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Digitale Abstinenz:Es geht auch analog

Achtklässler eines Viechtacher Gymnasiums verzichten freiwillig vier Wochen lang auf Smartphone, Computer und Co.

Die Klasse 8b ist offline. Nicht erreichbar. Seit mehr als einer Woche schon kommen keine Whatsapp-Nachrichten bei den 29 Schülern an, der Fernseher steht unbenutzt herum und der Computer hat Pause. Stromausfall in Viechtach? Nein, tatsächlich lassen die Schüler die Geräte freiwillig aus. Die 8b des Dominicus-von-Linprun-Gymnasiums in Viechtach und die Mathelehrerin Hannelore Goertzen machen ein Experiment: Vier Wochen lang wollen sie auf Handy, Computer und Fernseher verzichten.

Versinken die Schüler jetzt in Apathie? Finden sie sich in der Welt ohne Smartphone und Facebook nicht mehr zurecht? Ganz im Gegenteil. Melanie Böhm aus der 8b gefällt es sogar. "Ich hab's echt nicht geglaubt, aber mir fällt's überhaupt nicht schwer", erzählt die 14-Jährige. Klar, Videochatten am Computer vermisse sie schon manchmal. Aber dafür bleibt jetzt viel Zeit für andere Dinge. "Ich lese jetzt viel und lerne auch wieder mehr", gibt Melanie zu. Sogar im Haushalt helfe sie öfter mit. Zum ersten mal fällt ihr auf, wie viel Raum das Handy in ihrem sozial Leben eingenommen hat. Letztens war sie in der Eisdiele mit Freundinnen aus einer anderen Klasse. "Die haben gleich ihr Handy rausgeholt und als ich was gesagt habe, sind sie auf Konfrontation gegangen", erzählt Melanie.

Das eigene Verhalten hinterfragen, darum ging es Lehrerin Hannelore Goertzen bei dem Versuch. Sie hatte schon länger vermutet, dass sich die dauernde Handynutzung auf die Konzentration der Schüler auswirkt. Aber die Idee zu dem Experiment hatten die Schüler selbst, nachdem sie gemeinsam eine Suchtklinik besucht hatten und sich die Frage stellten: Sind wir schon computersüchtig? Goertzen bereitete daraufhin zusammen mit der Schulpsychologin Katharina Kaczmarek das Projekt vor, erstellte einen Fragebogen für die Schüler und führte Gespräche in der Klasse. Da zeigte sich, dass viele sich nicht mehr bewusst waren, wie viel Zeit sie vor den Bildschirmen verbringen. Also entschied sich die 8b für das Experiment.

Die ersten Auswirkungen hat Goertzen schon bemerkt. Zwar nicht bei der Konzentration der Schüler, dafür sei der Zeitraum bisher zu kurz. Dafür in einem anderen Bereich: "Mich erinnert das momentan ein bisschen an den Film 'Die Welle'. Im positiven Sinne allerdings." In dem Film nimmt eine Schulklasse an einem soziologischen Experiment teil. Schnell bildet sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl, dann läuft es allerdings aus dem Ruder, weil einige Schüler das Projekt zu ernst nehmen. So krass sei es in der 8b nicht, sagt Goertzen. Aber man merke schon, wie sich das Gemeinschaftsgefühl durch das Projekt verbessert habe. Man lasse die anderen eher ausreden und lache nicht mehr über sie, erzählt Goertzen. Da die Klasse zurzeit viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommt, gibt es zudem eine Art Konkurrenzkampf zwischen den Klassen. Da kommen schon immer mal wieder "neidische Blicke" von den anderen Schülern, sagt die Schulpsychologin Kaczmarek. Manchmal kämen sogar Schüler anderer Klassen zu ihr, um die 8b zu verpetzen. Zum Beispiel wenn jemand mal auf ein Smartphone geschaut hat.

"Die Schüler stehen schon ein Stück weit unter Druck", gibt Goertzen zu. Ungewollt natürlich, so viel Aufmerksamkeit hatte sie nicht erwartet. Aber nicht nur von außen erhöht sich der Druck. Auch die Motivation in der Klasse selbst ist riesig, die Schüler nehmen das Projekt ernst. "Wenn da einer aufhören will, dann muss er sich ja erst mal vor 30 Leute hinstellen und sagen: Ich will mein Smartphone wieder", sagt Goertzen. Deshalb begleite Kaczmarek das Experiment psychologisch. In wöchentlichen Gesprächsrunden sollen sich die Schüler außerdem austauschen.

Der kritischste Moment kommt wohl sowieso erst nach den vier Wochen, wenn die 8b ihre Handys, Computer und Fernseher wieder einschaltet. Dann stehen Internet und Fernsehprogramm wieder unbeschränkt zur Verfügung, unzählige Whatsapp-Nachrichten aus vier Wochen werden auf den Displays der Smartphones aufleuchten. "Wir werden nach der Aktion weiter wöchentlich Gespräche führen und die Erfahrungen aufarbeiten", sagt Goertzen. Dann soll auch stärker der Umgang mit den Medien geschult werden, sagt Kaczmarek. Denn in der heutigen Zeit ganz ohne Handy und Computer zu leben, das ist natürlich unrealistisch. "Aus der Perspektive ist das Projekt natürlich nicht sinnvoll. Aber darum geht es auch nicht, sondern die Schüler sollen erst mal neue Erfahrungen sammeln, ohne die Medien", sagt Kaczmarek. Wie man damit vernünftig umgeht, sollen die Schüler nach den vier Wochen in Gruppengesprächen lernen.

Melanie hat sich für diese Zeit schon Strategien zurechtgelegt, um nicht "rückfällig" zu werden: "Ich schalte dann das Handy immer um 7 Uhr ab und den Computer nur noch einmal am Tag an." Und die Whatsapp-Nachrichten der letzten vier Wochen werden von allen Schülern der 8b gelöscht, das ist schon abgemacht. Dann sind alle wieder auf null.