Süddeutsche Zeitung

Dubiose Geschäfte mit Kleiderspenden:Aus Alt mach Geld

Lesezeit: 5 min

Eine Tonne Altkleider ist bis zu 500 Euro wert. Nicht nur gemeinnützige Organisationen profitieren davon. Das Geschäft mit den Kleiderspenden ruft auch dubiose Firmen auf den Plan, die illegale Container aufstellen. Einblicke in ein schmutziges Geschäft.

Von Robert Gast

Eines Morgens steht der Container am Straßenrand. Ein beigefarbenes Blechmonster mit Einwurfklappe, versehen mit der Bitte, Altkleider zu spenden. Wer hier Hosen, Hemden oder Mützen einwirft, meint das in der Regel als Spende an die Allgemeinheit. Doch was das Blechmonster in der Zollernstraße 46 in Augsburg-Oberhausen schluckt, kommt keinem gemeinnützigen Zwecke zu Gute. Sondern einem Unternehmen, das mit fragwürdigen Methoden Profit macht.

Laut Aufdruck gehört der Container dem "Deutschen Textilwerk". Seit längerem stellt die Firma Sammelbüchsen in Bayern auf, ohne eine Genehmigung der Behörden oder Grundstückseigentümer einzuholen. Im Internet und im Handelsregister sucht man allerdings vergeblich nach ihr. Wer die auf dem Container abgedruckte Service-Hotline anruft, landet auf einem Anrufbeantworter.

Eine Tonne Altkleider für 500 Euro

Altkleider sind eine begehrte Ware. Eine Tonne ist aktuell bis zu 500 Euro wert- vor zehn Jahren waren es gerade mal 150 Euro. Und die Deutschen sind fleißige Spender: Mindestens 750 000 Tonnen Altkleider geben sie im Jahr weg. In der Regel ist die Allgemeinheit an dem Erlös beteiligt. Viele Kommunen haben Verträge mit Recyclingfirmen geschlossen, die Altkleider-Container aufstellen. Die Stellmieten fließen in den Haushalt. Auch karitative Organisationen wie die Malteser oder das Bayerische Rote Kreuz nutzen den Altkleider-Verkauf als Einnahmequelle.

In der Zollernstraße in Augsburg merkten die Anwohner irgendwann, dass niemand für den Container vor ihrem Haus eine Stellmiete erhält. Sie ließen ihn schließlich entfernen. Einfach ist das nicht: Man muss den Besitzer des Containers mehrmals schriftlich bitten, diesen abzuholen. Erst wenn er längere Zeit nicht antwortet, darf der Behälter abgeschleppt werden.

15 bis 30 Prozent illegale Container

In Augsburg engagierte der Grundstückseigentümer schließlich die Aktion Hoffnung. Sie sammelt selbst Altkleider, und seit zwei Jahren entfernt sie im Großraum Augsburg und München Container, die ohne Genehmigung aufgestellt wurden. 129-mal gehörten sie dem Deutschen Textilwerk, sagt Aktion-Hoffnung-Geschäftsführer Klaus Prestele. Insgesamt haben seine Mitarbeiter etwa 250 Container abgeschleppt. Die meisten warten in einer Lagerhalle darauf, dass ihre Eigentümer sie abholen.

Nicht nur in Bayern sind nicht-genehmigte Container ein Problem. In Stuttgart, Freiburg, Kassel, Leipzig, Aachen und vielen anderen Städten haben Zeitungen über die Machenschaften in der Altkleiderbranche berichtet. Andreas Voget vom Kleidersammler-Dachverband Fairwertung schätzt, dass 15 bis 30 Prozent der Container in Deutschland illegal aufgestellt wurden. Bei den aktuellen Preisen für Altkleider würde so ein zweistelliger Millionenbetrag umgesetzt, ohne dass ein Teil der Erlöse der Gesellschaft zugute kommt.

Schwarze Schafe in ehrlicher Branche

Doch wer steckt dahinter? Brancheninsidern zufolge hatte eine kleine Gruppe von Unternehmern Deutschland unter sich aufgeteilt. Namen will niemand öffentlich nennen - die dubiosen Sammler haben den Ruf, klagefreudig zu sein. Sie gelten als schwarze Schafe in einer ehrlichen Branche. "Es ist legitim, für den eigenen Zweck zu sammeln", sagt Klaus Prestele. Nicht legitim sei aber, die Spender zu täuschen.

Das tun die dubiosen Sammler jedoch: Der rote Schriftzug des Deutschen Textilwerks "Kleider + Schuhe" ist so gestaltet, dass das Pluszeichen an ein rotes Kreuz erinnert. Das Unternehmen bringt laut Prestele zudem manchmal ein Siegel an: "Dieser Container ist genehmigt" - es ist frei erfunden. Voget berichtet darüber hinaus von Sammlern, die Logos karitativer Organisationen kopieren. Weil die illegalen Container lediglich als Ordnungswidrigkeit gelten, kann niemand strafrechtlich gegen die dubiosen Sammler vorgehen.

Recyclingfirmen klagen gegen Behörden

Seit einer Erneuerung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes im Jahr 2012 müssen Sammler Container auf öffentlichen Flächen anmelden - die Kommunen können ihnen eine Sammlung unter bestimmten Bedingungen untersagen. Seitdem weichen die dubiosen Sammler bevorzugt auf privaten Grund auf: Supermarktparkplätze, auf denen die Container zwischen Mülltonnen nicht auffallen. Grünstreifen zwischen Wohnanlagen, wo niemand weiß, ob ein Nachbar den Container genehmigt hat. Oder tiefe Bürgersteige, auf denen Anwohnern nicht klar ist, wo öffentlicher Grund endet und privater beginnt.

