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Domspatzen:Die Hölle von Regensburg

Kein Ende abzusehen: Noch immer tauchen neue Berichte über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche auf.

(Foto: David Klammer/laif)

Jahrzehntelang überzogen Lehrer und Geistliche Kinder mit Angst und Gewalt. Viele wussten davon - und schwiegen.

Es ist Dienstagmorgen, ein großer Tag für Regensburg. So groß, dass Ulrich Weber die Journalisten in die Fußballarena der Stadt geladen hat. In der Sponsorenlounge schaut man durch riesige Fenster hinunter auf den Rasen, in ein Gebirge aus plastikroten Sitzschalen. Wenn man so will, ist dieser gläserne Raum das Versprechen, dass die Dinge nicht länger vertuscht werden, dass jetzt die Wahrheit auf den Tisch kommt. Zwei Jahre lang hat der Rechtsanwalt Akten gewälzt, in Archiven gestöbert, intime Gespräche geführt. Jetzt sitzt Weber hinter Mikrofonen und präsentiert seinen Abschlussbericht zur jahrzehntelangen Gewalt und zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen. Es sind Zahlen, die einen schlucken lassen.

Dem Bericht zufolge haben zwischen 1945 und den frühen Neunzigerjahren 500 Chorknaben körperliche Gewalt erlebt, 67 Jungen wurden von Lehrern und Priestern sexuell missbraucht. Insgesamt spricht der vom Bistum Regensburg beauftragte Aufklärer Weber von 547 Opfern, da manche Domspatzen sowohl Gewalt wie Missbrauch erfahren mussten. Auch diese Zahl ist erschreckend: 49 Tatverdächtige hat Weber ermittelt, neun von ihnen seien sexuell übergriffig geworden. Strafrechtlich ist das alles verjährt, doch jetzt steht fest: Dies ist der größte dokumentierte Misshandlungs- und Missbrauchsskandal, den es je in Deutschland gab.

Die Domspatzen haben eine eigene Grundschule und ein Gymnasium samt Internat, wo die Chorknaben neben dem Musikunterricht zur Schule gehen. Die früheren Vorschulen "beschrieben die Opfer als Gefängnis, Hölle oder Konzentrationslager", sagt Weber. Auch am Gymnasium sei es regelmäßig zu Übergriffen gekommen. Bis Mitte der Siebzigerjahre seien die Zustände besonders grausam gewesen, über die Zeit danach hätten frühere Schüler seltener, aber "durchgängig von Vorfällen körperlicher Gewaltanwendung" berichtet.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller redete die systematische Gewalt lange als "Einzelfälle" klein

Die Verantwortlichen hätten auf einen "Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit" gesetzt, um "den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen", sagt Weber. Erniedrigung, Prügel, Missbrauch - über Jahrzehnte hinweg war dies die brutale Erfolgsformel des weltberühmten Knabenchors. Nahezu alle Verantwortlichen bei den Domspatzen hätten zumindest ein "Halbwissen" über die Vorfälle gehabt, sagt Weber, der von einer "Kultur des Schweigens" spricht. In der Fußballarena hört es sich an diesem Morgen an, als habe jemand das Fenster zur Hölle aufgerissen.

Der Domspatzen-Skandal ist mit prominenten Vertretern der katholischen Kirche verbunden: Georg Ratzinger, der Bruder des früheren Papstes, zwischen 1964 und 1994 Chorleiter, und Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der von 2002 bis 2012 Bischof in Regensburg war. Ratzinger hatte die Aufarbeitung des Skandals noch vor zwei Jahren einen "Irrsinn" genannt. Allenfalls von Ohrfeigen habe er gewusst, alles "im Rahmen des Üblichen". Nun scheint klar zu sein: Ratzinger wusste sehr wohl Bescheid über die systematische Gewalt. Er hätte den Schülern vieles ersparen können. Doch er tat offenbar nichts. Ulrich Weber kritisiert "sein "Wegschauen und sein fehlendes Einschreiten".

Auch Kardinal Müller trage "klare Verantwortung" für die "Schwächen der Aufarbeitung" nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle im Jahr 2010. Wenn Müller über den Skandal sprach, dann sprach er stets von "Einzelfällen", verteidigte sein Bistum als Opfer einer Kampagne. Viele Betroffene werfen ihm vor, die Vorfälle bei den Domspatzen vertuscht zu haben, um die Täter zu schützen. Diesen Vorwurf wies Müller am Dienstag im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erneut zurück. Im Sommer 2012 verließ er die Oberpfalz in Richtung Rom, wo er kürzlich von Papst Franziskus als Präfekt der Glaubenskongregation entlassen wurde. Einen "Paradigmenwechsel" im Umgang mit dem Skandal habe es erst gegeben, als das Bistum ihn vor gut zwei Jahren als unabhängigen Aufklärer einsetzte, sagt Weber. Er beklagt auch das Versagen mancher Eltern, die von der Brutalität bei den Domspatzen wussten, aber nichts unternommen hätten.

Und was sagen die Opfer? "Endlich ist es schwarz auf weiß", sagt Udo Kaiser, 69. Ein runder Mann mit vollem grauem Haar. Nach der Pressekonferenz lehnt er an einem Bistrotisch in der Fußballarena, ihm stehen die Tränen in den Augen. Zwischen 1956 und 1961 war er Domspatz, er hat alles erlebt: Prügel, Psychoterror, Missbrauch. "Wenn ein Kardinal sagt, ich bin ein Lügner und Nestbeschmutzer, wenn Familie und Bekannte sagen, ich bin ein Lügner, wenn Sie jahrelange Depressionen hinter sich haben", sagt Kaiser, dann sei das jetzt natürlich eine Erleichterung.

Später am Vormittag sprechen dann auch die Vertreter des Bistums. "Wir haben alle Fehler gemacht, viel gelernt und sehen heute, dass wir früher manches hätten besser machen können", sagt Generalvikar Michael Fuchs. Inzwischen gibt es ein Anerkennungsgremium, das über die finanzielle Entschädigung der Opfer entscheidet. Bis zu 20 000 Euro soll jeder Betroffene erhalten, 450 000 Euro wurden bereits ausbezahlt. Bis Ende des Jahres soll ein Großteil der etwa 300 Anträge bearbeitet sein. Zudem wurde eine Anlaufstelle eingerichtet, in der die Opfer von damals Beratung und therapeutische Hilfe bekommen. Und eine sozialwissenschaftliche Studie soll helfen, Übergriffe künftig zu verhindern.

Auch Udo Kaiser will mithelfen, dass keinem Domspatz mehr widerfährt, was ihm geschehen ist. Kürzlich sprach er mit heutigen Schülern über seine Erlebnisse. "Da entsteht was", sagt Kaiser über den neuen, offenen Umgang der Chor-Verantwortlichen mit der Vergangenheit. Dann schaut Kaiser aus den riesigen Fenstern der Fußballarena, deutet hinaus: "Früher habe ich schon das Kotzen gekriegt, wenn ich die Domtürme nur gesehen habe. Heute denke ich mir: Ich bin immer noch ein Domspatz, ich gehöre dazu."