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Erdgasfahrzeuge:Rosenheim schließt einzige Erdgastankstelle

  • Die Rosenheimer Stadtwerke betreiben eine Erdgas-Tankstelle.
  • Da nun eine Bahn-Tochter als größter Kunde abspringt, könnte sie bald nicht mehr rentabel sein.
  • Die Busse sollen künftig vermehrt mit Elektro-Hybrid fahren.

Ein ganzes Jahr lang durften die Besitzer der neuen Autos gratis tanken. "Das Projekt erfreute sich großer Beliebtheit und leistete einen großartigen Beitrag zum Umweltschutz", schreiben die Rosenheimer Stadtwerke. Sie haben sich diese Großzügigkeit 2004 geleistet, um ihre neue Erdgas-Tankstelle zu bewerben. Nach der Werbeaktion, wie sie damals in ähnlicher Form viele Gasversorger auflegten, habe es in Rosenheim 200 Erdgas-Autos gegeben.

Derzeit haben noch 121 von 40 000 Rosenheimer Autos Erdgas-Antrieb. Wie weit sie damit noch kommen werden, ist aber offen. Denn in dem Schreiben an die Kunden, in dem vom großartigen Beitrag für die Umwelt die Rede ist, kündigen die Stadtwerke nun an, ihre Erdgas-Tankstelle - die einzige in einem weiten Umkreis - über kurz oder lang aufzugeben.

Zwei Jahre werde man die Tankstelle mindestens noch betreiben, sofern es die Wirtschaftlichkeit erlaube - sofern sie sich also rechnet und keine größeren Investitionen anstehen. Für Kunden, die auf die Stadtwerke und deren Tankstelle vertraut und selbst in Erdgas-Autos investiert haben, hat sich das durchaus rechnen können. Erdgas gilt als vergleichsweise günstiger Kraftstoff. Dafür haben Erdgas-Enthusiasten wie Agathe Lehle aus dem nahen Kolbermoor gern auf ein paar PS verzichtet. Vor allem aber sind sie mit recht reinem Gewissen gefahren, denn Erdgas-Motoren stoßen praktisch keinen Feinstaub und relativ wenig Stickoxid aus. Und über die wird derzeit etwa in München heftig gestritten - bis hin zu möglichen Fahrverboten für Dieselautos.

In Rosenheim gebe es aber weder eine Diskussion über Fahrverbote noch seien Grenzwerte überschritten worden, heißt es aus dem Rathaus. Die Beschwerden von Agathe Lehle und anderen, die womöglich bald nur noch fast 25 Kilometer entfernt am Irschenberg oder noch weiter weg tanken können, habe man an die Stadtwerke weitergereicht. Dort sagt Abteilungsleiter Klaus Hollnaicher, man habe fairerweise warnen wollen, dass man, wie einige andere Gasversorger auch, den Bestand der Tankstelle nicht mehr lang garantieren könne. Das liegt am größten Kunden, der Bahn-Tochter Regionalverkehr Oberbayern, bei deren Rosenheimer Busdepot die Tankstelle liegt.

Während etwa in Augsburg 2016 weitere zwei Dutzend Erdgas-Busse beschafft wurden, stellt der RVO auf Elektro-Hybrid um und hat in Rosenheim gerade noch zwei Erdgas-Busse. Im Unterschied zum etablierteren Autogas, einem Nebenprodukt aus der Erdölraffinerie, habe sich das sauberere Erdgas leider nicht durchgesetzt, sagt Hollnaicher, der das auf die zögerliche Autoindustrie und darauf zurückführt, dass mögliche Erdgas-Fahrer warteten, bis es Tankstellen gibt, und die Tankstellenbetreiber, bis genug Kunden da sind. Strom als aktuelle Alternative sei auch wesentlich leichter zu verteilen als Erdgas.

Wenigstens können viele Erdgas-Kunden auch Benzin tanken, die meisten Autos haben Tanks für beides. Und umstellen müssen sich ja auch die Stadtwerke selbst. Sie allein sind Halter von rund einem Viertel aller Rosenheimer Erdgas-Autos, geben diese aber nach und nach ab. Etwa an die Erdgas-Enthusiastin Agathe Lehle, die ihnen trotz aller Enttäuschung gerade einen Gebrauchten abgekauft hat. Denn sie ist vom Erdgas-Antrieb weiterhin völlig überzeugt.

© SZ vom 30.06.2017/axi

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