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Eichstätt und der Vatikan:Uni-Präsident scheitert an Rom

"GAU der katholischen Kirche": Warum sich die Universität Eichstätt nach einem neuen Präsidenten umschauen muss.

Christine Burtscheidt

Die katholische Universität Eichstätt muss sich einen neuen Präsidenten suchen. Die Wahl des Religionspädagogen Ulrich Hemel ist offenbar hinfällig. Nach Informationen der SZ stößt sich der Vatikan an Hemels kirchenkritischer Haltung und an dessen Lebensstil. In Hochschulkreisen kommentierte man den Vorfall als "GAU der katholischen Kirche". Offiziell will Rom die Wahl aus formalen Gründen annullieren lassen. Hemel wurde am Mittwoch davon in Kenntnis gesetzt.

Universität Eichstätt

Die Katholische Universität Eichstätt - es wird wohl bald wieder ein neues Bewerbungsverfahren für das Amt des Präsidenten geben.

(Foto: Foto: Andreas Heddergott)

Sechs Wochen ließ sich die Kirche Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Bereits am 1. April hätte Hemel sein Amt antreten sollen, in das ihn der Hochschulrat mit großer Mehrheit gewählt hatte. Doch vergeblich wartete der Religionspädagoge und Unternehmensberater auf die Unbedenklichkeitserklärung aus Rom, das Nihil obstat. Aus Kirchenkreisen konnte man zur Begründung hören: "Hemel ist nicht gehorsam und demütig genug."

So ist der 51-Jährige zum dritten Mal verheiratet. Die zweite Ehe war nur standesamtlich, die erste wurde kirchenrechtlich korrekt annulliert. Allerdings zog sich das Verfahren seinerzeit hin, sodass es erst zur Entscheidung kam, als Hemel bereits in einer neuen Beziehung lebte. Darüber hinaus gilt der Religionspädagoge als Papstkritiker. In der bayerischen Bischofskonferenz soll es deshalb für ihn keine Mehrheit geben.

Vor allem der Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller soll Hemel abgelehnt und in Rom interveniert haben. Am Mittwochmorgen sickerte dann durch, dass die Kirche Hemels Wahl zum Uni-Präsidenten für ungültig erklären will. Es werde zu einer Neuausschreibung kommen, sagte Wissenschaftsminister Thomas Goppel dem Bayerischen Rundfunk, noch ehe sich der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke mit Hemel treffen konnte.

Goppel versicherte jedoch, die kirchlichen Vorbehalte hätten nichts mit "persönlichen Problemen" Hemels zu tun. Selbst reagierte dieser schockiert: "Es ist schon erstaunlich, als Betroffener aus den Medien zu erfahren, dass das Verfahren in Frage gestellt wird."

Nach Informationen der SZ soll die Wahl hinfällig sein, weil Rom die Grundordnung der Universität, in der das Wahlverfahren geregelt ist, nicht genehmigte. Die Universität Eichstätt hatte sie 2007 beschlossen und Bischof Hanke zur Kenntnisnahme vorgelegt, nicht aber dem Vatikan. Der will sie nun von der Hochschule überarbeiten lassen. So soll künftig darin geregelt sein, dass nicht nur der örtliche Bischof, sondern auch der Papst die Wahl des Eichstätter Uni-Präsidenten bestätigen muss.

An Bayerns Universitäten zeigte man sich nicht überrascht, dass die Wahl wiederholt werden muss. "Die Sache ist so verfahren, dass nichts anderes mehr geht", sagte der Sprecher der bayerischen Rektoren und Regensburger Uni-Rektor Alf Zimmer. Für ihn steht fest, dass Hemel und mit ihm auch das Ansehen der Eichstätter Hochschule nachhaltig beschädigt wurden. Jetzt müsse es um Schadenbegrenzung gehen.

Bauchschmerzen bereitet Zimmer jedoch der Plan der Kirche, eine Neuwahl durch die Aufkündigung der universitären Grundordnung zu erzwingen. Zwar sei eine Mitsprache der Kirche durch den Konkordatsvertrag zwischen Staat und Vatikan geregelt, "doch die Grundordnung kann man nur verändern, wenn sie gegen das Bayerische Hochschulgesetz verstößt", sagte er. Und das sei nicht der Fall. Der Vorfall zeige, "dass das Konkordat für die Wissenschaft immer eine Gratwanderung bleibt". Problematisch ist für Zimmer auch, dass Rom künftig entscheidenden Einfluss in Eichstätt haben möchte, während die Rechte des örtlich zuständigen Bischofs Hanke beschnitten würden. Und das vor dem Hintergrund, dass Eichstätt zu drei Vierteln vom Land und nur zu einem Viertel von den bayerischen Diözesen finanziert werde.

Hanke ist der unmittelbare Dienstherr der Eichstätter Professoren. Er hat dieselbe Position wie der Wissenschaftsminister bei rein staatlichen Einrichtungen. Hanke beruft Professoren und muss bei der Wahl eines Präsidenten seine Zustimmung geben. Nach Informationen der SZ soll er sie auch im Fall Hemel erteilt haben: und zwar nicht nur, weil er das Selbstverwaltungsrecht der Uni akzeptierte, sondern auch weil er den Mann für geeignet hielt. Hemels Vita ist beeindruckend: Abitur mit 1,0, Promotion mit 23 Jahren, Habilitation mit 31, danach machte er Karriere als Manager in der Wirtschaft und blieb außerordentlicher Professor an der Uni Regensburg.

© SZ vom 8.5.2008
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