Eisschwimmen Nichts für Warmduscher

Martin Beck übt sein Hobby, hier an der Isar bei Pullach, auch ganz allein aus.

(Foto: Claus Schunk)
  • Martin Beck ist einer von rund 3000 Winterschwimmern in Deutschland.
  • Er begann aus gesundheitlichen Gründen mit dem Abtauchen in Flüsse und Seen.
  • Mediziner raten zu gründlicher Vorbereitung vor dem Sprung in kalte Gewässer.
Von Günther Knoll

Die Sonne scheint auf die Kiesbank unterhalb der Grünwalder Brücke. Ein Mann zieht sich aus, steigt in eine knielange Badehose und dann ohne langes Abfrischen in die Isar. Was ist daran ungewöhnlich? Nun, es ist ein Nachmittag Mitte Dezember, die Außentemperatur liegt bei 10 Grad plus, das Wasser aber hat gerade mal 7,1 Grad. Fast eine Minute lang hält sich der Schwimmer in der eiskalten Strömung, dann muss er raus aus dem Wasser, sich schnell abtrocknen und anziehen. Der starke Westwind, der an diesem Tag durchs Isartal bläst, kühle einen sonst zu sehr aus, sagt Martin Beck - und er klappert dabei nicht einmal mit den Zähnen. Im Gegenteil: Er fühle sich wohlig warm nach einem solchen Bad, beteuert er, dazu komme der Flash, ein Glücksgefühl, weil der Körper wohl alles Mögliche ausschüttet, wenn er dem eiskalten Wasser ausgesetzt ist.

Für Beck könnte es am diesem Tag ruhig noch kälter sein. Am schönsten sei es, kurz in sulziges Eis zu tauchen, das macht er dann gerne auf der Nordseite des Schliersees. Beck ist ein Winter- oder Eisschwimmer, an die Isar fährt er, weil diese ausreichend tiefe Stelle nicht weit weg ist von seinem Wohnort Taufkirchen. Ein junges Pärchen, das den Schwimmer beobachtet hat, kommt neugierig näher. Ob da gerade eine Wette eingelöst worden sei, fragt der junge Mann. Beck, inzwischen wieder in Trainingsanzug und Anorak, erklärt den beiden, dass Winterschwimmen sein Hobby sei. Respekt, sie mache das eigentlich auch mit dem kalten Wasser, antwortet die junge Frau - aber lieber zu Hause in der Badewanne.

Viele verlässt vor dem Sprung der Mut

So geht es dem 47-Jährigen aus Taufkirchen oft, wenn er versucht, andere für das Schwimmen im Winter zu begeistern. Viele sagten auf Anhieb, sie würden gerne mitmachen, doch wenn's dann ernst werde mit dem Sprung ins eiskalte Wasser, verlasse sie der Mut, bedauert Beck. So entgehe ihnen aber auch die "Tiefenentspannung" nach dem Bad, und die sei etwas ganz Besonderes - das Prickeln auf der Haut, die innere Wärme, das Glücksgefühl. Dieses Gefühl teilen in Deutschland mehr als 3000 Winterschwimmer, doch die meisten verschaffen es sich allein, nur wenige sind in Vereinen organisiert und tragen auch Veranstaltungen aus. Am 25. Januar findet in Burghausen die "Ice Swimming German Open" statt, in einem 25-Meter-Becken für verschiedene Wettkampf- und Altersklassen und über Strecken von 25 bis 1000 Meter. Daneben gibt es an vielen Orten Neujahrs- oder Dreikönigsschwimmen, oft aber kommen die Teilnehmer im kälteabweisenden Neoprenanzug. Solchen Schutz tragen echte Eisschwimmer nur für Füße und Hände. Und wenn es ganz kalt ist, greift Beck sogar zu einer Mütze, denn am Kopf kühle man besonders schnell aus, hat er festgestellt.

Beim Erdinger Dreikönigsschimmen trauen sich viele ins eiskalte Wasser.

(Foto: Peter Bauersachs)

Großveranstaltungen sind nicht Becks Ding, aber ein bisschen Gemeinschaftsgefühl vermisst er schon. Er würde nach dem Schwimmen gerne "Party machen" mit Lagerfeuer und Grillen. Wie in Russland, wo das Eisschwimmen lange Tradition hat? Nein, antwortet Beck, dort sei das Schwimmen, mit dem man ursprünglich an die Taufe Jesu erinnerte und sich durch das Bad im Eiswasser eine Reinigung von Sünden versprach, längst zur Volksbelustigung geworden, bei der reichlicher Wodkagenuss eine Hauptrolle spiele. Und Alkohol sei bei diesem Sport sehr gefährlich, weil er leichtsinnig mache. Er sei aber deshalb kein verknöcherter "Gesundheitsapostel", versichert Beck, für ihn sei das so etwas wie Bouldern oder Bergwandern, Sportarten, bei denen Spaß einfach dazugehöre.

