Dialektforscher Reif für die Sprachinsel

Eine Tagung von Dialektologen beweist: Das Bairische ist überall, sogar in Tschechien und Neuseeland. Die Forscher untersuchen auch den Dialekt in den Medien: Viele Fernsehhelden sprechen einen Schrotschuss-Dialekt - und Monaco Franze Hochdeutsch.

Von Hans Kratzer

In Passau ist gerade die 11. Bayerisch-Österreichische Dialektologentagung zu Ende gegangen. Lästermäuler stellten diese Veranstaltung zwar vorab auf eine Stufe mit dem Jahreskränzchen der Lebertranforschungsstelle auf der Halbinsel Kamtschatka, aber die Sprachwissenschaftler bewiesen auf dem Symposium recht eindrucksvoll, dass die Dialektologie ein ernst zu nehmendes und mit Überraschungen reich gesegnetes Fach ist.

Der Inbegriff des Münchner Stenz - aber überraschenderweise praktisch dialektfrei: Helmut Fischer als "Monaco Franze".

(Foto: dpa)

Leider scheinen die Wissenschaftler der Ernsthaftigkeit ihres altehrwürdigen Fachgebiets selber nicht zu trauen, denn auf der Tagung wurde kolportiert, dass das germanistische Spezialgebiet umbenannt wird: Künftig soll das Fach nicht mehr Dialektologie heißen, sondern "Varietätenlinguistik des Deutschen", was den wissenschaftlichen Anspruch fast schon wieder konterkariert.

Dabei wäre dieses verbale Auftrumpfen gar nicht nötig. Die Dialektologie ruht gerade in den Alpenländern auf einer beeindruckenden Tradition, nicht zuletzt haben sich geniale Sprachforscher wie Johann Andreas Schmeller schon im 19.Jahrhundert ewigen Ruhm erworben. Zum anderen muss man wissen, dass Bayern und Österreich sprachlich betrachtet aus einem Ei stammen. In beiden Ländern werden überwiegend mittelbairische und südbairische Dialekte gesprochen - sehr alte Sprachen, die noch genährt sind vom Lateinischen und vom Gotischen. In Umfragen gilt das Bairische durchaus als beliebt, aber dennoch ist es immer noch mit dem Makel des Lächerlichen und des Minderwertigen behaftet.

20.000 bayerische Tschechen

Gleichwohl zeigte die Passauer Tagung, dass sich um die in Bayern und Österreich gebräuchlichen Mundarten fast unglaubliche Geschichten ranken. Allein das mit einem sogenannten Sekundärumlaut gesegnete Wort Gemse (bairisch: "Gams") wirft etymologische Fragen auf, deren Beantwortung ganze Bücher füllt. Noch mehr staunen ließen aber Forschungsberichte wie jener von Armin Bachmann (Uni Regensburg), der herausfand, dass in Tschechien 20.000 Menschen einen bairischen Dialekt sprechen.

Sie leben oft auf alten Sprachinseln, auf denen sich die Sprache der vor Jahrhunderten ausgewanderten Bayern erhalten hat. Allein die Kuh, so sagte Bachmann, werde im tschechischen Bairisch in 13 verschiedenen Lautungen benannt. Selbst uralte Kennwörter wie das gotische "enk", das in Bayern vom standardnahen "eich" (euch) verdrängt wurde, seien in Tschechien noch lebendig.

Überhaupt sind Sprachinseln ein weltweites Phänomen. Nicole Eller (Uni Passau) berichtete von einem Dorf aus Neuseeland, in dem immer noch der Bayerwald-Dialekt der Vorfahren gesprochen wird. Wenn die Begriffe fehlen, weil es sie im 19. Jahrhundert noch nicht gegeben hat, dann wechselt einer wie der 97-jährige Tony Bayer einfach ins Englische hinüber. Der Pfirsichbaum wird so zum "Pietschnbaam", zum Duschen sagt er: "I dou mi showern".