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Kuriose Figuren:Die nicht anerkannte Heilige Sankt Kümmernis und andere fantastische Legenden

Wallfahrtskirche Schildthurn

Der 78 Meter hohe Turm der Wallfahrtskirche Sankt Ägidius in Schildthurn prägt weithin sichtbar das Rottaler Landschaftsbild, es verknüpfen sich auch viele wundersame Geschichten mit ihm.

(Foto: Sebastian Beck)

Solche Geschichten faszinieren die Heimatforscherin Maria Lenk. Sie hat sich auf Spurensuche im Rott- und Inntal begeben.

Von Hans Kratzer

Sankt Kümmernis, auch Wilgefortis genannt, zählt zu den kuriosesten Figuren im weiß-blauen Heiligenhimmel. Die Darstellungen zeigen sie als junge Frau, die einen Vollbart und das Gewand Christi trägt und zudem ans Kreuz geschlagen ist. Im Grunde genommen wirkt sie ähnlich schräg wie die Kunstfigur Conchita Wurst aus dem European Song Contest. In Neufahrn bei Freising und auf dem Hechenberg bei Burghausen wird sie als Volksheilige seit Jahrhunderten verehrt. Dabei erkennt die Kirche Sankt Kümmernis gar nicht als Heilige an. Denn die Legenden, die ihr Bild geformt haben, sind allzu fantastisch. Eine fromme Königstochter soll sie gewesen sein, sie soll Gott gebeten haben, sie körperlich zu entstellen, damit die Männer von ihr ablassen. Nachdem das geschehen war, soll ihr Vater so wütend geworden sein, dass er sie kreuzigen ließ.

Solche Geschichten aus dem Kuriositätenkabinett faszinieren die Eggenfeldener Heimatforscherin Maria Lenk schon seit ihrer Kindheit. Rund um die niederbayerische Ortschaft Gumpersdorf, wo sie aufgewachsen ist, herrschte an Mythen kein Mangel. Ganz in der Nähe liegt ja Schildthurn, berühmt durch den größten Dorfkirchturm in Bayern. Ihr Vater nahm sie mal bei einer Reparaturarbeit mit hinauf auf den Turm, wo eine Aussicht bis hinüber zum Großvenediger winkt. "Das hat mich geprägt", sagt Maria Lenk, die fortan "suachad war", wie sie ihre Leidenschaft umschreibt, immer auf der Suche nach neuen Phänomenen in ihrer Heimat, in der trotz Aufklärung und Fortschritt so viel Rätselhaftes fortbesteht.

Suachad sein, das ist schönstes Rottalerisch und heißt: Maria Lenk versucht, Dinge aufzuspüren, die noch niemand aufgeschrieben hat. Seit Jahrhunderten kommen zum Beispiel Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch nach Schildthurn, um hier eine Wiege zu schaukeln, in der ein Fatschenkind liegt, der Brauch soll gegen Unfruchtbarkeit helfen. Zuletzt haben zwei Frauen aus Frankreich gemeldet, ihr Kinderwunsch sei nach dem Besuch von Schildthurn in Erfüllung gegangen.

Addiert man die Strecken, die Maria Lenk in den vergangenen 40 Jahren mit ihrem Mann im Rottal und im Inntal zurückgelegt hat, kämen gewiss einige Weltumrundungen heraus. In die entlegensten Winkel hat sie hineingeleuchtet, sie hat mit Scharen von Menschen gesprochen. Kein Wunder, dass sie fast überquillt vor Wissen, "und das muass jetzt aussa", wie sie sagt. Soeben hat Maria Lenk, die im Bürgerbüro der Stadt Pfarrkirchen arbeitet, einen Teil ihrer Kenntnisse in einem selbst verlegten Buch veröffentlicht (Spurensuche im Rott- und Inntal, Band 1, Wallfahrtsorte; Homepage: www.spurensuche-buch.de). Auch deshalb, weil Touristen in ihrem Büro oft nachfragen, was man denn in dieser Gegend alles anschauen könne und sie da gerne Hilfe leisten will. Gute Reisebände über diese Gegend gab es vorher schon, etwa die Bildbände von Dieter Vogel (Kiebitz-Verlag) und die originellen "Krummen Touren" von Renate Just (Kunstmann), die einen sprachlich dichten Zugang zu den Schönheiten des Rottals und des Inntals ermöglichen. Lenks Buch ist im Vergleich dazu überbordend, der Band ist, da die Autorin auf kein Detail verzichtet, fast 400 Seiten stark und als Wegbegleiter für eine Tour fast zu schwer. Er ist eher für die Reisevorbereitung daheim geeignet.

Maria Lenk ist bereits seit 40 Jahren als Entdeckerin in Südbayern unterwegs, stets auf der Suche nach ungewöhnlichen Geschichten und Orten.

(Foto: privat)

Kraftplätze erleben, heißt es im Untertitel des Buchs, das ein großes Thema eröffnet, weil es einerseits von der Religion okkupiert wird, andererseits von Kräften, die der Esoterik zuneigen. Die Trennschärfe ist in Zeiten der grassierenden Verschwörungstheorien und der Totalverwirrung im Netz aber sowieso nicht mehr gegeben.

"Fast jeder Wallfahrtsort ist ein Kraftort", sagt Maria Lenk. Man kann dort Energie tanken, viele finden Trost und Inspiration. Unbestreitbar ist auch, dass Wallfahrtskirchen oft an vorchristlichen Kultorten errichtet wurden. Der Autor Fritz Fenzl hat zuletzt das Werk "Magische Kraftorte in Niederbayern" (SüdOst Verlag) veröffentlicht, für ihn hängen Kraftorte mit dem kosmischen Gefüge zusammen, sagt er.

Ehemalige Zisterzienserabtei Raitenhaslach im Stadtgebiet von Burghausen, 2016

Hier ein Blick in die Klosterkirche St. Georg in Raitenhaslach bei Burghausen.

(Foto: Maria Lenk)

An einem Wallfahrtsort anzukommen, bedeute für sie ein Wahnsinnsgefühl, sagt dagegen Maria Lenk. "Man wird ruhig und zuversichtlicher." Das, was dort mit dem Menschen passiert, will sie aber nicht interpretieren. "Das muss jeder für sich selber herausfinden." Und wenn jemand keine Energie spüre, "dann war es wenigstens ein schöner Ausflug". Etwa zu einer Corona-Kirche. Das Thema Corona hat sie schon vor der Krise fest verfolgt. Sie fand heraus, dass viele Bründlkapellen (Croahäusl) nach dieser Heiligen benannt und mit unglaublichen Geschichten verknüpft sind. "Wir ham scho a wuide Religion."

In der Hitze ihrer Begeisterung läuft Maria Lenk gelegentlich Gefahr, das Feld der Seriosität zu verlassen. So lässt sie sich an einer Stelle dazu hinreißen, aus der Tatsache, dass so viele Geschichten über sie kursieren, in der Natur tatsächlich eine Existenz von Elfen, Feen und Kobolden für möglich zu halten. Solche Passagen bräuchten unbedingt mehr Einordnung, Straffung und Wertung, was, um den Ernst des Themas nicht zu gefährden, beim nächsten Band über Rott und Inn und ihre Zuflüsse nicht versäumt werden sollte.

© SZ vom 10.08.2020/huy

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