Drogenpolitik in Bayern:Mehr als 1000 Euro pro Monat für das Medikament

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Diese Medizin aber kommt ihn teuer zu stehen. Für eine Dose Bedrocan zahlt Strauss 85 Euro. Laut ärztlicher Verschreibung braucht er zwölf Dosen in vier Wochen, das sind mehr als 1000 Euro im Monat, die Strauss komplett aus eigener Tasche zahlen muss. Denn seine Krankenkasse erstattet die Kosten nicht, trotz ärztlicher Bescheinigung.

Dreimal wurde sein Antrag von der Krankenkasse bereits abgelehnt. "Das ist in Deutschland immer so: Wenn überhaupt, zahlt die Krankenkasse Cannabis nur bei HIV im Endstadium oder Multipler Sklerose", sagt Markus Backmund, Internist und Psychotherapeut aus München. Der Arzt ist von Cannabis überzeugt. "Schon im Mittelalter war Cannabis als Heilmittel bekannt, und zwar nicht ohne Grund", sagt er.

Nur wenige Ärzte verschreiben Cannabis

In den 90er-Jahren habe man körpereigene Cannabinoide dann auch im Gehirn entdeckt. Seitdem investierten Pharma-Konzerne vor allem in den USA in die Forschung. "Cannabis hilft gegen Erbrechen und Übelkeit bei Krebs-Chemotherapien, Appetitlosigkeit bei HIV-Erkrankten, Spasmen bei Multipler Sklerose und bei chronischen Schmerzen", sagt Backmund. Allerdings beruhten die Studien zu Cannabis bisher auf sehr geringen Fallzahlen. Bei der Wirkung sei vieles noch unklar.

In Bayern jedenfalls gibt es nur wenige Ärzte, die ihren Patienten Cannabis verschreiben. Viele beschäftigten sich nicht mit der Wirkung, sagt Backmund. Anderen sei der Aufwand zu groß: "Ich selbst kann es mir gar nicht leisten, regelmäßig Patienten Cannabis zu verschreiben." Denn für eine Genehmigung bei der Bundesopiumstelle muss ein Arzt im Detail begründen, warum für den Patienten Cannabis angebracht ist - bei Strauss ist diese Begründung ein fünfseitiger Text.

Doch selbst wenn sich ein Arzt vehement für eine Cannabis-Behandlung ausspricht, sind die bürokratischen Hürden hoch: Franjo Grotenhermen, der Arzt von Strauss, musste zwei Gutachten erstellen, erst das zweite wurde von der Bundesopiumstelle genehmigt - das Verfahren dauerte länger als ein halbes Jahr.

"Mein Patient ist auf Cannabis angewiesen."

Bevor Strauss mit Cannabis anfing, hatte er viele Tabletten schlucken müssen. Und die bekamen ihm schlecht: Buprenorphin, Pethidin, Morphin, alles Wirkstoffe auf Opium-Basis wegen der starken Schmerzen in der Wirbelsäule. "Ich hatte Bauchkrämpfe, Kopfweh und Durchfall davon", sagt er und kneift die Augen zusammen. Wegen der hohen Dosierung musste Strauss die Schmerzmittel zusammen mit Psychopharmaka einnehmen.

Neben all den körperlichen Nebenwirkungen habe das seinen Charakter verändert. "Ich wurde aggressiv, lustlos und müde." Er habe seine Kollegen auf der Arbeit beleidigt. "Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt", sagt er. Bekannte aus den USA empfahlen ihm schließlich, es mit einer Cannabis-Kur zu probieren. Seitdem leide er kaum noch an Nebenwirkungen. Sein Hausarzt Grotenhermen bringt es auf den Punkt: "Mein Patient ist auf Cannabis angewiesen."

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