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Erbstreit in Oberbayern:Vom Hof geklagt

Sie müssen gehen: Die Familie Forstmaier.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit zwölf Generationen führen die Forstmaiers einen Bauernhof in Oberbayern. Der Betrieb floriert, doch eine 13. Generation wird es nicht geben. Die Altbäuerin hat sich mit ihrem Sohn überworfen und vor Gericht erzwungen: Die siebenköpfige Familie muss am 1. Advent ausziehen.

Ein paar Tage noch, dann ist es vorbei. Dann muss Hans Forstmaier mit seinen fünf Kindern und seiner Frau den Hof verlassen. Seit er ein Bub war, hat er hier geschuftet. Er hat die Kühe auf die Weide gebracht, die Felder gepflügt. Jetzt wartet das Dorf auf den Winter. Die Sonne blitzt nur noch selten durch die Wolkendecke. Forstmaier hat die Maschinen winterfest gemacht, ein letztes Mal.

Hans Forstmaier, 45, Stallhose, Arbeitshemd, sitzt auf der Holzbank vor der Stube und erzählt seine Geschichte. Über seinem Brustkorb und den kräftigen Oberarmen spannt der Stoff. Die Hände gleichen Pranken, von Stall- und Feldarbeit gestählt. Sein Blick ist klar, doch seine Augen flackern. Aus ihnen spricht die Angst vor seiner Mutter Gertraud, die ihn vom Hof verjagen will und es beinahe geschafft hat. Am ersten Adventssonntag, so lautet das Gerichtsurteil, soll er mit seiner Familie gehen.

Es ist eine Bauerntragödie, die sich hier abspielt, in einem kleinen Dorf im oberbayerischen Landkreis Ebersberg. Seit zwölf Generationen bewirtschaftet die Familie von Hans Forstmaier hier ihren Hof. Eine dreizehnte wird es wahrscheinlich nicht mehr geben. Der Grund dafür ist ein langjähriger Streit, den Forstmaier vor Gericht gegen seine Mutter verloren hat.

Unfall verhinderte Hofübergabe

Ihren Sohn verklagte Gertraud Forstmaier, weil er jahrelang eigenmächtig weniger Pacht an sie überwiesen hatte als vereinbart. In einem komplizierten Verfahren sahen die Richter am Ende die Altbäuerin im Recht, sie erklärten das Pachtverhältnis für beendet - und gaben der Räumungsklage statt. Dass Hans Forstmaier überhaupt Pacht zahlen musste, lag daran, dass die unter Bauersleuten übliche Hofübergabe immer wieder gescheitert war. Bis heute gehört der Hof nicht ihm, sondern seinem Vater Johann. Der ist nach einem Unfall seit vielen Jahren ein Pflegefall.

Auch die Jüngsten kümmern sich um die 50 Rinder, 80 Kälber, Schweine und Hühner.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wäre der Altbauer nicht an jenem Dezembertag 1995 beim Bau der Dorfkapelle auf den Kopf gestürzt, hätte er den Hof wohl längst an den Sohn vermacht. Das sagen viele hier im Dorf. Im Ehevertrag der Altbauern von 1986 ist es so geregelt, und Nachbar Anton Vogelsinger glaubt es auch: "Er war Landwirt durch und durch", sagt Vogelsinger über den Altbauern. Er erinnert sich noch gut daran, wie Johann Forstmaier seinen Sohn aufs Feld mitnahm, wie er ihm alles beibrachte, was ein Bauer können muss. Ähnlich wie Vogelsinger sprechen viele in der Gegend. Dass der junge Hans den Hof übernehmen wird, daran habe niemand im Dorf ernsthaft gezweifelt.

Menschen im Dorf sammelten Unterschriften für Forstmaier

Doch dann passierte der schreckliche Unfall vor 19 Jahren, bei dem der Altbauer einen Gehirnschaden erlitt. Ein gerichtlich zugeteilter Ergänzungspfleger vertritt seither die Interessen des heute 82-Jährigen. Zuletzt bestimmte die Betreuungsstelle des Ebersberger Amtsgerichts dafür Peter Hohlweg, einen Anwalt aus Grafing. Dem Betreuerausweis nach unterstützt der Anwalt Johann Forstmaier bereits mehrere Jahre "bei der Hofübergabe des Anwesens". Genau dies, sagen Nachbarn und Freunde der Familie, habe Hohlweg aber in Wirklichkeit verhindern wollen.

In dem Dorf und der Umgebung wollen die Menschen nicht mehr länger zuschauen, wie Hans Forstmaier um seinen Hof kämpft. Sie bezweifeln, dass Anwalt Hohlweg tatsächlich im Sinne des pflegebedürftigen Altbauern handelt, und haben deshalb 80 Unterschriften gesammelt. Mit der Liste, die sie an das Amtsgericht Ebersberg geschickt haben, soll die Zwangsräumung doch noch verhindert werden. Einer von den Unterzeichnern ist Martin Killi, der Zweite Bürgermeister der Gemeinde Emmering. Er sei entsetzt, sagt er. Der Jungbauer betreibe einen der "am besten gehenden Landwirtschaftsbetriebe der Region".

"Die Hölle auf Erden."

Die Mutter wisse gar nicht, was sie mit all dem anrichte. "Da ist einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen", vermutet Sonja Weber, die Initiatorin der Unterschriftensammlung und Nachbarin des Hofes. Ihrer Ansicht nach hätte das Ebersberger Amtsgericht längst einen neuen Ergänzungspfleger für den Altbauern berufen müssen. Einen, von dem man sicher sein könne, dass er sich nicht von dessen Ehefrau beeinflussen lasse.

Gertraud Forstmaier ist schwer zu erreichen und hat nicht lange Zeit. Ihre Stimme am Telefon klingt scharf, ihre Worte sind hart. Schuld an allem sei ihr Sohn mit seiner Familie, sagt die 68-Jährige. Die Kinder würden sie im Hausflur beschimpfen. Der Sohn habe ihr kein Austragshaus gebaut, in dem sie wohnen könnte. "Wenn ich den Hof übergebe, dann habe ich die Hölle auf Erden." Ohne das Anwesen müsse sie um ihre Zukunft fürchten. "Wenn man einen Vertrag bricht, dann muss man mit den Konsequenzen rechnen", sagt sie.