EADS in Unterschleißheim Der Kampf ist verloren, jetzt wird gekämpft

Erst Microsoft, jetzt auch noch EADS: Unterschleißheim bei München verliert innerhalb weniger Wochen den zweiten Großkonzern. Die Belegschaft schwankt zwischen Entsetzen und Kampfeslust. Nur der Bürgermeister bleibt überraschend gelassen.

Von Beate Wild

Das weiße Firmengebäude von EADS in Unterschleißheim glänzt an diesem Dienstagmorgen in der Wintersonne. Am Tor 1 herrscht reger Verkehr. Mitarbeiter kommen und gehen, große Limousinen passieren die Schranken. Es herrscht Betriebsamkeit - fast so, als wäre nichts passiert.

Dabei ist es erst wenige Stunden her, dass Europas größter Luft- und Raumfahrtkonzern EADS bekannt gegeben hat, dass er 5800 Stellen abbauen will - betriebsbedingte Kündigungen seien nicht völlig auszuschließen. Den Standort Unterschleißheim mit der EADS-Rüstungssparte Cassidian trifft es dabei besonders hart. Er soll komplett geschlossen werden.

Der Versuch, vor dem Eingang mit Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, misslingt. Überall sind Kameras aufgebaut, die jeden Besucher, der sich nähert, auf Schritt und Tritt verfolgen. Nicht ungewöhnlich für einen Rüstungskonzern, doch an diesem Tag ist die Nervosität offenbar auch aus einem anderen Grund höher als sonst. Sobald eine Kamera gezückt wird, stürmt ein Security-Mann mit bulligem Körperbau aus dem Pförtnerhäuschen und beginnt zu brüllen. Dies sei ein Firmengelände und Fotografieren sei verboten. Man solle sich umgehend entfernen.

Erst später wird es gelingen, ein paar Meter entfernt vom Haupteingang, auf der Landshuter Straße, mit ein paar EADS-Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Etwa mit einem großen, sportlichen Mann, der gerade auf dem Weg zu seinen Arbeitsplatz bei EADS ist, doch seinen Namen nicht nennen will. "Wir sind alle über 50, wer soll uns denn noch wollen?", sagt er. Er sei vor einigen Jahren, wie viele seiner Kollegen auch, extra nach Unterschleißheim gezogen, mit Kind und Kegel.

"Nun habe ich hier ein Haus, das ich noch abbezahlen muss, meine Kinder gehen hier zur Schule, wir haben uns gerade eingelebt", sagt er. Ein Kollege von ihm sagt: "Wir haben so etwas ja schon geahnt, aber wenn es dann eintrifft, ist es trotzdem hart." Die Stimmung unter den Kollegen sei miserabel. Angst gehe um. Die pure Angst, bald auf der Straße zu sitzen, ohne Job und ohne Aussichten auf etwas Neues.

Die Stimmungslage der Mitarbeiter bestätigt Wolfgang Kiefer-Heydenreich, Betriebsratsvorsitzender von Cassidian. "Ausgerechnet in der stillen Zeit werden den Leuten solche Nachrichten überbracht", sagt er und schüttelt fassungslos den Kopf. Er sitzt in der weißen Loungeecke in der Lobby. Nach längeren Diskussionen mit dem unerbittlichen Pförtner ist Kiefer-Heydenreich zu Hilfe geeilt und hat den Besuch ins Innere des EADS-Standorts gebeten.

Cassidian-Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Kiefer-Heydenreich will für den Erhalt des Standorts Unterschleißheim kämpfen.

(Foto: Beate Wild)

Er ist enttäuscht darüber, wie die Kommunikation in dem Unternehmen laufe, sagt er. "In dem Mitarbeiterbrief, den gestern alle erhalten haben, ging es nur um Wertschöpfung und um nackte Zahlen, mit keinem Wort darum, wie die Mitarbeiter betroffen sind", sagt er. "Ich attestiere dem Management ganz schlechten Stil."

Bei Cassidian in Unterschleißheim wird Hard- und Software für Radargeräte entwickelt, etwa 1200 Mitarbeiter sind damit beschäftigt. Weitere 200 arbeiten in zentralen Funktionen. Erst vor etwa drei Jahren habe EADS in Unterschleißheim das Headquarter etabliert. Dann wurde Tom Enders neuer Konzernchef - und mit ihm kam ein erneuter Strategiewechsel.

Fatal sei auch, dass die Umsätze von EADS eigentlich gut seien und trotzdem Mitarbeiter abgebaut werden sollen, sagt Kiefer-Heydenreich.