Schule in Bayern Wie Lehrer die Digital-Fortbildung selbst in die Hand nehmen

Mit einem Tablet lernen Schüler nicht automatisch mehr.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)
  • Bayern hat sich viel vorgenommen, um alle 6000 Schulen fit fürs digitale Zeitalter zu machen - doch die Umsetzung läuft zäh.
  • Die Staatsregierung investiert 212,5 Millionen Euro in die technische Ausstattung der Schulen.
  • Einige Lehrer wollen indes nicht mehr abwarten: Sie programmieren selbst, stellen ihre Ideen auf Kongressen in ganz Deutschland vor und übernehmen die Fortbildung der Kollegen.
Von Anna Günther und Matthias Kohlmaier

Bayerns Haltung beim Streit um den Digitalpakt ist klar: keine Einmischung aus Berlin. Am kommenden Mittwoch tagt der Vermittlungsausschuss in Berlin, ein erster Kompromiss zwischen Bund und Ländern zeichnet sich ab. Auf eine Einigung hofft man auch im Kultusministerium. Das Geld aus dem Fünf-Milliarden-Euro-Budget wäre willkommen. Denn obwohl Bayern sich in Bildungsdingen als Vorreiter sieht und die Staatsregierung 212,5 Millionen Euro in die technische Ausstattung der Schulen investiert - mit dem Geld aus Berlin würde es schneller gehen.

Bayern hat sich viel vorgenommen, um alle 6000 Schulen fit fürs digitale Zeitalter zu machen. Die Umsetzung läuft zäh. Die Kommunen haben Zuschüsse für digitale Klassenzimmer sowie Fachräume beantragt und planen, was angeschafft wird, heißt es aus dem Ministerium. Die Fortbildungsoffensive für Lehrer verzögert sich noch wegen Rechtsfragen. Bei der jüngsten Umfrage im Sommer 2018 hatte erst ein Drittel der Schulen ein Medienkonzept.

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Bis digitale Medien an allen Schulen souverän im Unterricht eingesetzt werden, wird noch einige Zeit vergehen. Dabei gibt es längst Lehrer in Bayern, die nicht gewartet haben, die seit Jahren handeln - und den Streit zwischen Digital-Euphorikern und Gegnern nicht mehr hören können. Sie programmieren selbst, stellen ihre Ideen auf Kongressen in ganz Deutschland vor und übernehmen die Fortbildung der Kollegen. Vernetzt sind einige über Twitter und diskutieren unter dem Hashtag #bayernedu mit Gleichgesinnten. Eine Auswahl.

Curriculum für Referendare

Weil ihm die Digitalisierung in der Lehrerausbildung zu kurz kommt, erstellt der Erlanger Geschichtslehrer Kai Wörner mit seinen Referendaren eigene Unterrichtskonzepte. Das Pilotprojekt Dibis, Digitale Bildung in der Seminarausbildung, läuft seit zwei Jahren und soll den pädagogischen Nachwuchs an der Realschule am Europakanal fit machen für Unterricht mit digitalen Medien. Jede Woche entwickelt Wörner mit den Referendaren Handouts und Curricula, die sie dann in den Tablet-Klassen der Erlanger Realschule anwenden.

Zwei der fünf Klassen jedes Jahrgangs arbeiten verstärkt digital und lernen etwa mit Lernspielen oder Podcastst und interaktiven Videos, die ihre Lehrer eigens für diese Stunden erstellen. Wie die Pädagogen diese Videos samt Testaufgaben mit der Software "H5P" selbst programmieren und sinnvoll einsetzen, lernen die Referendare an der Schule - und coachen später Kollegen ihrer nächsten Ausbildungsstationen. Alle anderen können im Internet nachlesen, wie es geht. Die Konzepte stellt Wörner auf die Bayernedu-Homepage. Abgerufen werden sie mittlerweile von Schulen in 13 Bundesländern, selbst auf der Nordseeinsel Spiekeroog. "Sharing ist Caring, das ist wichtig", sagt Wörner. Noch wichtiger ist ihm Vernetzung der Lehrer, damit alle gegenseitig von den Ideen profitieren. Wörner hofft, dass die Dämonisierung des Digitalen aufhört. Der Gestaltungsspielraum für Lehrer sei sogar größer. Lernen Schüler denn auch dabei oder daddeln sie nur? Wörner seufzt, noch so ein Vorurteil: "Das ist der ehrlichste Sechser, den ich geben kann. Ein digitales Produkt kann ich nicht fälschen. Wenn nichts da ist, ist nichts da."

Greenscreen an der Grundschule

Verena Knoblauch hat sich selbst angelesen und ausprobiert, wie sie ihre Grundschüler mit Tablet-PC unterrichten kann. Eine Firma hatte Geräte angeboten, die Nürnberger Friedrich-Staedtler-Schule nahm die Spende an. Knoblauch überlegte sich Unterrichtskonzepte, studierte Medienpädagogik für den "theoretischen Unterbau". So solle es eigentlich nicht laufen, sagt sie heute. Erst sollte das Konzept stehen. Seit vier Jahren setzt sie in ihren dritten und vierten Klassen Tablet-Computer ein, aber schon die Erstklässler lernen damit. Zu früh gibt es nicht, findet Knoblauch. "Kinder wachsen ohnehin mit diesem Ding auf, also sollen sie auch lernen, wie sie richtig damit umgehen."

Lern-Apps sind für die Medienpädagogin nur "digitale Arbeitsblätter". Ihre Drittklässler verfilmen Gedichte, gestalten Zeichentrick-Sequenzen oder fotografieren sich vor dem Greenscreen und bauen diese Fotos in andere Bilder ein. "So lernen die Kinder, dass sie auch Fotos nicht automatisch glauben können", sagt Knoblauch. Beim Recherchieren erfahren ihre Schüler, wie sie Kindersuchmaschinen richtig bedienen und mit welchen Suchbegriffen sie ans Ziel kommen. Die Ergebnisse müssen die Buben und Mädchen dann der Klasse präsentieren. Digitale Medien verändern den Unterricht, Knoblauch findet, auf gute Weise. Es gehe weg vom "allwissenden Lehrer, hin zu Kindern, die sich selbst die Welt aneignen". Kritik, Schüler lernten wegen des digitalen Gedaddels nicht mehr richtig Lesen und Schreiben, kann Knoblauch nicht mehr hören. "Wer nicht denken kann, kann auch nicht mit Tablets umgehen", sagt sie. Ihre Schüler schreiben auch in Hefte und lernen Lesen. Passen die Tablets nicht zur Stunde, bleiben sie im Schrank.