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Ermittlungen wegen Wahlmanipulation:Wer die Erntehelfer befragt, erntet Schulterzucken

Es gibt Menschen in deutschen Amtsstuben, die unter Baumanns Belegschaft fein unterscheiden: zwischen sogenannten Capos und einfachen Arbeitern, wie sie ein paar Kilometer außerhalb von Geiselhöring gerade Spargel aus der Erde holen. Einer winkt einem der alten Linienbusse hinterher, der die Erntehelfer auf einem der schier endlosen Felder verteilt. Zwei der 14 rumänischen Arbeiter trinken etwas, Deutsch oder Englisch spricht keiner von ihnen.

Wer sie nach der Kommunalwahl befragt, erntet freundliches Schulterzucken. Aber ein Kollege weiter unten, bedeutet einer, der soll Deutsch verstehen. Baumann? "Jaja, Baumann", nickt der Mann. Die Wahl? Wann sie denn in Geiselhöring angekommen seien? Höfliches Kopfschütteln. Die Arbeiter folgten in der Regel den Anweisungen ihrer Capos, sagt ein Beamter.

Auch bei einer Wahl? Die 14 Rumänen auf dem Feld hätten nicht gewählt, versichert Baumann. Und dass er nichts davon halte, wenn jemand nach nur zwei Monaten über die nächsten sechs Jahre einer Kommune entscheiden dürfe. Aber im Fall der 482 EU-Bürger von Geiselhöring sei das anders: Das seien Menschen wie Ewa Urbach oder selbständige Unternehmer, die sich zu Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) zusammenschlössen.

Menschen, die sich hier zu Hause fühlten und mit Werkverträgen ausgestattet würden. Daher könne er nur wenig mit dem Begriff Erntehelfer anfangen, sagt Baumann. 95 Kunden hätten diese 37 GbR in der Region, er sei nur einer davon, wenn auch der größte. Einfluss auf diese Leute zu nehmen, das liege ihm fern. Aber Einfluss auf die Leute zu nehmen, das liege ihm fern. Arbeitgeber und Wohnungsvermieter - andere sehen darin durchaus die Gefahr einer Abhängigkeit.

Die Stimmung in der Stadt ist gespalten

Hermann Büchner hat den Eindruck, dass in Geiselhöring einiges schiefgelaufen ist. Büchner ist Lehrer an der bayerischen Verwaltungshochschule in Hof, Bürgermeister Krempl wurde er als Kapazität in Kommunalwahlrecht empfohlen. Es sei eine Schwachstelle des neuen Wahlrechts, dass Wahlunterlagen zwar legal, aber ohne Absicherung über jeden Computer beantragt werden könnten, sagt Büchner. Wenn die Erntehelfer auch noch automatisch ins Wahlverzeichnis eingetragen würden, sei Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Grundsätzlich komme es bei der Wahlberechtigung ohnehin nicht darauf an, wie lange sich ein Erntehelfer in Deutschland aufhält (mindestens zwei Monate), sondern wo er seinen Lebensmittelpunkt habe.

Auch das wird das Landratsamt in den 482 Fällen nun prüfen. Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass nicht nur die Wahl in Geiselhöring wiederholt werden kann, sondern möglicherweise sogar die zum Kreistag, in den Rosemarie Baumann ebenfalls eingezogen ist. Die Erntehelfer könnten wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen belangt werden. Dabei seien sie in der ganzen Geschichte die ärmsten Kerle, wie der Bürgermeister sagt.

Die Stimmung in der Stadt ist gespalten: Auf der einen Seite stehen Baumann-Befürworter, welche die Familie für grundehrlich halten; auf der anderen Gegner, die dem Agraringenieur und der Lehrerin alles zutrauen, seitdem sie einen Doktortitel führen. In den Leserbriefspalten der Lokalzeitung fliegen Giftpfeile hin und her, Karl Baumann spricht von einer Neid-Debatte.

Einigkeit herrscht nur darin, dass die Sache aufgeklärt werden muss. Auch Rosemarie Baumann plädiert für eine "neutrale Überprüfung", schließlich dürften Wahlen "nicht zur Schlachtbank der Demokratie werden". CSU-Sieger Lichtinger betont, er wolle unter fragwürdigen Umständen keinesfalls Bürgermeister werden.

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Trotzdem wird er das Amt zum 1. Mai erst einmal antreten und seinen Job aufgeben. Sofern es zu Neuwahlen kommt, können Monate vergehen. Bernhard Krempl also wird sich bis dahin einen Beruf suchen müssen. Saisonarbeiter? "Warum nicht", sagt er mit bitterem Lächeln.