Das unwahrscheinliche Happy End: Für eine aus Kasachstan nach Dinkelsbühl in Bayern geflüchtete Familie könnte es tatsächlich gelingen. Mitte August ist die Ärztin Nazgul Z., die mit ihren drei Kindern erfolglos in Deutschland um Asyl gebeten hatte, in ihre Heimat ausgereist. Dort hat sie bei der deutschen Botschaft ein Ausbildungsvisum für Deutschland beantragt.
Wenn alles klappt, wird sie damit legal nach Bayern zurückkommen dürfen. Der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags hatte der Familie im Juli diesen Weg vorgeschlagen. Zuvor hatten sich zahlreiche Bürger dafür eingesetzt, dass die Familie bleiben dürfe, da beide Eltern gesuchte Fachkräfte sind. Die SZ hatte über den Fall berichtet.
Der Weg, den die Familie nun gehen muss, wird von der bayerischen Politik gerne als einfache Lösung propagiert: Wer von seiner Ausbildung her eine gesuchte Fachkraft ist, solle doch bitte ausreisen und auf dem Weg der Arbeitsmigration nach Deutschland kommen. Der Fall der Ärztin Nazgul Z., die nur mit abgekürztem Namen genannt werden möchte, zeigt aber auch: Der Weg existiert eigentlich nur in der Theorie. Monika Hoenen vom Helferkreis in Dinkelsbühl ist genau darüber verärgert: „Der Petitionsausschuss suggeriert, der Familie stünde hier ein Weg offen, den es aber de facto gar nicht gab.“
Zwar schaffen es immer wieder einzelne Geflüchtete über eine Aus- und Wiedereinreise mit Ausbildungsvisum ihren Status zu legalisieren. In Schwaben etwa hat die ehemalige IHK-Mitarbeiterin Josefine Steiger auf diese Weise schon 150 Geflüchtete vor Abschiebung bewahrt. Sie hilft dabei aber jeweils nur einzelnen Migranten. Für eine alleinstehende Mutter mit drei Kindern ist dieser Weg nicht gangbar. Für ein Visum muss sie nämlich nachweisen, dass sie sich und die Kinder ernähren kann. Das Ausbildungsgehalt ist dafür zu gering. Um als Ärztin arbeiten zu dürfen, reichen ihre Deutschkenntnisse noch nicht.
Dass die kleine Familie nun dennoch zurück nach Dinkelsbühl kommen könnte, verdankt sie den zahlreichen Unterstützern der Familie. Infolge der SZ-Berichterstattung ist ein fünfstelliger Spendenbetrag für die Familie zusammengekommen. Der Helferkreis konnte so ein Sperrkonto mit etwa 20 000 Euro für die Familie einrichten, das zusammen mit Kindergeld und dem Ausbildungsgehalt der Mutter den Unterhalt für das erste Jahr sichert. Sie sei sehr dankbar für diese Unterstützung, sagt Hoenen, die dem Vorstand der christlichen Flüchtlingsorganisation Mateoo angehört. Sie frage sich aber, was mit anderen qualifizierten Geflüchteten sei, die keine solche Hilfe erhielten. „Mich frustriert, dass man keine bessere Lösung findet.“
Die Aus- und Wiedereinreise sei jedenfalls kein einleuchtendes Verfahren um Menschen, die man hier als Fachkräfte halten will, eine Perspektive zu eröffnen, sagt Hoenen. Dazu sei der Weg viel zu kompliziert: Tag und Nacht sei sie mit diesem Verfahren beschäftigt gewesen, und trotzdem nie sicher, dass es am Ende klappt. Im Fall der Familie etwa wäre alles beinahe an Fristen für den Ausbildungsbeginn gescheitert. Die neu geschaffene Fast Lane für die Einwanderung von Gesundheitsfachkräften war im Juni schon so heillos überlastet, dass ein Ausbildungsbeginn in diesem Jahr aussichtslos erschien. Nur die unbürokratische Hilfe des Leiters der lokalen Ausländerbehörde, der den Fall persönlich bearbeitete, half schließlich – eine Hürde unter vielen, denen der Helferkreis begegnete.
Hoenen kritisiert aber nicht nur die „Schlacht durch die Formalitäten“ und die finanziellen Belastungen, sondern auch den Umgang mit den Menschen, die man doch eigentlich als Fachkräfte für Deutschland gewinnen will. Bei ihrer freiwilligen Ausreise wurde die Familie von zwei Beamten begleitet wie Verbrecher. Einer ging vor ihnen, einer dahinter. Die eine Beamtin sei schwer bewaffnet gewesen. „Das macht was mit einem“, glaubt Hoenen, vor allem mit den Kindern. „Wie sollen daraus motiviert Bürger werden?“, fragt sie. All die Angst und Unsicherheit sei für die Integration eine große Hypothek, auch wenn sie beim Helferkreis sehr bemüht seien, die Familie aufzufangen.
Für den Helferkreis bleibt auch sonst noch viel Arbeit. Sie wollen als Nächstes den Vater über ein Visum zur Familienzusammenführung zurückholen. Er könnte dann zum Unterhalt der Familie beitragen, was dringend nötig ist. Denn die Spenden reichen nur für das erste Jahr.
Der Vater, ein gelernter IT-Techniker, war 2021 über Polen nach Deutschland geflohen, dorthin wurde er dann auch wieder abgeschoben. Den Rest der Familie wollten die Behörden nach Kasachstan zurückschicken. Eine unverhältnismäßige Härte, fand man in Dinkelsbühl. Die Mutter könne doch als Ärztin in Kürze gut auf eigenen Beinen stehen. Dank der Unterstützer könnte es am Ende nun so kommen.


