Süddeutsche Zeitung

Forschung:Der Urzeit-Detektiv

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Wolfgang Kießling ist der einflussreichste Paläontologe Deutschlands und einer der Autoren des Weltklimaberichts, der an diesem Montag erscheint. Ein Besuch in Erlangen.

Von Viktoria Spinrad, Erlangen

Der Schlüssel zur Urzeit erinnert ein wenig an ein Herz. Doch die 150 Millionen alte Koralle ist nicht rot, sondern beige. Sie atmet auch keinen Sauerstoff, sondern Geschichte. Konzentriert fährt Wolfgang Kießling, 56 Jahre, asketischer Typ, stechende Augen, mit den Fingern an ihren Linien entlang. Dann schaut er auf. "Diese Koralle", sagt er, "will uns etwas erzählen."

Ein Februarnachmittag im Erlanger Institut für Paläontologie der Friedrich-Alexander-Universität (FAU). Das Büro des einflussreichsten Paläontologen Deutschlands ist ein Raum für Urzeitforschung: Fossilien im Regal, ein Mikroskop auf dem Schreibtisch, ein eingerahmter Archäopteryx an der Wand.

Es ist das Reich eines Mannes, der sich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt, die vielen eher als Nischen-Hobby erscheinen. Welche Korallen lebten vor Millionen Jahren in Indonesien? Wie erging es dem Plankton im Paläozoikum? Wie viel Karbonat produzierten Riffe im Obermiozän? Themen, über die Kießling lange gestikulierend reden kann. Nur: Was soll das Ganze überhaupt?

Kießling dreht die Koralle in den Händen. Keine 200 Kilometer südwestlich von Erlangen wurde sie aus dem Boden gehoben, kurz hinter der bayerischen Landesgrenze. In der schwäbischen Alb, wo in der Jurazeit noch ein tropisches Meer war. Dort fühlten sich Riffe mit Korallen wie das "Thecosmilia trichotoma" offenkundig wohl. Später war das nicht mehr so: In der Zwischeneiszeit wanderten Korallen wie diese gen Süden und kehrten erst wieder zurück, als es wärmer wurde. "Wenn wir wissen, was wann weg war", sagt Kießling, "dann können wir die Folgen des Klimawandels viel besser abschätzen."

Seine Worte wählt er sehr genau an diesem Nachmittag. Denn nicht selten ist Wissenschaft hochpolitisch. So auch dieser Tage, an denen er mit 270 Kollegen aus aller Welt das geballte Wissen über den Zustand der Welt zusammenträgt und in Worte gießt. Mehr Hitzewellen, mehr Starkregen, mehr Klimaflüchtlinge: Die Berichte des Weltklimarats (IPCC) sind zumeist viel beachtete Hiobsbotschaften.

Davor steht ein Durchwühlen Tausender Studien - und ein politisches Tauziehen um Formulierungen. Wie sehr wird der Meeresspiegel bis 2100 steigen? Ist es "praktisch sicher", dass der menschengemachte Klimawandel hinter dem Rückgang von Grönlands Eisschild steht - oder nur wahrscheinlich? Kießling gehört zur Arbeitsgruppe II, drei ihrer Mitglieder kommen aus Bayern. Zur Arbeit mag er sich nicht im Detail äußern, alles top secret. Er sagt nur so viel: "Wir sehen zum ersten Mal, dass Arten durch den Klimawandel aussterben."

Na und?, könnte man jetzt sagen. Werden die Menschen schon überstehen. Klimawandel gab's doch schon immer. Oder nicht? Kießling sprudelt dann nicht mehr so, sondern spricht langsam und bedacht. Er geht 250 Millionen Jahre zurück, zum schlimmsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Damals, als aus Vulkanen im heutigen Sibirien Millionen Kubikkilometer Magma die Erdoberfläche überfluteten, sich die Erde um zehn Grad aufheizte, 90 Prozent aller Arten ausstarben und es fünf Millionen Jahre dauerte, bis sich die Erde wieder einigermaßen erholt hatte. "Auch damals", sagt er dann, "hat der Klimawandel verheerende Auswirkungen gehabt."

Diese sind auch längst in Bayern zu spüren. Das Klima im Freistaat wird wärmer und extremer. Die Gletscher schmelzen, die Wälder vertrocknen, der Starkregen wird mehr. Während Zugvögel im Winter gleich hier bleiben, in den Wäldern Pilze auftauchen, die es vorher nur im Süden gab und sich Städte immer genauer überlegen müssen, was sie anpflanzen. Auf solche Veränderungen, sagt Kießling, "müssen wir uns einstellen".

