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Eisenheim-Prozess:Wurde Theresa Stahl gezielt überfahren?

´Fahr sie um!" - Mordverdacht im Prozess um totgeraste 20-Jährige

Der Angeklagte im Landgericht Würzburg

(Foto: dpa)

Eine neue Zeugin meldet sich mit einer Schilderung der Tatnacht. Das "Eisenheim-Verfahren" wird daraufhin auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Nun soll die Polizei ermitteln, ob der tödliche Unfall nicht doch ein Mord war.

Von Clara Lipkowski

Am Schluss ist es erneut der Vorsitzende Richter Reinhold Emmert, der zeigt, dass er diesen Prozess eigentlich ruhig und behutsam leitet, aber deutlich werden kann, wenn es ihm zu bunt wird. Abrupt erhebt er sich. Es ist alles gesagt. Er hat gerade zwei Beschlüsse verlesen und einen denkwürdigen Verhandlungstag am Landgericht Würzburg beendet. Als er auf dem Weg nach draußen ist, bemerkt er offenbar die Wucht seiner Worte, dreht sich noch einmal um. Ob das verständlich und angekommen sei?, fragt er in den Saal. Angeklagte, Anwälte, Zuhörerinnen sitzen teils noch, ein paar packen zusammen, Journalistinnen eilen vor die Tür, um sich für Statements zu positionieren.

Angekommen ist es. Der Richter hat das "Eisenheim-Verfahren" an diesem Donnerstag ausgesetzt. Alles auf Stopp: Bevor es weitergehen kann, muss erst noch polizeilich ermittelt und erneut begutachtet werden. Es ist eine ziemliche Wucht, denn kurz hatte einiges dafür gesprochen, dass Emmert die laufende Berufungsverhandlung abbrechen würde und das "Eisenheim-Verfahren" an ein Schwurgericht abgeben würde. Seit neuestem geht es nicht mehr nur um fahrlässige Tötung. Überraschend hatte sich Anfang September eine völlig unbekannte Zeugin gemeldet. Seither steht gegen den bisherigen Hauptangeklagten Niclas H. Mordverdacht und gegen seinen Kumpel der Vorwurf der Anstiftung zu Mord im Raum. Doch diesem Verdacht geht nun kein Schwurgericht nach, diesem Verdacht geht erst einmal gar kein Gericht mehr nach, sondern zunächst Polizei und Gutachter.

Es ist ein zehrender Prozess, wohl vor allem für die Familie von Theresa Stahl, die in einer Aprilnacht 2017 mit 20 Jahren zu Tode kam. Sie war nachts in Eisenheim zu Fuß an einer Straße nach Hause unterwegs, als ein VW Golf um die Ecke bog. Am Steuer saßen Niclas H., damals 18, und drei Freunde, volltrunken nach einem Weinfest. Im Prozess geht es um die Frage der Schwere der Schuld: Ist Niclas H. gezielt auf Theresa Stahl zugesteuert oder hat er sie unbeabsichtigt mit dem Auto am Bein erfasst? Sie wurde auf die Windschutzscheibe und dann 13 Meter in ein Feld geschleudert. Wenig später starb sie.

Bis zu diesem Donnerstag wurde dieser Fall als Berufungsverfahren verhandelt. Das muss erwähnt werden, weil es in dieser Sache bereits ein Urteil gab: Niclas H., war Ende 2019 nach Jugendstrafrecht zu einer Geldstrafe von 5000 Euro und Führerscheinentzug für drei Jahre verurteilt worden. Die Mitfahrer bekamen Geldstrafen. Das milde Urteil hatte bundesweit Empörung ausgelöst, Staatsanwaltschaft und die Familie des Opfers legten Berufung ein. H. hatte knapp drei Promille Alkohol im Blut und war deswegen zunächst für schuldunfähig erklärt worden. Diese Einschätzung war aber am ersten Tag der Berufung relativiert worden.

Kurz nach diesem Tag meldete sich also eine junge Frau bei der Polizei. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Der Beifahrer im Auto, der Mitangeklagte Marius H., kam in Untersuchungshaft. Auch gegen den Hauptangeklagten Niclas H. wurde ein Haftbefehl ausgesprochen, jedoch nicht vollstreckt. Die Zeugin hatte ausgesagt, der Beifahrer habe etwa ein halbes Jahr nach der Nacht auf einer Party erzählt, dass er dem Fahrer scherzeshalber und sinngemäß gesagt habe, er solle auf die Fußgängerin zuhalten, sie umfahren. Diese Zeugenaussage wurde als so ernst erachtetet, dass von da an der Tatverdacht gegen Niclas H. auf "Mord" lautete und gegen den Beifahrer "Anstiftung zu Mord".

Im Gericht am Donnerstag bemüht man sich weiter um Klärung, doch die Nerven sind angespannt. Ein Polizist wird gehört, er hatte die Aussage aufgenommen. Wie sie nach dreieinhalb Jahren dazu kam, sich ausgerechnet jetzt zu melden, wollen so einige im Saal wissen. Sie habe vom Berufungsverfahren gehört und sich daher verpflichtet gefühlt, so der Polizist. Sie habe Niclas H. helfen wollen. Dass sie das Gegenteil erreicht, nämlich seinen Haftbefehl, nennt dessen Verteidiger, Hans-Jochen Schrepfer, das "Paradoxon schlechthin in diesem Verfahren" und kündigt an, sich zu wehren.

Unverständnis herrscht im Saal darüber, dass die Zeugin nicht selbst geladen wurde. Sie könnte gehört werden, wenn das Verfahren wieder aufgenommen wird, ebenso ein Mann, der die Aussage auf der Party auch gehört haben soll. Marius H., so gibt es der Polizist am Donnerstag an, sei davon ausgegangen, dass Niclas H. seine Worte als Scherz verstehe. Die beiden sitzen still im Saal. Marius H. geht nach dem Prozesstag wieder in U-Haft, Niclas H. bleibt auf freiem Fuß. Die Schuldfähigkeit des Beifahrers muss nun neu, die des Fahrers erneut begutachtet werden. Die Handys, die die Aussage stützen könnten, müssen ausgewertet werden. Emmert beendet einen hitzigen Vormittag, an dem sich Anwälte ins Wort fallen. Philipp Schulz-Merkel, der die Familie des Opfers vertritt, erbittet sich, nicht mehr von "Unfall" zu sprechen, wenn wegen Mordverdachts ermittelt werde. Bissig gibt ein Verteidiger zurück, man lasse sich nicht diktieren, wie man zu formulieren habe. Wann der Prozess fortgeführt wird, ist offen.

© SZ.de/mmo
Ronald Stahl hat seine Tochter Theresa bei einem Unfall verloren.

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