Interview mit Kabarettist Django Asül„Mir geht es um Gaudi mit Inhalt“

Lesezeit: 6 Min.

Ursprünglich arbeitete Ugur Bagislayici bei einer Bank. Doch dann kam alles anders.
Ursprünglich arbeitete Ugur Bagislayici bei einer Bank. Doch dann kam alles anders. (Foto: MediaPool / Manfred Huber)

Bei Django Asül kommt gerade einiges zusammen: das 30-jährige Bühnenjubiläum, die Premiere seines satirischen Jahresrückblicks und die Verleihung des Bayerischen Verfassungsordens. Ein Gespräch über die inspirierende bayerische Provinz und seine Freundschaften zu prominenten Politikern.

Interview von Oliver Hochkeppel

Der Legende nach mogelte sich vor knapp 30 Jahren der ausgebildete Sparkassenkaufmann und Tennislehrer Ugur Bagislayici, Sohn türkischer Einwanderer aus dem niederbayerischen Hengersberg, ins Büro von Herbert Becke, der eine stets mit 740 Plätzen ausverkaufte Kabarett-Reihe in Garching veranstaltete, und erklärte ihm: „Buch’ mich jetzt, später kannst du mich nicht mehr zahlen.“ Da hatte er noch nicht einmal ein fertiges Programm. Doch Becke war so verblüfft, dass er anbiss.

Wenig später hatte Django Asül, wie sich Bagislayici fortan nannte, dort seinen allerersten Auftritt. Acht Programme, viele Fernsehauftritte, einen Auftritt als Fastenprediger beim Nockherberg und viele Kabarettpreise später ist er eine bayerische Kabarett-Institution. Statt etwas Besonderes zum Bühnenjubiläum spielt er wie jedes Jahr seit 2009 als einer der ersten seinen satirischen Jahresrückblick. Am 3. Dezember ist im Lustspielhaus München-Premiere, einen Tag später bekommt er den Bayerischen Verfassungsorden verliehen.

SZ: Heute werden viele Comedians, weil sie es für lukrativ halten. Früher wurde man Kabarettist, weil man die Welt verbessern oder wenigstens die Gesellschaft verändern wollte. Sie arbeiteten bei einer Bank, war das Kabarett bei Ihnen auch schon ein Geschäftsmodell?

Django Asül: Als gelernter Sparkassler will man natürlich die Welt verbessern, das ist das Intrinsische der Sparkassenwelt. Sie ist ja im öffentlichen Sinne aktiv. Aber im Ernst: Ich hatte nie das Bedürfnis, dass die Leute mir zuhören sollen, um dann irgendwas anders zu machen oder zu denken. Mich hat die Idee fasziniert, mit intelligenten, amüsanten Geschichten Leute zu unterhalten.  Das wollte ich bewusst ausprobieren.

Gab es da Vorbilder?

Ausschlaggebend war damals Matthias Beltz. Der hat als klassischer Linker gerade die Linken unheimlich gerne auf die Schippe genommen, und allen voran sich selbst. Das fand ich gut, weil das nie von oben herab oder als Besserwisserei herüberkam. Und ich bin auch einer, der sich selber nie ernster genommen hat als nötig. Dann natürlich der Bruno Jonas, der hatte damals so eine unheimlich charmante Art, so eine Leichtigkeit auf der Bühne.

Sie haben dann in Rekordzeit die ersten Preise abgeräumt. Und wenn es nicht geklappt hätte? 

Ich hab mich auf mein Gespür verlassen. Ich merke eigentlich gut, wo ich was zusammenbringe oder auch nicht. Dadurch, dass ich mich nach der Sparkassenausbildung mit Tennisunterricht sehr gut über Wasser gehalten habe, bestand für mich nie ein Risiko. Es war für mich klar, wenn das jetzt mit der Bühne nichts geworden wäre, hätte es mit anderen Geschichten hingehauen. Wahrscheinlich wäre es auf ein Studium hinausgelaufen, sehr wahrscheinlich ganz was Exotisches wie BWL.

Viele haben damals gedacht, der Django macht jetzt ein, zwei Programme, und dann lässt er es gut sein ...

... ja, da war zum Teil die Befürchtung, zum Teil die Hoffnung da, dass ich nur ein One-Hit-Wonder bin.

