Uraufführung am ETA-Hoffmann-Theater in BambergFelix Krull wird durch den Schleudergang gejagt

Lesezeit: 3 Min.

Bei Thomas Mann ist Felix Krull ein „Sonntagskind“. Im Stück von Paula Kläy hockt hinter der Maske des charmanten Hochstaplers (Leon Tölle) ein einsamer, traumatisierter Mensch.
Bei Thomas Mann ist Felix Krull ein „Sonntagskind“. Im Stück von Paula Kläy hockt hinter der Maske des charmanten Hochstaplers (Leon Tölle) ein einsamer, traumatisierter Mensch. ETA Hoffmann Theater Bamberg / Marian Lenhard

Alles nur geträumt? In ihrer Auftragsarbeit für das Bamberger ETA-Hoffmann-Theater erzählt die junge Dramatikerin Paula Kläy Thomas Manns Hochstapler-Geschichte als cleveres Vexierspiel.

Kritik von Florian Welle

Wäre Felix Krull ein Zeitgenosse, er wäre vermutlich Influencer. Tausende würden auf Social Media seiner perfekten Selbstdarstellung beiwohnen. Ein Narzisst, der die Umwelt braucht und missbraucht, um sich in ihr zu spiegeln. Er hätte Follower, aber keine Freunde. Er wäre sehr einsam.

Die junge Schweizer Autorin Paula Kläy, Jahrgang 1997, hat den letzten Roman von Thomas Mann „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ für das ETA-Hoffmann-Theater und seinen neuen Intendanten John von Düffel durch den Schleudergang gejagt. Bezüge zu unserer Gegenwart denkt man bei dem Auftragswerk mit, ohne dass sie explizit zur Sprache kommen würden.

Thomas Mann hat an seiner Hochstapler-Geschichte über vierzig Jahre lang geschrieben, trotzdem ist sie Fragment geblieben. Damit besitzt die Nachwelt die Lizenz zum Fortspinnen oder, um es neudeutsch auszudrücken, zur Überschreibung. Am Wochenende hatte „Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann in der Inszenierung der ebenfalls noch jungen dänischen Regisseurin Tamara Sonja Aijamathiesen Premiere.

Kläy hat das ganze vielschichtige Buch im Blick, auch wenn sie Episoden weglässt und von den haltlosen Figuren nur noch Felix Krull/Armand, Lord Kilmarnock und Diane Philibert übrig geblieben sind. Das kommt bereits in dem langen, in Klammern gesetzten Untertitel zum Ausdruck, der so gut wie alle relevanten Motive aufzählt: „(Über Vergänglichkeit und Illusion, die Zeit, den Verfall, die Erinnerung, das Wetter und die Liebe)“.

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Vor 100 Jahren erschien der erste Teil von Thomas Manns Hochstapler-Roman „Felix Krull“. Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum so viele Menschen immer wieder auf raffinierte Blender reinfallen.

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Allerdings hat es ein Schleudergang an sich, dass hinterher nichts mehr ist, wie es war. Kläy hebelt Manns weitgehend chronologisch erzählte Geschichte aus, verortet sie jenseits von Zeit und Raum. Ist vielleicht alles gar nur der Traum einer Figur namens Felix Krull? So oder so, Felixʼ Schmuckdiebstahl, der ihn später, obwohl nur Liftboy und Kellner, auf großem Fuß leben lässt und auch ins Bett der bestohlenen, devot veranlagten Fabrikantengattin Madame Houpflé alias Diane Philibert befördert, kommt überhaupt erst gegen Ende des Stücks und der Inszenierung zur Sprache. Dann aber mit Wucht.

Paula Kläys „Krull“ ist ein intelligentes Vexierspiel, an dem man umso mehr Vergnügen findet, je besser man mit Manns Vorlage vertraut ist. Dass das anspruchsvoll, aber alles andere als prätentiös ist, liegt an Aijamathiesens federleichter Inszenierung, die Tiefgang mit Humor verbindet, sowie an den stets präsenten Schauspielern Leon Tölle, Marek Egert und Stephan Ullrich.

Du hier?! Felix Krull (links: Leon Tölle) trifft auf sein Alter Ego Armand (Marek Egert).
Du hier?! Felix Krull (links: Leon Tölle) trifft auf sein Alter Ego Armand (Marek Egert). ETA Hoffmann Theater Bamberg / Marian Lenhard

Im Zentrum steht die Ur-Frage des Theaters, wie eine Geschichte erzählt werden soll. Wie überzeugt, betört, täuscht man? Im Theater, so belehrt Leon Tölle als Felix Krull den von Marek Egert gespielten Hotelpagen Armand, sei das Wichtigste die Form! Der Witz an Paula Kläys Stück ist, dass sie Felix leibhaftig auf sein Alter Ego Armand treffen lässt. Das hat etwas Verrücktes, Schizophrenes.

Im Buch ein und dieselbe Person, begegnen sich hier die beiden in einem Hotel, dessen beste Zeiten längst vorüber sind. Statt Glanz, Verfall. Kartons stehen herum, der Kronleuchter liegt am Boden und die Wanduhr spielt verrückt. Es gibt ein altes Tonband, das abgehört wird, weshalb man sich kurz in Becketts Stück „Das letzte Band“ wähnt.

Tölle und Egert, der eine in Unterwäsche, der andere im Schutzanzug, ehe sie sich in ihre Livree werfen, stehen sich gegenüber, scheinen staunend Augen zu fragen: Du hier? Armand ist gar so ungläubig, dass er Felix betatscht, „um zu schauen, ob wir aus dem gleichen Material gemacht sind“. Darauf beginnt ein verbales Ringen, um herauszufinden, welche Identität die Oberhand gewinnt.

Schnell mal nachschlagen im Original? Stephan Ullrich spielt die dekadente Diane Philibert.
Schnell mal nachschlagen im Original? Stephan Ullrich spielt die dekadente Diane Philibert. ETA Hoffmann Theater Bamberg /Marian Lenhard

Unter Einsatz von Improtheater und Slapstick beginnt es sehr lustig, bis eine Pistole gezückt wird. Mal als Wasserpistole, mal geformt mit Hand und Fingern, mal als laut knallendes Theaterrequisit, das im Folgenden zwischen den Darstellern frei flottiert. Das Spiel um Macht und Manipulation wiederholt sich nämlich zwischen Felix und dem homosexuellen Lord Kilmarnock, zwischen Felix und Diane Philibert. Es kommt also die Liebe ins Spiel, was selten gut ausgeht.

Stephan Ullrich spielt die dekadente Diane in Negligé und Cowboystiefeln und mit feinem Gespür für das Abgründige dieser Figur. Sie lässt sich quälen, aber quält umgekehrt auch Felix, indem sie ihn mit seiner unbewältigten Vergangenheit konfrontiert: dem Selbstmord seines halbseidenen Vaters. Bei Thomas Mann ist Felix, nomen est omen, ein Sonntagskind. Bei Paula Kläy ein einsamer, traumatisierter Mensch, hinter dessen Maske als perfekter Hochstapler die Angst hockt.

Felix Krull, ETA-Hoffmann-Theater, aktuelle Termine unter www.theater.bamberg.de

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