Süddeutsche Zeitung

Ein Jahr Rauchverbot in Bayern:Frische Luft kann der Existenz schaden

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Seit einem Jahr gilt in Bayerns Gaststätten: Raucher müssen draußen qualmen. Jetzt zieht der Bayerische Gaststättenverband Bilanz - und spricht erwartungsgemäß von erheblichen Einbußen. Eine entscheidende Zahl bleiben die Gegner jedoch schuldig.

Ralf Scharnitzky

Man hatte Dramatisches erwartet, war doch ein Wirtshaussterben in Bayern angekündigt. Damals vor mehr als einem Jahr, als die Diskussion um das Rauchverbot in der Gastronomie auf dem Höhepunkt war. Jetzt, genau ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, würden also die traurigen Fakten auf den Tisch kommen. Die Gegner des Rauchverbots hatten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage angekündigt.

Doch, das gleich vorweg, die interessanteste Zahl bleibt die Befragung schuldig: Wie viele Gastronomie-Betriebe in Bayern haben denn nun wegen des Rauchverbots tatsächlich schließen müssen?

Die Situation im Gaststättengewerbe in Bayern könnte ein Jahr nach der Einführung des absoluten Rauchverbots unterschiedlicher nicht sein. Diese Feststellung hatte der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) schon vor der Studie gemacht: Während die Speisegastronomie keine signifikanten Veränderungen in der Besucherfrequenz und beim Umsatz feststellt, klagen Bars, Discos, Coffee-Shops, Gaststätten und Kneipen, die sogenannte getränkegeprägte Kleingastronomie, über erhebliche Einbußen - bei Gästezahl und Finanzen.

Deshalb haben Verband und die Vereine "Bürger für Freiheit und Toleranz" (BFT) sowie "Erhalt der Bayerischen Wirtshauskultur" genauer hinter die Theken der kleinen Betriebe schauen lassen. Sie wollen mit der am Montag am Münchner Viktualienmarkt vorgestellten Studie des Münchner Instituts für Marktforschung Forderungen nach einer Lockerung des Rauchverbots untermauern - zumindest in diesem Gastro-Bereich.

Die Ergebnisse sollen der Diskussion um Rauchverbote neuen Zündstoff geben, "denn erstmals werden verschiedene Behauptungen mit repräsentativen Fakten belegt", so Dehoga-Geschäftsführer Frank-Ulrich John. Statt pauschale Zusammenfassungen aus Datenbanken als Grundlage zu nehmen, so der Gastroverband, wurden in einem aufwendigen Verfahren zwischen Mai und Juli dieses Jahres in 410 von rund 6700 Kleinbetrieben in Bayern Interviews durchgeführt. Mehr als 80 Prozent davon waren Gaststätten und Kneipen, weitgehend der getränkeorientierte Betriebstyp.

Vor allem bei den "Wohnzimmern des kleinen Mannes", so Wirtshauskultur-Vorsitzender Franz Bergmüller, lassen die Umsatzeinbußen "Schlimmstes erwarten". Danach hat sich bei 67 Prozent der Umsatz verringert, im Schnitt um 28 Prozent. Vor allem Stammtische und Schafkopfrunden seien abgewandert. Bergmüller sagte: "Das führt dazu, dass auch andere Gäste ausbleiben, weil im Wirtshaus kein Leben mehr ist." Bei 64 Prozent aller Befragten sind seit dem Rauchverbot weniger Gäste gekommen - rund 30 Prozent.

In mehr als 500 der 2200 Gemeinden im Freistaat gibt es schon kein Gasthaus mehr, erläuterte der Vereinsvorsitzende. Schränkte aber umgehend ein, dass das wohl weniger mit dem Rauchverbot zu tun hat: "Es gibt immer mehrere Gründe, wenn ein Gasthaus schließt." In der Tat belegt die Studie nicht, ob Gaststätten und Kneipen wegen des Rauchverbots geschlossen wurden. Institutsleiter Helmut Aumüller: "Wir kommen datentechnisch nur an noch bestehende Betriebe und deren Chefs heran." Aber von denen haben immerhin 29 Prozent darüber nachgedacht, ihre Wirtschaft zu schließen.

Für Dehoga-Vorstand Angela Inselkammer belegt die Studie, "dass bei den Wirtshäusern und Kneipen genau das eingetreten ist, worauf wir im Voraus hingewiesen haben: rückläufige Umsätze, die viele kleinere Betriebe vor das wirtschaftliche Aus stellen."

Und BFT-Vorsitzender Bodo Meinsen sieht in den Ergebnissen "die Bestätigung, dass mit dem bayerischen Rauchverbot eine falsche Wirkung erzielt wird, die auf dem Rücken der Kleingastronomie ausgetragen wird". Werner Gloßner, Geschäftsführer des Vereins Private Brauereien Bayern, macht der Bierabsatz - auch im Interesse seiner Kientel - Sorgen: "Bierwirtschaften mit wenig Frequenz spüren die negativen Auswirkungen deutlich. Vor allem auf dem Land fehlt der Kern des Landgasthofes, wenn sich der Stammtisch im Schützenheim oder privat trifft." In diesen Häusern liege der Rückgang des Bierabsatzes bei zehn bis 15 Prozent, mancherorts bei bis zu 20 Prozent.

Dennoch glauben Verband und Vereine nicht, dass die Politik vor 2013 an der Entscheidung des Volkes rütteln wird. Das sehen wohl auch die betroffenen Wirte so - nur 15 Prozent wollen eine Lockerung oder Abschaffung des Rauchverbots. Aber 43 Prozent fordern für die Zukunft mehr Selbstbestimmung: Die Wirte sollen selbst entscheiden können, ob geraucht wird oder nicht. Ayinger Brau-Chefin Inselkammer unterstützte ihre Kollegen: "Wir fordern mehr unternehmerischen Spielraum und Freiheit." Der Bundesverband Pro Rauchfrei nannte die Umfrage "schlicht unseriös und nicht repräsentativ".

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SZ vom 02.08.2011
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