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Dorf in Franken:Bürgermeister ohne Bürger

Bürgermeister Anton Engelhardt.

Der Bürgermeister von Schönstheim, Udo Engelhardt.

(Foto: oh)

Das Dorf Schönstheim im Landkreis Würzburg gibt es schon seit über 500 Jahren nicht mehr - und Schönstheimer auch nicht. Dennoch wird hier jedes Jahr gewählt. Ein Gespräch mit dem Bürgermeister Anton Engelhardt.

Von Katja Auer, Schönstheim

Der Winzer Anton Engelhardt, 73, ist gerade zum Bürgermeister von Schönstheim im Landkreis Würzburg gewählt worden. Genau genommen gibt es Schönstheim allerdings nicht mehr und auch keine Schönstheimer. Der Bürgermeister wird trotzdem jedes Jahr gewählt.

SZ: Herr Engelhardt, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Bürgermeister.

Anton Engelhardt: Danke, aber das ist ja eine turnusmäßige Wahl. Da kommt jeder mal dran. Das Amt ist auch mit Arbeit verbunden und die verteilt man gerne.

Dabei gibt es Schönstheim gar nicht mehr.

Ja, schon seit 500 Jahren nicht mehr. Irgendwann um 1500 haben die Bewohner das Dorf verlassen, wahrscheinlich, weil sie in den Kriegswirren so oft überfallen worden sind. Da haben sie sich wohl in die umliegenden Orte zurückgezogen, zum Beispiel nach Röttingen, das hatte damals schon Stadtrecht und war befestigt.

Aber Schönstheim hat Besitz, deswegen existiert es noch als Waldkörperschaft. Es gab einmal 16 Bauernhöfe, sogenannte Huben, mit insgesamt 301 Hektar Wald. Die Vertreter dieser Eigentümergemeinschaften bilden die Gemeinde Schönstheim.

Hätte man die nicht einfach eingemeinden können?

Die Schönstheimer wollten nicht, die wollten ausmärkisch bleiben. Aber ungefähr 1933 hat man sich dann doch mit Röttingen geeinigt. Jetzt gehört Schönstheim zu deren Gebiet und bezahlt auch Grundsteuer. Dafür bekommen wir einen Verwaltungskostenzuschuss, weil wir uns selbst verwalten, die Jagd selbst verpachten und die Wege selbst unterhalten. Das sind 38 Euro und ein paar Cent.

Oh, das klingt aber nicht gerade nach einer vollen Gemeindekasse.

Aus dem Wald kommt nicht so viel raus. Aber von der Pacht für die Jagd können wir die Wege unterhalten. Noch schreiben wir schwarze Zahlen.

Das kann nicht jeder Ort behaupten.

Ja, wir bemühen uns. Aber heuer haben wir zum ersten Mal den Antrag gestellt, dass uns die Stadt beim Wegebau unterstützt. Letzten Winter hatten wir keinen Frost, die Wege sind in einem schlechten Zustand.

Das macht dem Bürgermeister Sorgen.

Ach, es gibt immer was zu tun. Die Waldstücke müssen aufgeforstet, Zäune gebaut und Jungkulturen unterhalten werden. Dann die Wege gepflegt und ein paar Bildstöcke haben wir auch drin.

Klingt eher nach Förster.

Wir werden von einem Förster beraten, aber die Arbeit müssen wir selber machen. Der Erste Bürgermeister hat eigentlich gar nicht so viel zu tun, das meiste macht der Zweite Bürgermeister. Deswegen übernimmt das Amt immer ein Jüngerer.

Wie praktisch.

Klar, der ist noch fitter und aktiver.

Haben Sie eigentlich eine Amtskette?

Nein, so eine brauchen wir nicht.

Und ein Rathaus?

Wir dürfen im Sitzungssaal der Stadt Röttingen tagen. Das machen wir jedes Jahr am 2. Mai, dann werden die neuen Bürgermeister gewählt. Danach gehen wir in die Gaststätte und da müssen die zwei alten und die zwei neuen Bürgermeister je zwei Flaschen Wein bezahlen. So ist es der Brauch.

© SZ vom 08.05.2014/mmo
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