Für die Grünen wurde Jasmin Fleißgarten im März in den Erlanger Stadtrat gewählt, sie legte sich auf Social Media einen politischen Account an. Dass ihr dort jemand anbieten würde, gemeinsam „die Pille“ auszuprobieren, damit hat 22-Jährige nicht gerechnet. Sie wehrt sich öffentlich – auch mit dem Satz: „Liebe Männer Ü40, bitte lasst mich in Ruhe. Ich suche keinen Vater. Ich habe schon einen.“
SZ: Frau Fleißgarten, zehn Wochen, nachdem Sie Stadträtin von Erlangen geworden sind, haben Sie sich offenbar veranlasst gesehen, auf Social Media mal etwas klarzustellen.
Jasmin Fleißgarten: Meinen politischen Account bei Instagram habe ich seit Mitte März, nach der Kommunalwahl habe ich ihn angelegt. Von Anfang an meldeten sich die obligatorischen Männer, die einem schreiben: „Hi, wie geht’s?“ Das kann man einordnen, offenbar handelt es sich um Datingangebote. Was mich dann aber doch sauer gemacht hat, war erstens die Zahl dieser Angebote auf einem Account, auf dem es offenkundig um politische Themen geht. Und dann die Anschreiben, die deutlich über ein „Wie geht’s?“ hinausgehen. Deshalb beginnt mein Post mit: „Liebe Männer, wir müssen reden!“
Haben Sie in etwa im Blick, wer Sie da anschreibt?
Das ist ein entscheidender Punkt. Ich habe einigermaßen damit zu leben gelernt, von Männern in ungefähr meinem Alter kontaktiert zu werden. Das ist auch nervig, kann einem aber mitunter – wenn einen Teenager anschreiben – sogar bisschen leidtun, weil sie offenbar keine Ahnung haben, wie sie sonst mögliche Partnerinnen kennenlernen sollen. Wirklich schockiert war ich jetzt, wie viele ältere Männer mich anschreiben – mit eindeutig nicht-politischem Ansinnen. Männer, die im Alter meines Vaters sind, zwischen Mitte vierzig und Ende fünfzig. Also mehr als doppelt so alt wie ich. Da denke ich mir: Was soll das? Wollt ihr morgen mit meinem Vater frühstücken?
Ihr Account heißt „jasminimstadtrat“, es geht um politische Themen, Sie posten unter anderem eine Art Tagebuch aus dem Stadtrat.
Und auf diesem Account fragt einer an, wann man gemeinsam – Zitat – die „Pille testen“ möchte. Ein anderer reduziert mich auf Äußerlichkeiten: „Hast ein schönes Gesicht“. Ein Dritter möchte mich zu einem gemeinsamen „Wellnesstag“ einladen. Aber auch die Anfragen unterhalb dieser Form von Sexualisierung irritieren mich. Ich empfinde es einfach als komplett unangemessen, jemanden auf einem Account, auf dem diese Person eindeutig politisch agiert, direkt auf einer privaten Ebene anzusprechen. Würde man ein männliches Stadtratsmitglied auf Social Media kontextfrei anfragen: „Hey, lass uns mal Kaffee trinken?“
In einem SZ-Gespräch mit der Vorsitzenden der Frauenunion, der Sozialministerin Ulrike Scharf, ging es kürzlich um die Frage, was Frauen davon abhält, sich politisch zu engagieren. Sie erwähnte auch Ihren Fall, die Tatsache also, dass sich da eine junge Frau als Stadträtin „dauernd mit sexualisierten Bemerkungen auseinandersetzen“ müsse. Haben Sie den Schritt in den Stadtrat bereut?
Zunächst mal: Dass die Ministerin meinen Fall auf dem Schirm hat, freut mich natürlich, wir sind ja nicht mal in derselben Partei. Aber nein, ich bereue das nicht. Werde auch niemandem den Gefallen tun, wegen solcher Sexualisierungen mit der Politik aufzuhören. Und ich bereue auch meinen Post nicht, auch wenn so etwas natürlich erst mal Arbeit macht anschließend. Ich halte es einfach für wichtig, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt. Zumal sich solche Sexualisierungen ja nicht nur auf die politische Sphäre beschränken. Und dergleichen von vielen immer noch heruntergespielt wird mit: „Ist doch okay, das kann man doch machen, ist doch nett gemeint.“
Sie müssen nebenher Ihr Studium bewerkstelligen, Jura soll ja durchaus mit Mühe verbunden sein.