Was ja bei vielen so ist, die ihr ganzes Leben in ein Debütprogramm packen und danach nicht mehr viel zu erzählen haben.

Das Spannende ist doch, wie man sich als Mensch automatisch entwickelt, ob man mag oder nicht. Wenn diese Entwicklung auf der Bühne nicht stattfindet, dann ist die Gefahr groß, dass es ein One-Hit-Wonder bleibt. Aber das ist nichts, was du daheim am Reißbrett planen kannst. Es funktioniert nicht mit „Im nächsten Programm entwickle ich mich weiter“, sondern es ist umgekehrt: Du machst was, schaust drauf, und dann hat sich hoffentlich was weiterentwickelt. Bei mir kommt etwas ganz Wichtiges dazu: Dass ich von Anfang an Sol de Sully als Manager hatte, der ja schon Günter Grünwald den Weg bereitet hat und Mittermeier und vielen anderen. Der Sol hatte ein untrügliches Gespür, was einer kann und was zu ihm passt. Und was nicht.

Sie waren der Erste einer heute fast unüberschaubaren Zahl von, nennen wir es einmal Ethno- oder Migranten-Kabarettisten. Mit der Mischung türkisch-niederbayerisch ohnehin. Glauben Sie, dass sie ein Wegbereiter und Vorbild waren?

Nein, das glaube ich nicht. Ich hatte auch nie diese Mission. Und es hat sich nie einer bei mir gemeldet, der das gesagt hätte. Mir hat damals freilich geholfen, dass ich in Bayern der Exot mit dem türkischen Background war und außerhalb Bayerns der doppelte Exot. Wichtiger für das Aufkommen weiterer Exoten war, dass es innerhalb der migrantischen Gesellschaft immer mehr Bildungsaufsteiger wie mich gab. Entscheidend aber war, dass genau zu der Zeit Mitte, Ende der Neunzigerjahre brutal viel Fernsehen zu dem Thema aufkam. Der „Schlachthof“ vom Ottfried Fischer – ein ganz großer Förderer, den kann man gar nicht oft genug erwähnen –, aber auch die Privaten. Da hatte ich das Glück, in all die Sendungen vom „Quatsch Comedy Club“ bis zu „7 Tage, 7 Köpfe“ zu kommen. Das war natürlich der Turbo damals. Das Fernsehen hatte die Multiplikator-Rolle, die jetzt die Social Media haben. Es hat bei mir also viel Glück reingespielt. Ich sage mal, hätte ich das zehn Jahre eher versucht und ohne den Sol de Sully, dann wäre womöglich kein Künstlerdasein daraus entstanden.

Der Schlüssel war, dass Sie Geschichten erzählt haben, die nur Sie erzählen konnten?

Genau. Und so ist es auch heute noch, weil ich die Sachen ja im speziellen persönlichen Umfeld mitbekomme. Ich gehöre in Hengersberg quasi seit der Geburt zum Inventar, der Ort war mein Laufstall und ist noch heute meine Spielwiese mit Familie, Stammtisch und allem anderen. Die bayerische Provinz ist eine natürliche Homezone, wo immer etwas passiert, was eine Geschichte anstößt.

Beim Starkbieranstich 2007 war Django Asül der Fastenprediger auf dem Nockherberg.
Beim Starkbieranstich 2007 war Django Asül der Fastenprediger auf dem Nockherberg. (Foto: dpa / Peter Kneffel)

Damit bewegten Sie sich lange Zeit fernab der Tagespolitik. Aber dann haben Sie auch die mit eingearbeitet. Wie kam das?

Weil in der Politik immer mehr Slapstick passierte. Für mich geht es um die meist unfreiwillige Komik und nicht darum, zu sagen: Hey, die Politik macht was falsch. Der Knackpunkt war natürlich der Nockherberg 2007. Auch das war wieder Dusel. Der Bruno Jonas hatte das Gefühl, er wiederholt sich nur noch. Der Stoiber schwebte über allem, Opposition gab es keine. Deshalb beschloss er aufzuhören. So kam ich zu dem Job. Nur drei Wochen nach dieser Entscheidung ging dann die Gaudi los, mit Stoiber und Frau Pauli, mit Seehofers unehelichem Kind. Ich stelle jetzt mal ganz mutig die These auf, wäre das ein paar Wochen vorher passiert, hätte der Bruno nicht aufgehört.