Dass er mal einer der Vordersten seines Fachgebiets werden würde, hätte er wohl selber nicht gedacht. Vor mehr als drei Jahrzehnten tauchte er in seiner ersten Vorlesung an der FAU auf, "zu spät, wie immer", erzählt er. Dafür in Lederjacke und der Gewissheit, es wie viele andere Geologen zu der Zeit mal als Erdölbohrer zu was zu bringen. Doch im Hörsaal ging es nicht um Geld, sondern um Grünalgen. Wie sie ausschauen, was sie produzieren. Kießling war hin und weg. Fortan ging er anders durch die Welt, las in Steinen wie in einem Buch und reiste durch die Welt.

Damals war die Arbeit mit Fossilien an einem Scheidepunkt. Hier diejenigen, die ähnlich wie die Pioniere aus der Kolonialzeit im stillen Kämmerlein die Beschaffenheit von Urzeitschnecken analysierten. Dort diejenigen, die versuchten, große Datensätze zu sammeln und aus ihnen weltweite Trends herauszulesen. Auch Kießling wollte größer denken.

Er ging nach Chicago, lernte das Programmieren und brachte die paläontologische Revolution nach Deutschland. "Ohne ihn würde es das hier so nicht geben", sagt der Vizepräsident der Paläontologischen Gesellschaft, Alexander Nützel. "Er ist seiner Zeit weit voraus", sagt Dieter Korn, Paläontologe im Museum für Naturkunde in Berlin. "Es reicht nicht, fasziniert von einem Stein zu sein", sagt Kießling.

Im Erlanger Norden geht er jetzt hinter seinen Schreibtisch, klickt den Besprechungschat mit den IPCC-Kollegen weg, die schon wieder in der nächsten Vorbesprechung sitzen und lädt eine Tabelle runter. Alter des Riffs, Größe, Standort, Beschaffenheit, Lage, Wassertiefe, Organismen - es ist die Vermessung der Urzeitriffe in der Geschichte. Dann öffnet er ein Chart mit zackigen Kurven, rauf, runter, eine Chronologie des Verschwindens und Wiederauftauchens der Riffe. Sie zeigt: Wird es zu warm, wandern die Riffe dahin ab, wo es kühler ist - und mit ihnen Nahrungsquellen, Küstenschutz, Tourismus. "Dann war's das", sagt Kießling.

In der Szene gilt er als so charismatischer und strittiger wie auch umtriebiger Draufgänger und versierter Datenjongleur. Einer, der die richtigen Fragen stellt, immer überall mitmischen will und das Erlanger Institut mit seinem statistischen Ansatz zu einem Aushängeschild seines Fachs formte. Eine Hochburg in der schmalen Talsenke, wenn man so will: Denn bayernweit zählte das Landesamt für Statistik zuletzt gerade einmal 19 Paläontologie-Studenten, 67 studieren das zusammen mit Geologie. Ein kleines Fach, mit Kießling als vordersten Verfechter. Kein deutscher Paläontologe wird so oft zitiert wie er, weltweit rangiert er auf Platz elf.

In anderen Fachgebieten wäre er damit ein Superstar. Doch in der Paläontologie sind viele oft schon froh, wenn nicht noch ein Lehrstuhl wegfällt. Die Volkswagen-Stiftung, eine der größten privaten Stiftungen Deutschlands, unterstützt seine Arbeit. Diese ist zugleich ein Dilemma: Forscher fliegen um die Welt, um Fossilien zu sammeln, die Folgen des Klimawandels besser abzuschätzen und so die Erde zu schützen. Auch er sei da gespalten, sagt Kießling. Aber es sei doch so: "Nur wenn ich die Schönheit der Welt kenne, weiß ich auch, was ich eigentlich schütze, wenn ich mich besser verhalte."

Aus seinem Regal nimmt er jetzt einen Stein mit einem Fischkopf. Er kommt aus dem nahegelegenen Altmühltal, einer wahren Schatzgrube unter den Fossilien-Fundstätten. Mehr als 900 versteinerte Pflanzen- und Tierarten wurden dort schon entdeckt, aus einer Zeit von vor rund 150 Millionen Jahren. Kießling dreht den Stein, dann legt er ihn wieder weg. "Ein einzelner Fisch sagt uns nicht viel", sagt er. Was er meint: Viele Fische dann schon viel mehr.

Er wippt auf der Stelle. Die nächste Besprechung mit den Kollegen läuft schon an. Als einer der Hauptautoren der Arbeitsgruppe, die sich um Auswirkungen, Anpassungen und Verwundbarkeiten kümmert, darf er nicht fehlen. Zumal die Zeit drängt. An diesem Montag soll der Bericht erscheinen, und es gibt noch einiges zu tun. Sind wir dem Untergang geweiht? Er lächelt, schüttelt den Kopf. Der Mensch, sagt er, werde sich schon anpassen. "Den bekommt man so schnell nicht weg." Wenn es so weitergehe, sei bloß die Frage, wie lebenswert das Leben ist, das dann noch bleibt.

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