Das neue Gesetz gibt den schwarzen Schafen der Branche die Möglichkeit, ihr Geschäft auf sichere Beine zu stellen: Sie melden ihre Sammlungen an - und wenn die Landkreise diese untersagen, klagen die Firmen dagegen. Knapp 100 Verfahren zwischen Recyclingfirmen und Behörden habe es in letzter Zeit deutschlandweit gegeben, schätzt der Anwalt Frank Wenzel von der Berliner Kanzlei GGSC, der vor Gericht für den Landkreis Starnberg mit Textilfirmen verhandelt.

Klamotten von Marburg nach Litauen

Auch das Deutsche Textilwerk tritt vor Gericht auf. Ende November klagte es vor dem Verwaltungsgericht München. Das Landratsamt Erding hatte eine große gewerbliche Sammlung untersagt. Das Verfahren bot eine Möglichkeit, mehr über die mysteriöse Firma zu erfahren. Bei Gericht ist eine Adresse in Aichach hinterlegt, unter ihr hat sich kürzlich ein 26-jähriger Kaufmann ins Handelsregister eingetragen. Telefonisch war er nicht zu erreichen. Seine Anwältin erschien nicht zur Verhandlung - angeblich wegen einer Autopanne.

Vor dem Verwaltungsgericht bestätigte sich indes eine Vermutung, die viele in der Branche haben: dass mehrere jener Unternehmen zusammenarbeiten, die Container ohne Genehmigung aufgestellt haben. Das Deutsche Textilwerk liefere die verwertbaren Klamotten aus seinen Containern an die Firma Bicker mit Geschäftssitz in Marburg, hielt die Richterin am Verwaltungsgericht fest. Von dort gehen sie demnach an ein Sortierwerk in Litauen.

Der Name Bicker fällt häufig, wenn man Brancheninsider auf die illegalen Container anspricht. Das Internet ist voll von Berichten über ungenehmigte Container der Firma. Auch die Bicker GmbH klagte vergangene Woche gegen den Freistaat Bayern, weil die Landkreise Starnberg und Altötting der Firma untersagt hatten, Altkleider-Container aufzustellen. Vertreten wurde das Unternehmen von derselben Marburger Anwältin, die sich um die Rechtsbelange des Deutschen Textilwerks kümmert. Auch verwandtschaftlich soll das Deutsche Textilwerk mit der Bicker GmbH verbunden sein: Der 31-jährige Bicker-Geschäftsführer hat denselben Nachnamen wie der 26-jährige Kaufmann, der vermutlich hinter dem Deutschen Textilwerk steht. Nach SZ-Informationen stammen beide aus derselben Region in Kasachstan.

Weiteres Unternehmen dubios

Das Netzwerk der Bicker GmbH umfasst noch mehr Unternehmen. Die Marburger Firma ist auch als Gesellschafter der AG Textilverbund mit Postfach in Frankfurt ins Handelsregister eingetragen. Diese hat Zeitungsberichten zufolge unter anderem in Dortmund, Trier und Saarbrücken Container ohne Genehmigung aufgestellt.

Auch ein weiteres Unternehmen aus Hessen gilt in der Branche als dubios - der 28-jährige Geschäftsführer ist ebenfalls in Kasachstan geboren und bei Bicker für "Leitung auf Beaufsichtigung" zuständig, wie das Verwaltungsgericht München festhielt. Auf Nachfrage der SZ will die Firma Bicker die Geschäftsbeziehungen mit den anderen Altkleider-Sammlern nicht kommentieren. Bicker sei angeschlagen, "weil Gemeinden die Altkleidersammlungen untersagen", wenn sie bereits mit gewerblichen Sammlern einen "Pakt" geschlossen hätten. Weil die Kommunen dabei "Fehler gemacht hätten", sei die Untersagung in 40 Fällen von Gerichten abgewiesen worden.

"Wir tun gar nicht so, als wären wir gemeinnützig"

Den Firmengründer des Unternehmens, Wolfgang Bicker, gleichzeitig einer von zwei Geschäftsführern, erreicht die SZ unter seiner Privatnummer in Marburg. Unrechtsbewusstsein lässt er nicht erkennen. Zwar räumt Bicker ein, dass Mitarbeiter "Fehler gemacht" hätten. Dass man Container ohne Genehmigung aufgestellt habe, sei "eine Zeit lang häufiger passiert, dann aber nicht mehr". Das sei jedoch nur ein Versuch gewesen, sich gegen die "pseudokaritativen" Organisationen wie die Malteser oder "Ein Herz für Kinder" auf dem Markt zu behaupten.

Geschäft mit dem Mitleid anderer Leute

"Wir fühlen uns ganz klar benachteiligt", sagt Bicker. Denn gemeinnützige Organisationen müssten häufig nur geringe Stellmieten bezahlen, hätten aber auch oft bloß gewerbliche Firmen engagiert. "Wir tun gar nicht so, als wären wir gemeinnützig", sagt er.

Dass die Bicker GmbH nach wie vor Altkleider von Unternehmen wie dem Deutschen Textilwerk kauft, irritiert Wolfgang Bicker offenbar nicht - sein Unternehmen ließ eine Bitte um Stellungnahme in diesem Punkt unbeantwortet. Obwohl die Bicker GmbH durch Geschäfte mit dem Deutschen Textilwerk ein dreistes Vorgehen im Graubereich der Legalität unterstützt und obwohl sie mit dem Mitleid anderer Leute ein Geschäft macht: Zu schade für eine Mitleidstour ist man sich deshalb noch lange nicht. Man solle doch bitte einen neutralen Bericht schreiben, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit - sonst seien die Existenzen der Mitarbeiter gefährdet.

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Quelle:
SZ vom 10.12.2013/geu
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