Donauwörth Anästhesist bestreitet Schuld an Hepatitis-Infektionen

Etwa 30 frühere Patienten kommen derzeit täglich in die Klinik in Donauwörth, um sich auf Hepatitis C testen zu lassen. Der Anästhesist behauptet, nichts von seiner Infektion gewusst zu haben.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)
  • Ein ehemaliger Narkosearzt des Krankenhauses in Donauwörth soll seine Patienten bei Operationen mit Hepatitis C nfiziert haben.
  • 51 Patienten sind mittlerweile positiv auf das Virus getestet worden.
  • Der früher medikamentenabhängige Mediziner will nichts mit den Ansteckungen am Klinikum in Donauwörth zu tun haben.
Von Christian Rost, Donauwörth

Der unter Verdacht der Körperverletzung stehende ehemalige Anästhesist der Donau-Ries-Klinik bestreitet, Dutzende Patienten mit Hepatitis C angesteckt zu haben. Mittlerweile sind 51 Patienten, die von November 2016 bis April 2018 unter seiner Aufsicht in dem Krankenhaus operiert wurden, positiv auf das Virus getestet worden. Während das örtliche Gesundheitsamt und die Ermittler der Kriminalpolizei weiter dem Verdacht nachgehen, der damals medikamentenabhängige und mit Hepatitis C infizierte Narkosearzt könnte sich zunächst selbst Betäubungsmittel gespritzt und danach mit demselben Besteck Patienten betäubt und angesteckt haben, weisen seine Anwälte dies entschieden zurück. Ihr Mandant habe zwar Spritzen benutzt, diese seien aber bereits zuvor bei Operationen verwendet worden. Erst anschließend habe er mit den Resten in den Spritzen seine Sucht gestillt. "Er ist also nicht die Infektionsquelle", sagt einer der Anwälte, David Herrmann.

Der Arzt, dessen Alter mit "Mitte fünfzig" angegeben wird, arbeitete zehn Jahre als Anästhesist an der Klinik in Donauwörth. Bei einer routinemäßigen Untersuchung im Jahr 2016 konnte bei ihm noch keine Infektion mit dem Virus, das schwere Lebererkrankungen auslösen kann, festgestellt werden. Erst im Frühjahr dieses Jahres ergab sich die Diagnose.

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Der Mann war im April im OP-Bereich der Donau-Ries-Klinik von einer Pflegekraft mit einer Spritze im Arm ertappt worden. Noch am selben Tag wurde er entlassen und unterschrieb einen Aufhebungsvertrag. Trotz des schwerwiegenden Vorfalls erhielt er ein gutes Zeugnis. Ehe er sich damit um eine Stelle an der St.-Anna-Virgrund-Klinik im baden-württembergischen Ellwangen bewarb, ließ er sich therapieren - sowohl hinsichtlich seiner Hepatitis-C-Erkrankung wie auch seiner Abhängigkeit von Betäubungsmitteln. Die Virgrund-Klinik hat das Arbeitsverhältnis aber noch in der Probezeit beendet. Seither ist der Mediziner arbeitslos.

Anwalt Herrmann sagt, sein Mandant habe während seiner Tätigkeit in Donauwörth nichts von seiner Infektion gewusst. Diese sei erst zufällig bei einer Untersuchung bei einem Rheumatologen festgestellt worden. Der Arzt könne sich auch nicht erklären, wo er sich mit Hepatitis C angesteckt habe. "Er war nicht auf Weltreise" und habe sich auch sonst keinen Risiken ausgesetzt. "Allerdings war er selbst als Patient in Behandlung im Donauwörther Krankenhaus", betont Herrmann.

Nach einem Fahrradunfall und wegen Schnittverletzungen mit einem zerbrochenen Joghurtglas habe er sich in der Klinik behandeln lassen. Dass er mit einer Spritze im Arm gesehen wurde, hält der Anwalt für keinen Zufall. Es habe sich vielmehr um einen Hilferuf gehandelt. "Er brauchte Hilfe und wollte sich erwischen lassen", sagt der Anwalt. Sein Mandant habe sich auch nicht dagegen gewehrt, dass der Vorfall gemeldet wurde. Im Gegenteil habe er darum gebeten: "Ja, bitte, melden Sie es", habe er zu der Pflegekraft gesagt.

Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht oder eine Schutzbehauptung ist, versucht die Staatsanwaltschaft Augsburg herauszufinden. Ihr Sprecher, Matthias Nickolai, sagt, bisher sei nur klar, dass die Infektionen bei Operationen erfolgt seien. Wie die Ansteckungswege genau gewesen seien, werde weiter ermittelt - "und das kann noch Wochen und Monate dauern", sagt Nickolai weiter.

Betroffene könnten gut therapiert werden, sagt das Gesundheitsamt

Das Gesundheitsamt Donauwörth, dessen Aufgabe es ist, eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, hat 1286 Patienten angeschrieben, die während Operationen von dem Anästhesisten betreut wurden, und zu Tests bei ihren Hausärzten aufgefordert. 918 ehemalige Patienten haben sich bislang zurückgemeldet - bei 51 von ihnen wurde Hepatitis C nachgewiesen.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat zunächst zwölf Blutproben untersucht und dabei festgestellt, dass alle dem Genotyp 3 des Erregers zuzuordnen seien. Dieser Typ komme in Deutschland durchschnittlich bei etwa 30 Prozent der Hepatitis-C-Fälle vor und sei damit seltener als der Genotyp 1 mit 46 Prozent aller Fälle, so das Gesundheitsamt Donauwörth. Betroffene könnten gut therapiert werden. Die Kosten für die Medikamente mit 30 000 bis 40 000 Euro seien zwar hoch, würden aber von den Krankenkassen übernommen. Bei einem Drittel aller Fälle seien auch sogenannte Spontanheilungen möglich.

Wie groß die Sorge um ihre Gesundheit bei ehemaligen Patienten der Donau-Ries-Klinik ist, zeigte sich bei einer Veranstaltung der Hepatitishilfe Mittelfranken. Vorige Woche lud sie zu einem Informationsabend nach Donauwörth ein und klärte über Therapie und Nebenwirkungen der Medikamente auf. 50 Betroffene und Angehörige nahmen das Angebot an - wie die Ansteckungen in der Klinik konkret erfolgten, darüber konnten aber auch die Experten keine Auskunft geben. Im Donau-Ries-Klinikum selbst waren zuletzt bis zu 30 ehemalige Patienten pro Tag vorstellig geworden, um sich auf das Virus testen zu lassen. Ein positiv getesteter Familienvater sagte dem Bayerischen Rundfunk, seit der Diagnose werde er von Nachbarn und Bekannten geschnitten.