Discounter Ingolstädter demonstrieren gegen Primark

Noch in Berlin, bald auch in Ingolstadt. Der Billig-Klamottenladen Primark will jetzt auch in Bayern Kunden finden.

(Foto: REUTERS)
  • Der irische Textildiscounter Primark plant eine Filiale in Ingolstadt.
  • Damit würde das Unternehmen eine erste Filiale in Bayern eröffnen.
  • Vor dem geplanten Laden haben Ingolstädter gegen Primark demonstriert.
Von Johann Osel, Ingolstadt

Klamotten kommen als Thema immer gut an bei Jugendlichen, doch bei den Zehntklässlern am Ingolstädter Apian-Gymnasium ist an diesem Tag die Stimmung ein wenig getrübt. Er komme schon ins Nachdenken, sagt da ein junger Mann; er lege in der Regel Wert auf hochwertige Kleidung, "auch wenn ich mir das Geld zusammensparen muss. Aber teuer ist nicht gleich fair". Oder? Andere Schüler scheinen das sehr wohl zu glauben, sie haben sich vorgenommen nicht dort einzukaufen, "weil die Klamotten billig sind und schnell kaputt gehen".

Dort - das ist die geplante Ingolstädter Filiale des irischen Textildiscounters Primark, der bekannt ist für Drei-Euro-Shirts und Sieben-Euro-Jeans und oft in der Kritik steht: als Billigheimer, zu Lasten der Arbeiter in Textilfabriken im Ausland. Im Herbst soll der Laden öffnen. Die Schüler äußerten sich bei einem Vortrag an der Schule, der Gründer einer Frauenrechtsorganisation aus Bangladesch referierte, der Donaukurier hielt danach die kleine Umfrage ab.

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Primark hat seit Jahren deutsche Läden, das Unternehmen hat Bayern aber bislang ausgespart. Nun die erste Filiale im Freistaat, eben in Ingolstadts Fußgängerzone, auf vier Etagen. Manche Bürger fragen: Wieso gerade bei uns? Liegt doch Ingolstadt unter allen Kommunen bundesweit beim mittleren Einkommen der Beschäftigten fast ganz vorn: 4545 Euro brutto im Monat. Die Eröffnung ist gleichwohl Teil einer Strategie: Der Discounter will in vielen neuen Städten aktiv werden, 2018 auch in München. Ingolstadt solle auch für Einzug aus angrenzenden Städten und Gemeinden sorgen, hört man, womöglich gar aus Augsburg und Nürnberg.

"Verstecktes Leid im Billigkleid", war neulich Slogan einer Kundgebung. Ein paar Dutzend Demonstranten hatten sich vor dem geplanten Primark in der Fußgängerzone versammelt. Dies sei keine Aktion gegen Kunden oder Mitarbeiter, hieß es. Um Grundsätzliches gehe es. Auch auf Facebook, werben die Aktivisten: "Gegen Primark & Co., für fairen Handel in Ingolstadt", inklusive Blanko-Vordrucke für Unterschriftenlisten gegen die Ansiedlung.

Die Nachfrage ist noch überschaubar. Wolfgang Krogmann, Primark-Chef Deutschland, betonte jüngst in der Süddeutschen Zeitung das Bemühen um faire Produktion. "Ethik hat nichts mit dem Preis zu tun. Wir teilen 98 Prozent unserer Zulieferer mit anderen Marken, auch Luxusherstellern." Aufträge an Fabriken ergingen mit genauer Prüfung der Arbeitsbedingungen. Grund für den billigen Preis an der Kasse: kaum Werbung, keine Zwischenhändler, straffe Abläufe.

Auch gibt es Ingolstädter, die Primark freudig erwarten. Das Altstadtgebiet hat Probleme mit Laufkundschaft und Leerstand; oft geht es um begrenzten Platz in den Immobilien, der nicht zu den Ideen von Investoren passt. In jüngster Zeit, so hat es der Gewerbeverein gezählt, haben sich die Leerstände aber halbiert. "Talsohle durchschritten", meldet die Stadtverwaltung.

Schon bei den Planungen für Primark hatten viele in der Stadtpolitik gehofft: Mit dem Discounter werde die Frequenz in der Altstadt erhöht, junges Publikum kommen. Das hat sich in Ingolstadt auch schon zu einer Art Witz entwickelt: Wie man nur umgehen werde mit den Massen, die im Zuge von Primark über die Stadt hereinbrächen?

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