Technik contra Muskelkraft Münchner Alpenverein will keine Ladestationen für E-Bikes auf Berghütten

Immer mehr Menschen kaufen sich E-Bikes. Im Jahr 2017 wurden 720 000 Stück in Deutschland verkauft, jedes fünfte davon war ein Mountainbike. Und die drängen zunehmend auch in die Berge.

(Foto: Martin Schindler/oh)

Die Entscheidung ist beachtlich, weil sich damit erstmals eine Alpenvereinssektion öffentlich gegen einen Ausbau der Infrastrukturen am Berg ausspricht.

Von Isabel Bernstein

Ein kurzatmiges "Servus" kommt dem Mountainbiker gerade noch über die Lippen, dann beißt er die Zähne zusammen und keucht weiter. Der Rest seiner Gruppe, welcher mit ein paar Metern Abstand folgt, bringt vor lauter Anstrengung zum Gruße allenfalls ein Nicken zustande. Kurz vor dem Ziel, der Hochthörlehütte im Wettersteingebirge, hat die Forststraße noch mal an Steigung zugelegt. Den zwei Mittvierzigerinnen, die kurze Zeit später dieselbe Stelle passieren, scheint das aber wenig auszumachen: Locker tretend und ratschend fahren sie an den Wanderern vorbei. Eine Frage der Fitness? Nein, wie ein Blick auf die Fahrräder verrät. Eine Frage der Motorisierung.

Immer mehr Menschen kaufen sich mittlerweile E-Bikes. Allein im Jahr 2017 wurden 720 000 Stück in Deutschland verkauft, jedes fünfte davon war ein Mountainbike. Und die drängen zunehmend auch in die Berge. "Der Besucherdruck hat solche Ausmaße angenommen, dass man sich fragt: Wie geht das weiter?", sagt Frank Martin Siefarth. Die Münchner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), deren Pressesprecher Siefahrth ist, hat gegen diesen Trend ein Zeichen gesetzt und auf ihrer Mitgliederversammlung beschlossen: Ladestationen für E-Bike-Akkus wird es auf den sektionseigenen Hütten nicht geben. Der Entscheid gilt unter anderem für die Reintalangerhütte bei Garmisch-Partenkirchen, die Albert-Link-Hütte am Spitzingsee und auch das Taschachhaus in den Ötztaler Alpen.

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"Wir wollen E-Biker nicht ausschließen"

Das Votum der Münchner ist insofern beachtlich, als sich damit erstmals eine Alpenvereinssektion öffentlich gegen einen Ausbau der Infrastrukturen am Berg ausspricht - und weil sie mit 170 000 Mitgliedern zusammen mit der Sektion Oberland die größte in Deutschland ist. "Wir wollen E-Biker nicht ausschließen", sagt Siefarth. Aber jeder solle da hinkommen, "wo er von selbst hinkommt". Und das ohne fremde Hilfe. Diese Meinung teilen Mountainbiker. "Das schmälert jegliche Herausforderung", und "wer nicht mit Muskelkraft hochkommt, hat auf dem Berg nichts verloren", das sind nur einige Reaktionen auf die Frage nach Elektrofahrrädern.

Hanspeter Mair stand dem Thema E-Bike anfangs aber noch aufgeschlossen gegenüber. Heute sagt er über den Vorstoß aus München: "Ich bin froh über dieses Zeichen. Es zwingt uns, uns mit dieser Sache auseinanderzusetzen." Mair ist als Geschäftsbereichsleiter Alpine Raumordnung auch für das Thema Mountainbikes im DAV zuständig. 2015 sah er in E-Bikes in erster Linie ein gutes Instrument, um auch den älteren oder körperlich eingeschränkten Menschen Bergerlebnisse zu ermöglichen. Mittlerweile aber hat er festgestellt, dass E-Bikes zunehmend eine Käuferschicht anziehen, "die damit" - und hier meint Mair die Bergwelt - "bisher nichts zu tun hatten, und ab geht die Post". Dass das Fahrrad mit seinen 20 Kilogramm deutlich schwerer zu fahren ist als ein normales Mountainbike, wüssten diese Leute ebenso wenig wie die Frage, wie man sich am Berg und auch gegenüber Wanderern verhält. "Die beschäftigen sich gar nicht mit dem Thema", kritisiert Mair.

"Auf Hütten ist die Energieversorgung oft schwierig, das versteht der Gast oft nicht.

Hüttenwirt Andreas Ruech gibt offen zu, ein "Verständnisproblem" zu haben. Er kann nicht verstehen, dass viele junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren, die "voll im Saft" stehen, E-Rad fahren. Sein Karwendelhaus zählt von bayerischer Seite aus zu den beliebtesten Mountainbike-Zielen. Andererseits beobachtet er, dass Gäste, die irgendwann aus Altersgründen mit dem Mountainbiken aufgehört haben, nun auf Elektroräder umgestiegen sind und wieder hoch zur Hütte kommen. Allerdings versteht er die Grundsatzentscheidung der Münchner Sektion: "Auf Hütten ist die Energieversorgung oft schwierig, das versteht der Gast oft nicht." In seinem Fall sei das anders, der Strom wird aus Wasserkraft gewonnen. Wer seinen Akku also laden will, kann das machen, "aber ich biete es nicht aktiv an". Nachgefragt werde das aber eher selten: Wenn man nicht gerade den Powermodus gewählt habe, "kommt man mit einer Akkuladung locker hin und zurück".

Das gilt freilich auch für die Münchner DAV-Hütten. Auf der Reintalangerhütte war die Nachfrage nach Ladestationen bisher ohnehin überschaubar. Auch im Alpenverein weiß man, dass der Trend nicht aufzuhalten ist und sich eher noch verstärken wird. Dort macht man sich bereits Gedanken, wie man die zahlreichen E-Radler, die nicht Mitglied sind, erreicht und aufklärt. Ein Bike-Booklet, das Tipps und grundlegende Regeln zum Mountainbiken gibt und über Hütten, Verleiher und Tourismusverbände an den Bergsportler gebracht werden soll, dürfte nur ein Anfang sein.

"Wir sehen uns als Wegehalter in der Verpflichtung, befriedend auf das Thema einzuwirken", sagt Hanspeter Mair. Er glaube, dass die Entscheidung der Münchner Sektion gegen Ladestationen ohnehin in zwei Jahren obsolet sein wird. Denn bis dahin werden die Akkus stark genug sein, dass sie noch weitere Strecken schaffen, ohne auf Hütten nachgeladen werden zu müssen.

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