Wenn die Fraktionen im Landtag zu ihren Herbstklausuren laden, dann bewegen sie sich bei den zu Rate gezogenen Expertinnen und Experten nicht selten in der eigenen Blase. In einer Wohlfühlzone: Arbeitgebervertreter bei der CSU, Gewerkschafter bei der SPD, Ökologie-Experten bei den Grünen – so ist das in den Programmen meist zu lesen, zugespitzt.
Die Grünen treffen sich Mitte September in Passau, um sich nach der politischen Sommerpause zu sortieren und zu positionieren. So weit, so ritualisiert. In der Einladung, die dieser Tage verschickt werden soll, steht nach Informationen der Süddeutschen Zeitung indes ein Name, über den man stolpert: Erwin Huber, 79, Ex-CSU-Vorsitzender, früherer Wirtschafts- und Finanzminister in Bayern. Was steckt da dahinter?
„Erwin Huber geht zu den Grünen, das ist schon ein Signal“, sagt Huber und lacht erst mal, als man ihn am Telefon zu seinem Ausflug zur Konkurrenz befragt. Wobei, ein großer Ausflug ist es rein geografisch nicht wirklich, Huber kommt aus dem Landkreis Dingolfing-Landau, die Grünen tagen in Passau. Inklusive öffentlichem Frühschoppen mit Huber, in einem Wirtshaus.
Dort soll er mit Fraktionschefin Katharina Schulze, anderen Grünen und dem niederbayerischen Kabarettisten Martin Frank dieses Thema erörtern: „Europa ist, was wir draus machen – für eine starke Heimat!“ Warum macht er das? Huber sagt, er habe zunächst gezögert, als die grüne Offerte einging. Für die Zusage sprächen aber eine praktische und eine politische Komponente.
Die praktische: Er freue sich über das Thema Heimat bei der grünen Klausur, für eine urbane Partei sei das „doch etwas Neues“. Und er sei ja eine Art „Mister Niederbayern“, folglich der passende Ansprechpartner. Er habe kräftig mitgeholfen bei der Entwicklung Niederbayerns, von einer unterentwickelten Randlage, wie es lange hieß, zu einer selbstbestimmten Region, die „sich vor München nicht verstecken“ müsse. Nachhilfe also für den Grünen? Der Begriff scheint Huber zu gefallen, „kann denen nicht schaden“, sagt er. Er wolle zeigen, was der ländliche Raum alles leisten kann.
Und die politische Komponente? Huber kommt selbst auf das „Grünen-Bashing“ zu sprechen, mit dem seine CSU die Wahlkämpfe für den Bundestag (2025) und den Landtag (2023) rabiat gewürzt hatte; mit Markus Söder als Speerspitze. Als Robert Habeck und Annalena Baerbock „zu Staatsfeinden hochgejubelt“ wurden, sei das „der Demokratie schädlich“ gewesen, findet der Ex-Parteichef. Man müsse „die Grünen als Partei der Mitte anerkennen“, müsse gemeinsam gegen die Feinde der Demokratie kämpfen, statt sich zu zerfleischen. Und für den Klimaschutz, das ist Huber noch wichtig, setze sich ansonsten „niemand“ ein, das sei lobenswert. Kurzum: Er tue mit seinem Auftritt schon irgendwie „Buße“ für die CSU.
Zur Klausur im CSU-Heiligtum Kreuth reiste einst der Liedermacher Wolf Biermann
Natürlich, glaubt Huber, werde er „Exot“ sein unter Grünen, „wie im Zoo besonders bewundert“. Als „Mutprobe“ sehe er das aber nicht. Und wenn das mancher für eine halten wolle, „Hasenfuß“ sei er sowieso keiner. Was stimmt: Der Polit-Pensionär meldet sich seit Jahren gern mal mit Einordnungen zu Wort, die in der Staatskanzlei nicht immer Halleluja-Rufe auslösen dürften. Eben zum Umgang mit den Grünen, auch schon zu Söders Karriere-Optionen oder kürzlich erst zur Schuldenpolitik des Freistaats.
Katharina Schulze stimmt da zu: „In diesen Zeiten brauchen wir wieder Mut zur Ehrlichkeit. Dafür steht Erwin Huber wie kein Zweiter“, sagt sie. „Er ist ein Mann der klaren Worte, der lieber sagt, was ist, statt den Leuten Honig ums Maul zu schmieren.“ Hubers tiefe Verwurzelung in Niederbayern komme noch dazu. Klingt alles recht flirty, wechselseitig.
Einst setzte übrigens auch die CSU selbst bei Klausuren auf mehr politische Diversität. Bei Treffen der CSU-Landesgruppe waren in den Achtzigern und Neunzigern ausgerechnet im heiligen Kreuth konträre Geister zu Gast; Geistesmenschen konkret, wie der Schriftsteller Martin Walser oder der Liedermacher Wolf Biermann. Unter Ägide damals von Theo Waigel, der das später in einer Publikation der Hanns-Seidel-Stiftung mal so beschrieb: „Diese Gäste stellten plötzlich fest, dass man mit uns reden kann, dass wir nicht so sind wie im Spiegel dargestellt.“
Alles intern allerdings, anders als jetzt beim Frühschoppen mit Erwin Huber. Wobei von Wolf Biermann eine fiese Schmeichelei überliefert ist. Eine „gute Mafia“ seien sie hier bei der CSU, eine „Bande, die durch dick und dünn geht“. Mal sehen, was Huber danach über die Grünen so sagt.

