Ausgerüstet mit Wathose, Audioguide und Klettergurt steigt man die Steinstufen zum Fluss hinunter. Der Chamb schlängelt sich durchs Gelände. Stahlseile sind durch den Fluss gespannt, der aus Tschechien kommt und später in den Regen mündet. Sie markieren hier, in der Oberpfalz, den Eisvogelsteig. Gleich am Einstieg liegen große glitschige Steine im Wasser. Die Füße tasten nach einer sicheren Stelle. Man ist dankbar für das Seil. Ansonsten würde man sich kaum in die Fluten trauen. Mit kleinen Schritten gehen, hieß es bei der Einführung. Ein guter Tipp!
„Wir wollen ein sinnliches Erlebnis mit einem leichten Abenteuerfaktor bieten“, sagt Markus Schmidberger, Geschäftsstellenleiter des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern (LBV) in Cham. Denn so bleibe das Wissen, das hier vermittelt wird, auch wirklich hängen. Menschen schützten nur, was sie kennen, sagt Schmidberger. Und Tiere, die vielfältige, natürliche Flüsse brauchen, hätten diesen Schutz dringend nötig.

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Der Eisvogelsteig, der sich an der Umweltstation Nößwartling befindet, ist laut Tourismusverband Ostbayern ein bundesweit einmaliges Angebot. Hier können Gäste eine Führung buchen oder sich über den Audioguide informieren lassen – etwa über Flusslibellen, die Flüsse mit Sand- und Kiesbänken sowie viele Pflanzen und krautige Ufer brauchen. Derart vielgestaltige Flüsse sind in Mitteleuropa selten geworden, lernt man zum Beispiel.Der Chamb ist so einer. Flache und tiefe Bereiche wechseln sich ab, genau wie Sand und Kies am Grund, wie deutlich durch die Gummistiefelsohlen zu spüren ist. Die Fülle an Pflanzen im und am Wasser ist nicht zu übersehen – nur für die Flusslibellen ist es noch zu früh, sie steigen nachmittags wieder auf. Dafür ruft ein Kuckuck, Stare, Gebirgsstelzen und andere Vögel zwitschern.
Jetzt führt das Seil auf den Auslauf des Wasserrades zu, das sich am LBV-Zentrum dreht und der Stromgewinnung dient. Mit der Strömung steigt der Abenteuerfaktor. Der Druck des Wassers presst Gummistiefel und Wathose eng an den Körper, am Seil kann man sich zum Glück gut führen. Kalt wird es aber – trotz 25 Grad Lufttemperatur. Gut festhalten, Füße mit Bedacht aufsetzen und durch den Auslauf – auch diese Etappe ist geschafft. Der Altarm ist erreicht. Das ist der Teil des Chamb, der wegen der Wasserkraftnutzung vom Rest des Flusses abgeschnitten wurde. Die überhängenden Bäume am Ufer, die vielen Wasserpflanzen, Sande und Kiese bilden ideale Laichplätze für viele Fischarten. Auch Jungfische können sich hier gut verstecken. Eine Sandbank wird gern von Fischottern als Speisesaal genutzt – allerdings eher in den Morgen- und Abendstunden, wie Markus Schmidberger sagt. Man selbst ist mittags unterwegs.

Und auch ein Nistplatz des namengebenden Eisvogels findet sich. Normalerweise graben die kleinen blau-orangen Vögel mehrere Meter lange Gänge als Nisthöhle in steile Uferwände. Am Klettersteig war ihnen aber wohl zu viel los. Sie sind umgezogen in eine künstliche Nisthilfe. Was eine Frage aufwirft: Wie lassen sich die Wanderungen mitten durch den Fluss mit dem Naturschutzgedanken vereinbaren? Stören die Wandersleute die Tiere denn nicht? „Der LBV betreut 1700 Meter des Chamb. Der Eisvogelsteig erstreckt sich etwa über 50 Meter. Da haben die Tiere genügend Ausweichmöglichkeiten“, sagt Schmidberger. Die Störung auf dem kurzen Stück sei vertretbar, wenn Menschen damit für den Naturschutz sensibilisiert werden könnten. Nur 50 Meter? Der Steig ist so abwechslungsreich, dass er einem viel länger vorkommt.
Zu einem Erlebnis machen etwa die Wasserfledermäuse diese sehr kurze, aber auch sehr spezielle Wanderung. Und sie zeigen, wie es mit den Besuchern klappen kann: Eisvogelsteig-Besucher betreten den vorderen Teil eines Gewölbes, das sich über einen Arm des Chamb spannt und in dessen Spalten die Männchen der Fledermäuse tagsüber ruhen. Wird es ihnen zu trubelig, hängen sie sich in Mauerritzen im hinteren Gewölbeteil – der ist für Menschen tabu.

Auch die Eisvögel haben sich dank der Nisthilfe auf dem LBV-Gelände arrangiert. Wer sie sehen möchte, muss auf dem Trockenen einen Rundweg zu einer Flechtwand nehmen, an der die Eisvögel zur Brutzeit beobachtet werden können. Vor allem, wenn die Vögel Junge aufziehen und die Eltern mit Futter immer wieder zum Nest fliegen, stehen die Chancen gut, sie zu sehen, wie Schmidberger sagt. Etwas Zeit sollte man dann mitbringen.
Hat der Eisvogelsteig sein Versprechen gehalten? Gesehen hat man weder Fischotter noch Eisvogel, aber nah gekommen ist man ihnen. Das war zu fühlen. Schließlich stand man an manchen Stellen fast bis zum oberen Rand der Wathose in ihrem Lebensraum, dem Fluss. Ein wie versprochen sehr sinnliches Erlebnis.
Praktische Tipps:
- Die LBV-Umweltstation Mensch und Natur befindet sich in Nößwartling bei Cham im Mittelgebirge Bayerischer Wald.
- Geöffnet ist der Eisvogelsteig von April bis September täglich. Die Teilnahmegebühr beträgt sechs Euro pro Person, dafür bekommt man Wathose, Sicherungsgurt und Audioguide gestellt; eine Anmeldung wird empfohlen.
- Mit dem Zug bis Arnschwang, das 2,5 Kilometer vom LBV-Zentrum entfernt ist; weiter etwa mit dem Rad auf dem Chambtal-Radweg.

