Büttenredner Peter Kuhn ahnte bereits, was auf ihn zukommen würde. „Ich habe noch vier Auftritte nach diesem Wahlsonntag. Je nach Ausgang muss ich mein ganzes Programm umschreiben.“ Vor der Wahl ist eben nicht unbedingt gleich nach der Wahl. Das galt erst recht für die diesjährige Fastnacht in Franken am vergangenen Freitagabend.
Die bevorstehende Bundestagswahl sorgte für das Grundrauschen bei der Veitshöchheimer Karnevals-Show des Fastnacht-Verbands Franken (FVF) und des BR. Seit Jahren ist sie auch außerhalb Bayerns die erfolgreichste TV-Livesendung des BR. Dieses Mal schauten knapp drei Millionen Menschen bundesweit zu, in Bayern lag die Einschaltquote bei 46,8 Prozent. Die Beliebtheit der Sendung ist auch nach fast 40 Jahren ungebrochen. 21 000 Bewerbungen für die wenigen Hundert Sitzplätze in den Mainfrankensälen von Veitshöchheim lagen dem FVF bereits im Oktober vor, doppelt so viele wie in früheren Jahren. Viele Menschen möchten die Show live erleben und beobachten, wie sich die Künstlerinnen und Künstler, aber auch die zahlreich im Publikum versammelten Politiker benehmen, wenn die Kameras ausgeschaltet sind. Markus Söder zum Beispiel.
Einen Hüftschwung wie einst Elvis? Sozusagen einen Söder-Move? Alle auf der Bühne versuchen ihn zu überreden. Und Markus Söder scheint bei der Aftershowparty tatsächlich einen Moment zu überlegen, ob er es versuchen soll - oder wie er aus der Nummer wieder rauskommt. Er entscheidet er sich für Gesang. „You are always on my mind“, schmachtet er knapp in das Mikrofon, eine der ganz großen Balladen des Countryrock.
Als Elvis Presley verkleidet ist Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef zur Fastnacht in Franken nach Veitshöchheim bei Würzburg gekommen, nun muss er liefern. Die Livekameras des BR sind zwar seit ein paar Minuten aus, doch Söder verzichtet vorsichtshalber doch auf Verrenkungen vor dem Saalpublikum. Lieber singt er nicht ganz textsicher weiter: „Tell me if you love me anytime“.

Fastnacht in Franken:Söder gibt den King
Zur Fastnacht in Veitshöchheim erscheint der Ministerpräsident als Elvis Presley – und kündigt ein Lied an. Auf dem roten Teppich trifft man außerdem auf griechische Göttinnen, Kapitän, Handwerker und ein leibhaftiges Bayern-Emoji.
So erfüllt sich die Prophezeiung von Julia Lehner, Nürnberger Bürgermeisterin, Kulturreferentin und langjährige Söder-Begleiterin in der CSU. „Das Kostüm ist eine Verheißung, irgendwann singt er auch noch“, hatte sie fünf Stunden vorher im Foyer gefrotzelt, als Söder kostümiert als King of Rock’n’ Roll Einzug gehalten hatte. Wobei der Nürnberger Elvis und seine Fans den Rock’n’ Roll-Zusatz elegant unter den Tisch fallen ließen. Markus, the King. Das muss reichen. Damit ist alles gesagt. Zwei Tage vor der Bundestagswahl, aber auch für die Zeit danach.
Berlin bekommt einiges ab, Trump und Musk sowieso
Es gebe keinen Maulkorb für die Kabarettisten, Komiker und Büttenredner, hatten FVF-Präsident Marco Anderlik und die fränkische BR-Chefin Anja Miller im Vorfeld stets versichert, man lasse jeder Künstlerin und jedem Künstler die freie Rede. Sie hielten Maß und einige sich sogar zurück. So politsatirisch giftig, wie viele angesichts des Termins erwartet und manche erhofft hatten, geriet die Show nicht. Vielleicht, weil vielen Menschen gerade nicht zum Lachen ist, vielleicht aber auch, weil die Trumps und Weidels dieser Welt Realsatire im Übermaß bieten. Also feierten die Närrinnen und Narren lieber eine Art vorweggenommene Wahlparty in schlimmen Zeiten, Motto: jetzt erst recht. Ansonsten aber vermied man es wohltuend, die ohnehin seit Monaten hitzige politische Stimmung im Land närrisch weiter anzufachen.

