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Erlangen:Die Hupfla wird zum Ort der Zukunft

Nach jahrelanger Debatte um die historische Pflegeanstalt wird dort das Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin gebaut

Von Olaf Przybilla, Erlangen

Die weithin fehlenden außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Nordbayern waren lange ein heikles politisches Thema. Vor allem die nicht proportionale Verteilung von Max-Planck-Instituten im Freistaat monierten fränkische Abgeordnete mit Leidenschaft. Seit 2009, seit der Gründung des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts in Erlangen, wird das Thema nicht mehr ganz so erregt debattiert. Trotzdem wollen Politiker nördlich der Donau mit Blick auf die Planck-Niederlassungen in München, Garching, Martinsried - Sitz jeweils mehrerer Institute - von Gerechtigkeit nichts hören. Da hätte man davon ausgehen dürfen, dass der Plan, das einzige Max-Planck-Institut Frankens um ein Forschungszentrum zu erweitern, auf ausschließlich positive Resonanz stößt.

Das aber war nicht so. Der umstrittene Ort für den geplanten Forschungsneubau hat die Debatte in Erlangen in den vergangenen Jahren klar dominiert: Für das Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin (MPZPM) in der Nähe der Universitätsklinik wird Platz benötigt. Und zunächst hatte es so ausgesehen, als müsse die historische Heil- und Pflegeanstalt - in Erlangen unter dem Namen "Hupfla" bekannt - dem Neubau vollständig weichen. Dagegen formierte sich heftiger Widerstand: Auf dem Areal am Flüsschen Schwabach waren während der NS-Zeit 908 Patienten untergebracht, die anschließend in Tötungsanstalten ermordet wurden. 1500 weitere Patienten starben an den direkten oder indirekten Folgen mangelhafter Ernährung. Um zumindest Teile des historischen Baus als Gedenkort zu retten, formierte sich eine Initiative, die enormen Zulauf und am Ende auch Erfolg hatte: Wenn am Mittwoch Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger den Grundstein für eine knapp 60 Millionen Euro teure Investition des Freistaats legen, blicken sie auf den benachbarten Mittelbau der Hupfla, in dem nach vollständiger Renovierung ein Gedenkort entstehen soll vor allem für Patienten, die zu Opfern des Nationalsozialismus geworden sind. Für das MPZPM musste - als Kompromiss - ein Teil des ehemaligen Patiententrakts der "Heilanstalt" weichen.

Nachdem der Streit um Abriss oder Teil-Abriss eines NS-Opferortes über Jahre die Debatte in Erlangen überlagert hat, soll der Fokus zumindest bei der Grundsteinlegung auch auf dem MPZPM liegen. Bis zum Jahr 2024 soll auf dem Gelände des Universitätsklinikums ein Gebäude mit Laboren und Büros auf fünf Etagen für insgesamt 180 Beschäftigte entstehen. Forscherinnen und Forscher aus den Bereichen Physik, Mathematik, Biologie und Medizin wollen auf dem Gelände an der Schwabachanlage gemeinsam nach neuen Wegen suchen, schwerwiegende Krankheiten wie Krebs zu behandeln. Nutzen wollen sie dabei die Stärken aller vier Wissenschaftsdisziplinen und Kompetenzen dreier beteiligter Institutionen: Friedrich-Alexander-Uni, Uniklinikum Erlangen sowie eben das Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts. In der Einrichtung solle Forschung ermöglicht werden, "die am Schluss unsere Gesellschaft voranbringt", hofft Erlangens OB Florian Janik - und zwar an einem "geschichtsträchtigen Ort, an dem im Namen der Medizin" mitten in der Stadt furchtbare Verbrechen begangen wurden. Janik hält den Bauplatz für einen idealen Ort, um zu zeigen, dass "wir heute mit Medizin anders umgehen, dass wir uns dafür verantwortlich fühlen, einen Beitrag zu leisten, dass es kein weiteres Mal passiert".

Wie es in der ehemaligen Hupfla weitergehen könnte, dafür liegt ein Gutachten von Julius Scharnetzky und Jörg Skriebeleit vor, beides Wissenschaftler der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie schlagen einen Erinnerungs- und Zukunftsort multiplen Charakters vor: "museal, memorial, pädagogisch, diskursiv und sozial", wie es in dem Papier heißt.

© SZ vom 19.05.2021/van
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