Sie durften den Fastenredner nur ein Jahr geben. War da politischer Einfluss im Spiel?

Überhaupt nicht. Die Leitung der Brauerei wechselte, und der Konzerneigentümer wollte eben was anderes als die damalige Brauereispitze. Das ist auch legitim. Aber lustigerweise waren scheinbar etliche CSU-Minister sauer über meine Abberufung. Erwin Huber als Finanzminister hat mir dann den Maibock-Anstich im Hofbräuhaus quasi aufgedrängt, aus dem dann ganz unerwartet auch eine große Sache geworden ist, bis heute. Das ist für mich die Definition bei einer Starkbierrede: Gaudi mit Inhalt.

Vom Nockherberg wechselte Django Asül zum Maibock-Anstich ins Hofbräuhaus – hier bei seiner Rede in diesem Jahr.
Vom Nockherberg wechselte Django Asül zum Maibock-Anstich ins Hofbräuhaus – hier bei seiner Rede in diesem Jahr. (Foto: Robert Haas)

Weiter in die Politik vertieft haben Sie sich dann ab 2009 mit ihrem Jahresrückblick. Sammeln Sie das ganze Jahr über Material für ihren „Rückspiegel“?

Konsequent vom 1. Januar an, mit meinem eigenen Filter. Ich gehe da vor wie bei der Produktionsplanung in einer Fabrik: Wir brauchen das und das. Das als größere Punkte, und das als Zutaten. Ich habe zum Beispiel dieses Jahr 101 Punkte auf meiner Liste. Die Gewichtung ist völlig unterschiedlich, zum Teil ist das nur ein Zweizeiler.

Am 3. Dezember haben Sie mit dem neuen Rückblick München-Premiere. Einen Tag später bekommen sie den selten verliehenen Bayerischen Verfassungsorden? Womit haben Sie sich um die Verfassung verdient gemacht?

Das hab ich auch erst der Begründung entnommen, die mir von unserer Landtagspräsidentin mitgeteilt wurde. Bei mir geht es einmal in die Richtung, dass ich das bayerische Kulturgut sehr positiv im In- und Ausland vertrete. Und dass ich mich bei mir in der Heimat regelmäßig karitativ um einige Dinge kümmere. Als Hauptsponsor des Fördervereins der Grund- und Mittelschule Hengersberg. Dann die Jugendarbeit in meinem Tennisclub. Das ist Sozialarbeit par excellence mit 25 Jugendmannschaften. Da geht es nicht darum, dass man in der Spitze mitspielt, sondern dass Kinder gut aufgehoben sind. Da werden die Werte der Verfassung gelebt.

Sie sind ja mit CSU-Politikern wie Erwin Huber befreundet, haben mit Markus Söder schon Tennis gespielt. Ist das nicht ein bisschen nah an der Macht?

Nein, meine Bekanntschaften gehen quer durch die Lager. Erwin Huber kenne ich seit 2004. Da greift der niederbayerische Tribalismus. Markus Söder hat sich mich 2015 ausgesucht als Doppelpartner, obwohl eine Profispielerin für ihn parat stand. Er hat es nicht bereut (lacht). Dass ich Bayern-Fan bin, liegt an der frühen Bewunderung für und der späteren Freundschaft mit Paul Breitner. Das hängt alles wieder mit meiner Sozialisation in Hengersberg zusammen. Es geht immer um gleiche Augenhöhe und ein gewisses Niveau. Egal bei wem. Die Katta Schulze von den Grünen umarmt mich nach dem Maibock genauso bis die Rippen knacken wie schwarze Minister.

Django Asül: „Rückspiegel“, 3. bis 6., 25., 26. und 31. Dezember, Lustspielhaus, Occamstraße 8; dazwischen und danach auch in ganz Bayern

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Stefan Wimmers Roman „Die weiße Hölle vom Fuxnhof“
:„In Sachen Erotik bin i a Fachmann“

Aus der Zeit gefallen und saukomisch: Der neue Roman des Krawall-Autors Stefan Wimmer bringt den Spirit eines Skilagers in den Achtzigern zurück. Aber Obacht: Die Anarcho-Komödie „Die weiße Hölle vom Fuxnhof“ trägt präpotente und machistische Züge.

Von Bernhard Blöchl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: