Mit Kaffee gegen rechtsWie Supermarktbetreiber Michael Wollny zum Feind der AfD wurde

Lesezeit: 5 Min.

Michael Wollny betreibt einen Edeka in Friedberg – und besorgt für Kunden auf Nachfrage auch gerne Kaffee mit der Aufschrift „FCK AFD“.
Michael Wollny betreibt einen Edeka in Friedberg – und besorgt für Kunden auf Nachfrage auch gerne Kaffee mit der Aufschrift „FCK AFD“.
Foto: Florian Fuchs
  • Michael Wollny, Betreiber eines Edeka-Marktes in Friedberg, mischt sich regelmäßig in gesellschaftliche Debatten ein und ist dadurch zum Feindbild von AfD und Rechten geworden.
  • Nach seinem Post über "FCK AFD"-Kaffee erhielt Wollny Morddrohungen und Unbekannte warfen einen Pflasterstein durch die Glastüre seines Marktes.
  • Trotz der Boykottaufrufe steigt der Umsatz von Edeka Wollny seit Jahren kontinuierlich an, weshalb er weiterhin als Sponsor aktiv bleibt.
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Darf sich ein Supermarkt in gesellschaftliche Debatten einmischen? Edeka-Betreiber Michael Wollny hat seine Antwort darauf gefunden – und ist damit nun bundesweit Feindbild von Rechten und AfD.

Von Florian Fuchs, Friedberg

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Der Kaffee mit der Aufschrift „FCK AFD“ war der Funke, der den bisher größten Brand ausgelöst hat. Dabei war es ja nicht das erste Mal, dass Michael Wollny mit Posts auf Facebook oder Instagram viral ging: Mit seinem Beitrag zur Flüchtlingswelle 2015, mit seinem „Student*innenfutter“, mit dem Spaß, den er sich während der Corona-Zeit mit einem Post zu einem angeblichen Impfchip erlaubt hat, der an der Kasse piepst. Und jüngst mit seinem Statement, dass Kunden Produkte der Unternehmensgruppe Theo Müller nicht mehr kaufen sollten.

Michael Wollny mischt sich gerne in aktuelle Debatten ein. Er wäre damit einer von vielen im Internet, er ist aber der Betreiber eines Edeka-Marktes in Friedberg bei Augsburg, und er schreibt seine Beiträge auch unter dem Account seines Edeka-Marktes. Seine Posts entwickeln deshalb eine Wucht, die ihn manchmal noch selbst überrascht. Ein Supermarkt mit politischen Beiträgen? Das provoziert Reaktionen, und deshalb ist Michael Wollny inzwischen zu einer Art Feindbild geworden von AfD und Rechten, nicht nur in Friedberg, sondern weit darüber hinaus, bis hinein in den Bundestag.

Der Hass, der ihm teilweise im Internet entgegenschlägt, hat ihn inzwischen auch im realen Leben eingeholt: Ein paar Wochen nach der Sache mit dem Kaffee haben Unbekannte mit einem Pflasterstein die Glastüre seines Marktes kaputt geworfen.

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Wie politisch also darf ein Supermarkt sein? Darauf hat Michael Wollny eine simple Antwort: „Das ganze Leben ist politisch.“ Es ist ja nicht so, dass er Wahlempfehlungen aussprechen würde. Oder dass er seine Kunden selektieren würde. „Bei mir darf jeder einkaufen, wir bedienen alle.“ Er informiert im Internet eben über seine Produkte, wie beim „Student*innenfutter“, das es vor ein paar Jahren bis in die Bild-Zeitung schaffte. Wollny sagt zum Gendersternchen: „Wer das nicht kaufen will, kann zu einer anderen Packung greifen, deshalb verstehe ich die Aufregung nicht.“ Und die allermeisten seiner Posts sind komplett unpolitisch, kürzlich hat er darüber aufgeklärt, warum seine Tiefkühltheke keine Türen hat: Weil die Anlage so in heißen Sommermonaten den Laden kühlt.

Aber so naiv wie im Jahr 2015, als alles angefangen hat, ist er natürlich auch nicht mehr. Da stand plötzlich eine Stammkundin vor ihm und hat gefragt, ob das denn alles stimme, was in der Schule ihrer Tochter erzählt würde? Dass die Flüchtlinge stehlen würden in seinem Markt, und dass das Landratsamt ihm den Schaden heimlich ersetzen würde. Es war ein damals von Rechten verbreitetes Narrativ. „Und es hat mich aufgeregt“, sagt Wollny. Deshalb hat er es klargestellt, auf Facebook. Und war dann selbst überrascht, als der Post durch die Decke ging.

Vor allem Rechte wünschen dem Edeka-Markt schon lange die Insolvenz, stattdessen steigt der Umsatz immer weiter an.
Vor allem Rechte wünschen dem Edeka-Markt schon lange die Insolvenz, stattdessen steigt der Umsatz immer weiter an.
Foto: Florian Fuchs

Es war die Geburtsstunde des angeblich linksradikalen Supermarktbetreibers, als den ihn Rechte, die AfD und Internettrolle gerne beschimpfen. Dabei stellt sich schnell heraus, wenn man mit Wollny spricht, dass der 55-Jährige differenziert auf die Lage in Deutschland blickt. Auch Wollny findet nicht alles gut, was seit der Flüchtlingswelle 2015 passiert ist. „Man hat bei der Integration sicher nicht alles richtig gemacht, deshalb haben wir jetzt Probleme.“ Und er findet auch explizit nicht gut, was „am linken Rand“ der Gesellschaft alles passiert. Aber: „Nur am rechten Rand brennt halt im Moment der Dachstuhl.“

Und deshalb will sich Wollny nicht den Mund verbieten lassen, gerade von denen nicht, die immer krakeelen, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürfen. Und er will sich auch explizit nicht als Unternehmer den Mund verbieten lassen. Auch nicht von der „Empörungsmaschinerie“, die er vor ein paar Monaten hinter den Angriffen nach seinem Post mit dem „FCK AFD“-Kaffee identifiziert hat. Der Shitstorm ist vor allem deshalb so groß geworden, weil ein rechtes Krawallportal aufgesprungen ist und die Fakten so lange hingedreht hat, bis es Wollny unterstellen konnte, er und Edeka würden Unternehmen unterstützen, die dazu aufrufen, AfDler zu töten.

Hatte natürlich niemand, weder Wollny, noch Edeka. Wollny hatte neuen Kaffee ins Sortiment aufgenommen, von „Olivier Caffè“ aus Wolfsburg. Vier neue Sorten also standen im Regal, eine fünfte, ließ Wollny seine Follower wissen, bestelle er auf Nachfrage: die mit der Aufschrift. Das Portal nun suggerierte, dass die Wolfsburger Rösterei nicht nur Kaffee, sondern auch Tassen mit der Aufschrift „AfDler töten“ vertreibe – obwohl es so eine Tasse nie gab, sondern nur ein von der Rösterei mit KI erstelltes Bild davon. Und damit gewiss kein Aufruf verbunden war, jemandem zu schaden.

Viele regten sich auf, die AfD bis hin zu einem Bundestagsabgeordneten, rechte Influencer sowieso. Politik habe im Supermarkt nichts zu suchen, schimpften sie. Wollny wurde im Internet angegriffen, er erhielt Morddrohungen. Er hatte einige „wenig lustige Telefonate“ mit der Konzernzentrale, die ihn eigentlich immer gewähren ließ. Im Rückblick ist der Vorfall für Wollny ein Paradebeispiel, wie „empfindsam die rechte Bubble ist und mit welchen Mitteln sie versucht, jede Kritik sofort im Keim zu ersticken“.

Insolvenz? Der Laden brummt von Jahr zu Jahr mehr

Dabei ist Wollny ein Mensch, der auch in solchen Situationen noch lachen kann. Und der mit solchen Wutwellen umgehen kann. „Wenn man den PC ausschaltet, ist man wieder in der echten Welt, dann sind der Hass und die Anfeindungen weg.“ Er kann da ganz gut trennen, weil er gelernt hat, dass der Aufschrei im Internet nie so laut ist wie in der Realität. Der Pflasterstein war ein Einzelfall. „Darum kümmert sich die Polizei“, sagt Wollny.

Und er kann sich schon weiterhin über all die Hass-Kommentatoren lustig machen, auch wenn die Sache mit dem Kaffee so aus dem Ruder gelaufen ist. Er kann gar nicht mehr zählen, wie oft ihm Trolle im Internet schon eine Insolvenz angedichtet haben, weil aufgrund seiner Posts, meinen sie, niemand mehr in seinem Markt einkaufen wolle.

Als Antwort auf so etwas postet Wollny unter anderem KI-gezeichnete Bilder von sich und dem Chef von Olivier Caffè unter einer Brücke, verbunden mit dem Hinweis: „Ein Boykott ist übrigens besonders wirkungsvoll, wenn man vorher Kunde war ...“. Tatsächlich steigt der Umsatz von Edeka Wollny seit Jahren kontinuierlich an, weshalb er auch weiterhin als Sponsor von Vereinen, Schulen und Kindergärten in Friedberg und Umgebung aktiv sein wird.

Den Humor will sich Wollny also nicht nehmen lassen, wie zur Corona-Hochzeit, als er die Verschwörungserzählung aufgriff, Bill Gates entwickle Mikrochips, die Menschen bei Corona-Impfungen heimlich implantiert würden. Die Impfchips, schrieb er, könnten Fehlalarme an der Kasse auslösen. Betroffene, kündigte er damals an, bekämen von ihm einen 25-Euro-Gutschein, finanziert durch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Sogar Ober-Corona-Leugner Attila Hildmann kommentierte den Post.

Wollny wird sich weiterhin einmischen, er wird über seine Produkte informieren und was in seinem Laden alles passiert. Vielleicht aber bald nicht mehr bei Facebook, der größten aller Empörungsmaschinen im Internet. „Dort ist es schon manchmal anstrengend.“ Er will aber, das hat er dieses Jahr gelernt, etwas vorsichtiger in der Wortwahl werden. Wenn er Kunden darauf aufmerksam machen will, dass sie viel Macht haben, indem sie entscheiden, zu welchen Produkten sie greifen, wie bei seinem Beitrag zum Müller-Konzern – und übrigens auch zu Nestlé –, dann würde er nicht mehr formulieren: „Zeigt ihnen die rote Karte.“ Aber darauf aufmerksam machen, das will er auf jeden Fall.

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