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Eskalation bei "Zwölf Stämmen":Polizei holt Kinder aus Glaubensgemeinschaft

Neue Unruhe bei der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme": Um sechs Uhr morgens rückte die Polizei bei den "urchristlichen" Familien in Bayerisch-Schwaben an - und holte 28 Jungen und Mädchen ab. Ein Amtsgericht hat den Eltern vorläufig das Sorgerecht entzogen.

Die Kinder der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" sind am frühen Morgen von der Polizei abgeholt und in Obhut genommen worden. Grund für den Einsatz war ein vorläufiger Sorgerechtsentzug, der vom Amtsgericht Nördlingen angeordnet worden war. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Vorwürfe wegen Prügel und Züchtigungen gegeben. Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums in Augsburg sagte, handelt es sich um 28 Mädchen und Jungen, die in der umstrittenen Gemeinschaft in Klosterzimmern bei Deiningen im Landkreis Donau-Ries leben. Gegen sechs Uhr habe der Einsatz begonnen. Etwa 100 Beamte waren beteiligt. Die Aktion sei friedlich und ohne Zwischenfälle verlaufen.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es immer wieder Streit um die Schulpflicht der Kinder der Glaubensgemeinschaft. Erst vor wenigen Wochen beantragte die urchristliche Gemeinschaft erneut die Genehmigung einer sogenannten Ergänzungsschule. Zuvor hatte das Kultusministerium der bisherigen Privatschule der "Zwölf Stämme" zum 31. Juli die Genehmigung entzogen. Für die schulpflichtigen Jungen und Mädchen bedeutete das, dass sie im nun beginnenden Schuljahr 2013/14 staatliche Schulen oder andere zugelassene Privatschulen besuchen müssten.

Der Grund für die Schließung der bisherigen Ergänzungsschule war, dass die "Zwölf Stämme" zuletzt keinen geeigneten Lehrer mehr benennen konnten. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hatte der Glaubensgemeinschaft dafür zwar mehrere Fristen gesetzt und schließlich aber dann einen Schlussstrich unter die Diskussion um die Schule gezogen.

Sowohl das Ministerium als auch das Landratsamt in Donauwörth wollten die Anträge und neuen Argumente der Gemeinschaft prüfen. Nach Angaben einer Sprecherin der Kreisbehörde hätte es am 10. September - zwei Tage vor Beginn des neuen Schuljahrs - ein Abstimmungsgespräch in München geben sollen. Ob dieser Termin nach dem Polizeieinsatz noch steht, ist fraglich.

Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" haben sich bislang immer geweigert, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Die Gemeinschaft begründet dies mit ihrer Religion, macht "Gewissensgründe" geltend. Ein Grund ist der Sexualkundeunterricht. Der Streit eskalierte im Jahr 2004. Damals kamen Väter in Erzwingungshaft, weil sie die Schulpflicht seit Jahren missachteten.

Die von den Behörden verhängten Buß- und Zwangsgelder hatten sich einst auf 150.000 Euro addiert. Anfang 2006 wurde der Glaubensgemeinschaft dann genehmigt, ihre Kinder in eigener Verantwortung zu unterrichten. Für das bevorstehende Schuljahr hatte die Glaubensgemeinschaft bis Mitte August noch kein Kind an einer anderen Schule angemeldet. Allerdings sei dafür auch noch Zeit bis zum Ferienende, sagte ein Vertreter des Kultusministeriums. Womöglich ist dies bis zum heutigen Tag nicht geschehen.

© Süddeutsche.de/dpa/infu

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