Anfänge der Eisenbahn Als Tempo 35 die Welt aufwühlt

Die Fahrt nach Fürth sah 1870 anders aus als 1835.

(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)
  • "Marx meets Wilson" ist ein Buch, das die Historie der Eisenbahn in Deutschland nachzeichnet.
  • Darin tauschen sich Philosoph Karl Marx und der englische Lokführer William Wilson in einem fiktiven Briefwechsel aus.
  • Der Historiker Hermann Glaser hat das unterhaltsame wie kluge Buch, angereichert mit wunderbaren Abbildungen, kurz vor seinem Tod abgeschlossen. Er hatte sich immer wieder mit der ersten deutschen Eisenbahnfahrt zwischen Nürnberg und Fürth beschäftigt.
Von Olaf Przybilla

Als das Buch "Marx meets Wilson" fertig war, wollten sich Jürgen Franzke und Hermann Glaser noch mal zusammensetzen und das Glas erheben auf das gemeinsame Projekt. Andere, die mitgeschrieben hatten, Regine Franzke etwa, wären dabei gewesen, ein geselliger Abend war geplant. Am Morgen davor ging das Telefon. Als Glasers Sekretärin mit Grabesstimme am Apparat war, dämmerte Jürgen Franzke, dass der Abend so nicht mehr stattfinden wird; und dass dieses Buch das letzte war, das Glaser - einer der großen Kulturhistoriker der Republik - geschrieben hat. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist Hermann Glaser im Juni gestorben.

Es ist ein würdiges letztes Buch geworden, und wer wissen will, was das für einer gewesen ist, dieser Hermann Glaser - eine Legende seiner Zunft -, der wird künftig gut daran tun, zu diesem letzten Buch zu greifen. Der Philosoph Karl Marx und der Wahl-Nürnberger Lokführer William Wilson sind sich nie begegnet, darauf aber kommt es nicht an, erläutert einleitend Glaser - der jenseits aller Erdenschwere als Polyhistor der Kultur immer auch ein Faible fürs Spleenige und Abseitige hatte.

Der berühmteste Engländer in Nürnberg - und erster Lokführer des Reichs

Wobei die Zusammenführung von Fakten und Fiktionen ja so absonderlich nicht ist. Glaser hält da entsprechende Belege bereit: Seine Besteigung des Mont Ventoux etwa hat Petrarca weithin herbeigeschrieben und Goethes Autobiografie war eben das, was sie sein wollte: Dichtung und Wahrheit. Entscheidend ist, dass sich Marx wiederholt Gedanken gemacht hat über den englischen Eisenbahnbau und dessen kapitalistische Implikationen; und dass Wilson bis heute der berühmteste Engländer in Nürnberg sein dürfte. Man kann, in Bahnhofsnähe, sogar sein Glas erheben im Wilson's. Geschichte hat der Mann geschrieben - und als erster Lokführer des Reiches nicht nur fränkische, sondern deutsche.

Ein großes Volksfest: Am 7. Dezember 1835 stand William Wilson in Frack und Zylinder auf der Plattform und trieb sein Gefährt mit unfassbaren 35 Kilometern pro Stunde in Richtung Fürth.

(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

Glaser, ein Wegbereiter der Industriegeschichte als historischer Disziplin, hat sich immer wieder mit der ersten deutschen Eisenbahnfahrt zwischen Nürnberg und Fürth beschäftigt. Immerhin war diese Fahrt ein Fanal der beginnenden Industrialisierung nicht nur in Bayern. So leichtgängig wie das, was er im Alter von 89 aufgeschrieben hat, waren seine Notizen nicht immer zu lesen. Im Standardband "Industriekultur in Bayern" etwa stellte Glaser über jene historische Fahrt klar: "Die Vertikale des besinnlich-frugalen Biedermeier schlug in die Horizontale der expansiv-ungestümen Industriegesellschaft um."

Das kann man so sehen. Hübscher zu lesen aber sind die Gedanken eines 89-Jährigen, wenn er einen Briefwechsel zwischen Marx und Wilson erfindet und den Engländer in Nämberch schreiben lässt: "Die Menschen, die mit uns fahren, bekreuzigen sich oft, wenn sie einsteigen. Nur manchmal gibt es Pannen, die ich dann mit einem Blumenstrauß beheben lasse." Auch dass Wilson, der Liebe wegen, alsbald Herzensnürnberger wurde, ist der fiktiven Korrespondenz zu entnehmen: "Das Wichtigste zu Ende des Buches: Ich habe eine sehr liebe Frau kennengelernt. Wenn Du mich besuchst, wird sie auch trefflich kochen. Am Sonntag zum Beispiel ein Riesensteak, das noch an einem Knochen hängt; sie nennen es ,Schäufele', dazu Kloß aus Kartoffeln. Es wird Dir gutgehen - in Nürnberg."

Die nicht-fiktionale Geschichte des Lokführers und Maschinenwärters Wilson wird freilich auch erzählt in dem Band. Dafür ist federführend Jürgen Franzke zuständig, den man als ehemaligen Chef des Nürnberger Museums für Industriekultur und nachmaligen Direktor des DB Museums eine Art rechte Hand Glasers nennen kann. Er erzählt, wie Wilson, der kein Wort Deutsch verstand, als Gastarbeiter nach Franken kam. Aufgabe: Die aus England importierten Einzelteile am Dutzendteich zur Eisenbahn zusammenbauen helfen und hernach das Kommando auf der Lok namens Adler  übernehmen.

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Am 7. Dezember 1835 stand Wilson in Frack und Zylinder auf der Plattform, trieb sein Gefährt mit unfassbaren 35 Kilometern pro Stunde in Richtung Fürth, sechs schnurgerade Kilometer entlang an jubelnden Franken vorbei und Polizisten, die dem Jubel Einhalt zu gebieten versuchten. Die Geschichte ist oft schon erzählt worden, auch wie Johann Strauß, der Vater des Walzerkönigs, sich beehrt hat, einen Eisenbahn-Lustwalzer auf die bahnbrechende Pioniertat aus Nürnberg zu komponieren. So groß wiederum war das Bewusstsein für die historische Stunde nicht, dass man den Original-Adler zu erhalten sich bemüht hätte. Als das historische Ding seine Schuldigkeit getan hatte, wurde es schnöde verschrottet.

So weit, so bekannt. Es gibt aber auch Details im Faktenteil, die weniger geläufig sind. So stellte sich etwa heraus, dass die auf einem Teil der Adler-Strecke bereits verlegten Schienen zu schmal angebracht waren, weil in England - das Mutterland des Eisenbahnbaus - mit anderen Maßen gearbeitet wurde. Glücklicherweise waren noch nicht alle Schienen verlegt. Hübsch auch die Beobachtung, dass der freiheitsliebende Wilson nach den ersten Tagen ermahnt wurde, gefälligst nicht so zu rasen. Also Normalgeschwindigkeit bitte: 25.

Großartig schließlich sich die Bilder, die die Autoren aufgetrieben haben und die zeigen, dass die baulichen Neuerungen mit der Jungfernfahrt beileibe nicht beendet waren. Anfang der 1930er-Jahre etwa wurde der "Plärrer-Automat" gebaut, ein futuristisch anmutender Multifunktionsbau, genutzt als Wartehalle, Automaten-Restaurant und Post. Der Bau fiel nicht dem Krieg zum Opfer. Er wurde 1977 abgerissen, einer Großbaustelle am Plärrer wegen.

Jürgen Franzke, Hermann Glaser et al. Marx meets Wilson. Schrenk-Verlag, Röttenbach 2018.

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