Nationalsozialismus in Erlangen:Alte Heil- und Pflegeanstalt wird zum Gedenkort

Gedenkstätte Buchenwald

Die "Hupfla" in Erlangen soll zu einem Lern- und Gedenkort werden. (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Ursprünglich sollte die "Hupfla" zugunsten neuer Uni- und Forschungseinrichtungen abgerissen werden. Nun will Erlangen den historischen Bau doch in größerem Umfang erhalten.

Von Olaf Przybilla, Erlangen

Kein Thema hat in der Universitätsstadt Erlangen zuletzt für heftigere Debatten gesorgt als der Teilabriss der historischen Heil- und Pflegeanstalt, im Volksmund "Hupfla" genannt. Auf dem Areal am Flusslauf der Schwabach waren in der NS-Zeit mehr als 900 Patienten untergebracht, die später in Tötungsanstalten ermordet wurden.

Der ursprüngliche Plan, den historischen Bau zugunsten neuer Uni- und Forschungseinrichtungen abzureißen, hatte ein immenses Echo in der Bevölkerung ausgelöst, gegen den Abriss gründete sich eine Bürgerinitiative. Zuletzt war zwar nur noch von einem Teilabriss die Rede, jedoch sollten nur noch geringe Teile der "Hupfla" übrig bleiben. Neuen Plänen zufolge bleibt der historische Bau nun aber doch in größerem Umfang erhalten. Im Mittelteil des Baus sowie in Teilen der Seitenflügel ist jetzt ein Lern- und Gedenkort geplant, die sich vor allem mit den NS-Verbrechen an Patienten beschäftigen soll. Überdies soll dort eine thematisch passende Professur untergebracht werden.

Erlangen folgt damit dem Konzept, das Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, bereits 2019 umrissen hatte. Ihm zufolge ist das Thema Psychiatrie und Nationalsozialismus kein "genuin Erlangen betreffendes", vergleichbare Anstalten habe es in allen bayerischen Bezirken gegeben. Trotzdem stehe die "Hupfla" exemplarisch für begangene NS-Medizinverbrechen.

Laut Skriebeleit kann in Erlangen eine Erinnerungsstätte entstehen, die mehr ist als ein reiner Gedenkort. Er sieht Chancen, die NS-Medizingeschichte dort am Beispiel der Medizinstadt Erlangen zu dokumentieren. Der Ort eigne sich aber auch dafür, sich mit Themen wie Zwangssterilisation und Zwangskastration zu beschäftigen. Zudem könnte die Einrichtung auch medizinethische Debatten vor der NS-Zeit abbilden sowie den Umgang mit Opfern und Tätern nach 1945. Auf diese Weise hätte ein Erinnerungs- und Zukunftsort in Erlangen ein Alleinstellungsmerkmal. Mit mehr als 2000 Quadratmetern werde nun eine "immense Fläche für eine Ausstellung entstehen", kündigt Skriebeleit an.

Jörg Skriebeleit,

Jörg Skriebeleit.

(Foto: Angelika Bardehle)

Erlangens Uniklinik klagt seit Jahren über Platznot, auch das Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin will sich erweitern. Planer hielten die geplanten Einrichtungen deshalb lange für schwer vereinbar mit dem Altbau, immerhin sei ein Forschungszentrum von internationalem Rang geplant, bei dem Nähe zu bereits existierenden Institutionen notwendig sei.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit sollen nun sowohl Forschung als auch Erinnerung auf dem historischen Areal verwirklicht werden. Heinrich Iro, der ärztliche Direktor der Uniklinik, verspricht eine "zentrale, optisch imposante Gedenkstätte". Wie die Kosten auf potenziell Beteiligte - etwa Universität, Bezirk, Bezirkskliniken, Stadt und Freistaat - verteilt werden sollen, ist noch nicht klar.

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