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Energiegewinnung:Wie Bayerns Basilika der Technik entstand

Wasserkraftwerk Walchensee; Bau Walchenseekraftwerk

Basilika für Technikjünger, damals wie heute: historische Aufnahme des im Bau befindlichen Walchenseekraftwerks.

(Foto: Uniper Kraftwerke GmbH)

Vor genau hundert Jahren begannen die Arbeiten am Walchenseekraftwerk - trotz großer Widerstände. Während der Bauarbeiten an der Wasserkraftanlage verloren viele Menschen ihr Leben.

Das junge Ehepaar lebte in einer der Baracken, die auf einer Bergwiese nahe der Kesselbachfälle standen. Die junge Frau war schwanger und brachte ein Kind zur Welt, das gleich nach der Geburt starb. In einem anderen Leben hätte sie vermutlich nur Trauer empfunden, aber in den primitiven Unterkünften, in denen sie mit ihrem Mann hauste, spürte sie auch eine große Erleichterung.

Es sei schon besser, dass ihr Baby nicht überlebt habe, sagte sie zu ihrer Ärztin. So schrecklich waren für sie die Umstände, unter denen die 2000 Arbeiter leben mussten, die das Walchenseekraftwerk errichteten. "Das war brutal", sagt Hans Schanderl, der 17 Jahre lang Betriebsleiter in dem Kraftwerk war. Das läuft 100 Jahre nach dem Baubeginn wie eh und je, was Theodoros Reumschüssel weit mehr fasziniert als das bloße Jubiläumsdatum: "Das nenne ich nachhaltig", sagt der Pressesprecher der Uniper Kraftwerke GmbH.

Der Erste Weltkrieg war gerade erst zu Ende, als die Arbeiten am 25. November 1918 begannen. Als "Baraber" titulierten die Einheimischen halb abschätzig, halb ängstlich die aus Deutschland und Österreich angeheuerten Tunnelarbeiter, viele kamen aus verarmten Dörfern in der Oberpfalz. Ihr Leben war knochenhart: Noch ausgemergelt vom Krieg, mussten sie oft nur mit Schaufeln, Spitzhacken und Schubkarren die Stollen in den Berg treiben, die Holzgerüste boten kaum Sicherheit bei dieser gefährlichen Arbeit. 17 von ihnen verloren ihr Leben.

Die Baracken waren zugig, die Verpflegung miserabel. Immer wieder gab es Streiks. Manchmal kam es auch zu Diebstählen, zu Plünderungen. "Da wurde viel gewildert, wenn die Leute nichts zu essen hatten", erzählt Schanderl, der die Technik und die Geschichte des Wasserkraftwerks wie kaum ein anderer kennt. Als auch noch die Inflation die Löhne drückte, wurden Gutscheine ausgestellt. Für 100 000 Reichsmark, für 500 000 Mark, für 5 000 000 Mark. Einmal, sagt Schanderl, sei ein Lokführer beinahe umgebracht worden, weil er dieses Ersatzgeld zunächst nicht anerkennen wollte.

Die Idee, das Gefälle von rund 200 Metern zwischen dem Walchensee und dem Kochelsee für ein Speicherkraftwerk zu nutzen, stammt noch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bayern war damals ein Bauernstaat. Die ersten Trambahnen wurden von Pferden gezogen, die Lampen in den Häusern und die Straßenlaternen brannten mit Petroleum. Aber die Industrialisierung kam, unaufhaltsam. Und mit ihr die Elektrifizierung. Man brauchte Strom.

Ingenieurbüros in München dachten über ein Kraftwerk am Walchensee nach, zeichneten Pläne. Die wären vielleicht wieder in den Schubladen verschwunden, hätte Oskar von Miller diese Idee nicht mit Sturheit und Schlitzohrigkeit vorangetrieben. "Er hatte das technische Verständnis, er hatte die politischen Verbindungen", sagt Schanderl.

Historische Aufnahmen Walchenseekraftwerk; Bau Walchenseekraftwerk

Sechs Jahre dauerten die Bauarbeiten am Walchenseekraftwerk. Als es am 24. Januar 1924 erstmals anlief, war nur eine der vier Turbinen im Einsatz.

(Foto: Uniper Kraftwerke GmbH)

Die Widerstände gegen ein solches Kraftwerk waren stark. "Es gab unvernünftige und vernünftige Argumente", sagt Schanderl. Zu den kuriosen zählt die Legende vom Walchensee-Waller. Das Ungeheuer in der Tiefe mit Augen so groß wie Feuerräder würde sich aus Ärger erheben und Kesselberg zerschlagen, eine "Sündflut" wäre die Folge. Andere Befürchtungen waren weniger utopisch. So glaubte man in Bad Tölz und München, dass der Bau des Wasserkraftwerks üblen Gestank mit sich bringt. Der Grund: Damals wurden Fäkalien noch in die Isar geleitet. Wenn dem Fluss nun Wasser abgezapft würde, flösse er langsamer, die Gülle verdünne dann nicht schnell genug, hieß es. 1926 wurde jedoch das Klärwerk Gut Großlappen für Münchner Abwässer gebaut, drei Jahre später entstand der Ismaninger Speichersee, der mit seinen 80 Fischteichen rundum heute ein EU-Vogelschutzgebiet ist.

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