war keineswegs so heiß, wie es Ende Juli hier meist ist, dunkle Wolken zogen über den Hügel hinweg, manchmal regnete es auch ein bisschen, aber hübsch geordnet, während drinnen gespielt wurde und nicht in der Pause. Und doch verabschiedete sich am Montag im "Rheingold" ein stattlicher Herr in Reihe 27 mit einem lauten Seufzer aus dem Geschehen. Der Seufzer war gewaltig, doch nur kurz herrschte Unruhe, weil die Bayreuth-Profis derlei gewohnt sind und Seufzen zu Wagners Musik dazugehört, ja irgendwie sogar mit hineinkomponiert ist, allerdings wohl am wenigsten im "Rheingold", da hat sich der Herr ein wenig im Stück vertan.

Es wird, auch wenn es dafür genügend historische Erklärungen gibt, letztlich ein Rätsel bleiben, weshalb Richard Wagner sein Festspielhaus ausgerechnet in einer Stadt erbaute, in der sich im Sommer die Hitze staut, in der sich meist kein Lüftchen regt. Das Klima fühlt sich an wie im Treibhaus, nicht umsonst bauten die Markgrafen ihre Sommerfrische, die Eremitage, auf einer Anhöhe, die selbst den Grünen Hügel weit überragt. Hier weht die Luft frisch von außen her, bevor sie in den Kessel hinabsinkt und dick und feucht wird.

Steht man vor dem Festspielhaus, sieht man linker Hand einen Kiosk, in welchem man ein paar lustige Devotionalien erwerben kann, die als Beweisstück der Anwesenheit dienen, falls eine Kreislaufschwäche die Erinnerung daran trübt. Gleich gegenüber befindet sich ein kleines Häuschen, daran eine Flagge mit einem roten Kreuz. Nicht zu verwechseln mit dem Schweizer Konsulat - es ist die Lebensrettungsstation auf dem Hügel. Vor ihr sitzen immer zwei Sanitäter, und ein bisschen wirkt es wie auf dem Münchner Oktoberfest, wo ja auch die medizinischen Ersthelfer auf vom Rausch Betäubten lauern. Hier wie dort geht es um den Rausch, wobei der in Bayreuth einer der Musik und nicht des Alkohols ist.

Zum Glück für den bayerischen Ministerpräsidenten mussten die Helfer nicht direkt eingreifen, als der prominente Premierengast bei der Aufführung am Samstag nach dem sich unendlich lange hinziehenden Liebestod von Tristan und Isolde auf einmal rammdösig wurde. Ein kleiner Schwächeanfall, kann ja mal passieren. Seiner Entourage gelang es, den bleichen Horst Seehofer diskret durch den Hinterausgang zum Rettungswagen zu bugsieren und ins Klinikum Bayreuth zu chauffieren, wo er eine wagnerfreie Nacht verbrachte.

Es ist keine Schande, bei Tristan in die Knie zu gehen, auch wenn man jetzt boshafterweise anfügen muss, dass sich Seehofers Koalitionspartnerin in ihren nächtelangen Krisenrunden in Brüssel und Berlin offenbar etwas mehr Sitzfleisch angeeignet hat: Angela Merkel absolvierte den "Tristan" mit der ihr eigenen Gelassenheit; sie verzog auch keine Miene, als sie beim Pausenempfang von einem nachweislich altersschwachen Stuhl rutschte - aber wer sein Gesäß schonen möchte, ist hier ohnehin fehl am Platz.

Es gibt keine Strategie, Wagner in Bayreuth heil zu überstehen. Es gibt bestenfalls Möglichkeiten temporärer Linderung. Ein Grund ist, dass das Festspielhaus unter den strengsten Gesichtspunkten akustischer Optimierung erbaut wurde. Zu Beginn eines jeden Aufzugs glaubt man immer noch kurz, ach ja, so schlimm ist es gar nicht. Wird es aber. Irgendwann ist der Sauerstoff von den emotional und intellektuell hochangestrengten Zuschauern aufgesogen, und dann beginnt der Kampf mit sich selbst.

Wer wahrt mehr Würde - Damen oder Herren?

Die männlichen Stammgäste gehen damit folgendermaßen um: Als Erstes ziehen sie, noch bevor der erste Ton erschallt, ihr Sakko aus, wobei sie dem Nebensitzer erst einen Arm, dann einen Ärmel und schließlich in seltsamen Verrenkungen wahlweise Schulter oder Gesäß ins Gesicht drücken. Dann fallen sie in tiefen Schlaf. So wie Thomas Gottschalk, der in der aktuellen Bunten einen Überlebensbericht aus Bayreuth geschrieben hat: In Momenten "bleierner Müdigkeit" nehme er vorzugsweise eine stabile Schräglage ein, was wiederum seiner Frau Thea die Sicht auf das Bühnengeschehen versperre.

Die Gottschalks kehren dennoch immer wieder an den Ort des Leidens zurück, trotz oder vielleicht auch ein wenig wegen der enthemmten Freizeit-Paparazzi. Die Gottschalks haben ihren jüngeren Sohn sogar Tristan genannt, das heißt, sie sind eher schmerz- als scherzfrei.

Thomas Gottschalk hat mit seinen Beobachtungen übrigens völlig recht: Die Damen wahren im härtesten Festspielhaus der Welt meist mehr Würde. Sie können oft auch nichts mehr ausziehen, ohne die Umsitzenden zu sehr vom Geschehen auf der Bühne abzulenken. Die Damen hören zu und stupsen gegebenenfalls ihre Begleiter. Am Dienstag, in der "Walküre", war man in Reihe 26 leider umgeben von lauter allein sitzenden Herren, was dazu führte, dass, als im zweiten Aufzug Wotan Brünnhilde die Vorgeschichte des Ring-Schlamassels erklärte, ein tiefes Schnaufen und Schnarchen einsetzte. Man fühlte sich wie in einem geräuschvoll ruhenden Organismus. Viel ist im "Ring" von "hartem Schlaf" die Rede, er ist sicherlich ein probates Mittel, den Kreislauf auf niedrigem Niveau stabil zu halten. Doch leider bekommt man dann halt von der Oper nichts mit.

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