Dabei war es tatsächlich die Sorge um die eigene Gesundheit, die Beck erst auf die Idee mit dem eiskalten Bad brachte. Wegen einer "Rückengeschichte" informierte er sich über Behandlungsmethoden und stieß dabei auf die Kältetherapie. "Das ist mein Geschäft", habe er sich damals gedacht, schließlich sei er als Vertriebsingenieur für Kältetechnik, der weltweit Kühltürme verkauft, da ja Experte. Seitdem lässt ihn das kalte Wasser, auch wenn es gegen die Rückenbeschwerden nicht direkt geholfen habe, nicht mehr los. Man werde weniger erkältungsempfindlich, rege die Durchblutung an, stabilisiere seinen Kreislauf, schwärmt Beck. Dass seine Finger im Moment "höllisch" schmerzen, weil er sich zuvor, um nicht abzutreiben, an den Steinen im Fluss festhielt, nimmt er locker in Kauf.

Abhärtung und Vorbereitung sind notwendig

Für Warmduscher ist diese Art von Schwimmen nichts, allein schon, weil zur Abhärtung und Vorbereitung täglich eiskalte Güsse angesagt sind. Die Haut isoliere dann besser, sagt Beck, außerdem sollte man aber auch in der Lage sein, wenigstens eine Dreiviertelstunde am Stück zu laufen. Wer sich vor dem Bad nicht warmlaufe, der könne gar nicht ins kalte Wasser gehen. Um auf dieses kalte Vergnügen auch im Sommer nicht verzichten zu müssen, nutzt er die Gumpen in der Nähe des Sylvensteinspeichers, wo das Wasser kaum einmal über zehn Grad warm wird. Aber das Schönste für ihn ist, sich im Winter ein Loch ins Eis zu hacken ("Da wird einem schön warm") und dann kurz einzutauchen.

Weil er sein Hobby publik machen und Mitschwimmer werben möchte, hat der Taufkirchner sogar eine eigene Internetseite gestaltet (www.eisschwimmer.de) - bisher allerdings ohne Resonanz, wie er registriert. Für seine Frau, die gerade das zweite Kind erwartet, sei das jedenfalls nichts, sie klage sogar vor dem Fernseher über kalte Füße. Einmal war sie, wie Beck erzählt, beim Baden in der Isar dabei. Im kalten Wasser wurden ihre Finger dünner, so dass sie den Verlobungsring verlor. Vielleicht könne man den ja finden, spricht Beck eine junge Frau und einen ebenso jungen Mann an, die ihm auf dem Rückweg zu seinem Auto begegnen - mit einem Metalldetektor sind die beiden auf Schatzsuche an der Isar. Es gibt eben auch andere ungewöhnliche Hobbys.

Eisschwimmen

Zum Dreikönigsschwimmen am Kronthaler Weiher in Erding laden der Ausdauersportverein Trisport Erding und die Wasserwacht Erding am 6. Januar 2015 ein. Neben dem spektakulären winterlichen Bad ist ein zuschauerfreundliches Rahmenprogramm mit Glühwein-Verkauf und musikalischer Untermalung geboten. Beginn ist um 16.30 Uhr am Wasserwachthaus am Kronthaler Weiher.

In Burghausen findet vom 9. bis 11. Januar 2015 die "Ice Swimming German Open" statt. Wettkampfstätte ist der Wöhrsee in Burghausen, wo für die Teilnehmer eigens ein eisfreies Wettkampfbecken am Fuße der längsten Burg der Welt geschaffen wird. Für sie stehen die Strecken 25 Meter, 50 Meter, 450 Meter und sogar 1000 Meter zur Auswahl auf dem Programm, und das bei einer Wassertemperatur von fünf Grad oder weniger. Für die Schwimmer auf der Langstrecke ist die Teilnahme an einer ärztlichen Voruntersuchung Pflicht. Im Rahmenprogramm finden auch eine Vorführung der örtlichen Kunstspringer sowie ein Promi-Rennen statt. KG