Obwohl im Dritten ausgestrahlt, unterlief die Sendung elegant das Dogma der ohnehin spaßbefreiten ARD, sechs Wochen vor der Wahl keine Politiker mehr in Unterhaltungsshows auftreten zu lassen. In Veitshöchheim sitzen sie einfach nur als Zuschauer da – und trotzdem sind sie Teil der Show. Denn die Frankenfastnacht lebt auch vom Wechselspiel zwischen tatsächlicher Showbühne und imaginärer Saalbühne. Manch einer, der da hockt, hofft inständig, wenigstens einen Gag gewidmet zu bekommen, um auch mal vor Millionen Menschen über sich lachen zu dürfen. Manchen gelingt das nur einmal. Wie Bayerns Bauminister Christian Bernreiter von der CSU, den Sitzungspräsident Christoph Maul für das Versagen beim staatlichen Wohnungsbau in nur zwei Sätzen abwatscht. Fall erledigt.

Andere müssen erstaunlich lange warten, bis sie dran sind. An diesem Freitag ist das Bayerns Wirtschaftsminister und FW-Chef Hubert Aiwanger. Veitshöchheim ist eben auch ein Seismograph für die Bedeutung und Wichtigkeit, die das Narrenvolk einem Politiker zubilligt. Bundespolitisch liegt das Gewicht des an diesem Abend als Handwerksburschen verkleideten Bauernführers aus Niederbayern ohnehin an der Nulllinie.
Macht aber nix, in Veitshöchheim hat „der Hubsi“ schließlich seine eigene, kleine Boys- and Girls-Fangroup aus Kabinettsmitgliedern und Abgeordneten der Freien Wähler um sich, die ihn derart anhimmeln, dass Elvis Söder am Nachbartisch beunruhigt einen Käsewürfel nach dem anderen einwirft.
So viel unterwürfige Verehrung würde er sich auch wünschen, doch Siegesgöttin Ilse „Nike“ Aigner am Nebentisch hat sich diesbezüglich im Griff. Nach der Sendung ging das Gerücht im Saal um, dass der mit einem Dracula-Umhang über dem Anzug opulent und phantasievoll kostümierte Finanzminister Albert Füracker (CSU) tatsächlich einmal gelacht haben soll; beim Auftritt seiner Oberpfälzer Landsleute aus Altneihaus.

Erkennbar Spaß hatten BR-Intendantin Katja Wildermuth und BR-Kulturchef Björn Wilhelm als Witwen Waltraud und Mariechen, wofür die Senderchefin sich sogar das Original-Ersatzkostüm von Waltraud-Darsteller Martin Rassau organisiert hatte. Und Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze (heuer als Taylor Swift) lacht sowieso immer.
Die Frankenfastnacht hat sich seit ihrer Premiere 1987 immer wieder neu erfunden – und ist sich trotzdem treu geblieben. Es gibt unverzichtbare Größen wie Volker Heißmann, Martin Rassau, Matthias Walz, Michl Müller oder Peter Kuhn, der seinen 33. Auftritt hatte. Es gibt Künstlerinnen wie die stehend gefeierte Putzfraa Ines Procter, die sich binnen weniger Jahre unverzichtbar machen. Es gibt Trash, für den Gankino Circus sorgt und tollen Gesang (Viva Voce). Es gibt karnevalistischen Hochleistungssport wie von der Garde der Nürnberger Karnevalsgesellschaft Buchnesia, die für ihren Auftritt gefeiert wurde wie keine andere Nummer an diesem Abend. Es gibt Schmusiges, wie Amanda, die Nilpferd-Bauchrednerpuppe. Es gibt gefühlige Momente, als Komiker Oti Schmelzer abtritt und Bandleader Pavel Sandorf seinen Taktstock weiterreicht, und beeindruckende, als etwa der erst 13-jährige Finn Reichert eine kleine Büttenrede hält als sähen ihm nicht gerade ein paar Millionen Menschen zu.
Es wird viel gelacht und geblödelt. Es gibt aber auch Roland Hanke. Er ist weder Komiker, noch Politiker oder prominent. Sondern Arzt in Fürth und war lange Motor des Hospizvereins. In den Mainfrankensälen sitzt er auf dem Stamm-Platz, den es gibt, seit die Veitshöchheimer Frankenfastnachtkönigin Barbara Stamm 2022 gestorben ist. Seither darf darauf jedes Jahr ein Mensch Platz nehmen, der sich im Sinne der zeitlebens sozial engagierten Landtagspräsidentin um andere verdient macht. Und zwar ganz unabhängig davon, ob gerade Wahlkampf ist oder nicht.