Ich habe mit 17 Abitur gemacht und hoffe, noch mit 22 mein Staatsexamen zu machen – demnächst also, es gibt folglich durchaus etwas zu tun. Aber die grüne Stadtratsfraktion in Erlangen hält mir bei vielem gut den Rücken frei.

Ist man eigentlich versucht, Herren, die einem unvermittelt einen gemeinsamen „Wellnesstag“ antragen, eine saftige Antwort zukommen zu lassen?
Den Mann habe ich mehrmals ignoriert, irgendwann habe ich ihm meinen „Männer-wir-müssen-reden“-Post zukommen lassen. Darauf antwortete er: Ein gemeinsamer „Wellnesstag“ – das sei doch nicht sexualisiert gemeint. Andere kommentierten, die Bemerkung „Hast ein schönes Gesicht“ sei doch einfach nur nett, kein bisschen sexualisiert. Verzeihung: Würde man einen politischen Post eines männlichen Stadtrats mit den Worten kommentieren: „Hast ein schönes Gesicht?“
Einer hat Ihre Irritation über ungebetene männliche Körperkommentare und Datingangebote mit den Worten kommentiert: „Verrückt, dass so was nicht als Privileg der Frau gesehen wird. Denn Männer werden nie angeschrieben, müssen immer alles selbst machen.“
Was – aus dem Kontext geht das hervor – offenbar komplett ironiefrei gemeint ist. Schon befremdlich, dass da einer nicht das eigentliche Privileg erkennen will: nämlich in dieser Form in Ruhe gelassen zu werden. Wahrgenommen zu werden für das, was man sagt. Vor allem nicht auf Aussehen reduziert zu werden, sich nicht die ganze Zeit Gedanken machen zu müssen: Wie sehe ich gerade aus, welche Kleidung trage ich?
Ist Kleidung etwas, was Sie umtreibt?
Ich muss mich zumindest damit beschäftigen, weil ich damit konfrontiert werde. Angeblich sei ich zu freizügig angezogen. Erstens lehne ich die These ab, dass eine Frau, die angeblich freizügig angezogen ist, das Privileg verliert, in Ruhe gelassen zu werden. Und zweitens kleide ich mich meiner Ansicht nach nicht freizügig. In einem Fernsehinterview hatte ich ein schulterfreies Kleid an, bei gefühlten 35 Grad Außentemperatur. Da müsse ich mich ja nicht wundern, hieß es daraufhin.
Sie sind 22, jüngste Stadträtin in Erlangen. Ihren politischen Instagram-Account aber haben Sie erst seit wenigen Monaten. In Ihrer Generation würde man das eher anders erwarten.
Ich hatte da eine sehr negative Erfahrung gemacht. Nachdem ich in den Kreisvorstand der Grünen Jugend gewählt wurde, machten sich in einer rechten Telegram-Gruppe ältere Männer offenbar einen Spaß daraus, zu bewerten, welche junge Frau der Grünen die heißeste ist. Daraufhin war mir klar: Wenn ich einen öffentlichen politischen Account erstelle, werde ich sexualisiert. Ein Sexualobjekt will ich nicht sein. Also war es lange eine Abwägung.
Erlegen Sie sich selbst Regeln auf?
Ohne die geht es nicht, leider. Auf der besagten Telegram-Plattform sah man auch junge Frauen im Bikini. Dergleichen will ich auf gar keinen Fall. Jedes meiner Outfits wird also vorab hinterfragt: Könnte es, Verzeihung, rechten Männern zum Aufgeilen dienen?
Posten Sie Veranstaltungen live?
Nein. Ich möchte möglichst vermeiden, dass mein Aufenthaltsort ersichtlich ist. Die Sorge, dass jene Männer, die da auf Social Media Kontakt zu knüpfen versuchen, das auch mal im echten Leben probieren, treibt mich schon um.
In Ihrem Protest-Post findet sich gegen Ende der Satz: „Liebe Männer Ü40, bitte lasst mich in Ruhe. Ich suche keinen Vater. Ich habe schon einen.“
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass diese Form freundlicher Deutlichkeit eine Wirkung zeigt.

