Süddeutsche Zeitung

Bayerische Dialekte:Was die Bore schuckt

Lesezeit: 3 min

Bayern kurios: In den mittelfränkischen Orten Schopfloch und Schillingsfürst unterhalten sich die Menschen bisweilen in seltsam klingenden Worten. Es handelt sich um Reste alter Geheimsprachen von Schaustellern, Bettlern und Prostituierten.

Hans Kratzer

Für Männer, die weder der Askese noch der Athletik zuneigen, hält unsere Sprache bekanntlich die Attribute dick, dumm und gefräßig bereit. In manchen Orten Mittelfrankens beschreibt man diesen Makel jedoch in einer Sprache, die ziemlich geheimnisvoll klingt: "Bekaan will immer achle dijejne und schuure laaf!" Das heißt: Dieser Mensch will viel essen, aber nur wenig arbeiten.

Schon dieser Satz lässt erahnen, dass die Sprachlandschaft in Bayern viel reicher ist, als es die ohnehin sehr zahlreichen Dialekte erahnen lassen. Dass auf fast allen Kontinenten der Erde bairische und andere bayerische Klänge zu hören sind, sei es in Auckland in Neuseeland, in Texas, in Brasilien, in Italien oder in der Ukraine, ist allgemein bekannt. In den meisten Fällen hatten Auswanderer ihren Dialekt vor Jahrhunderten dorthin verpflanzt, wo er sich dann wie in einem Biotop erhalten hat.

Das Phänomen Sprachinsel tritt aber auch umgekehrt auf. Mitten in Bayern gibt es Orte, in denen manche Menschen noch so reden, wie es oben angeklungen ist. Ein weiteres Beispiel: "Ich hob an Dannegoul, a Dannegoules und gimmel Häniefes verkannicht!" Übersetzt heißt das: Ich habe einen Hahn, eine Henne und drei Hasen verkauft.

Zu hören sind solche Sätze zum Beispiel in den mittelfränkischen Orten Schopfloch und Schillingsfürst, den Oberzentren alter Geheimsprachen. Jene von Schopfloch wird Lachoudisch genannt, jene von Schillingsfürst heißt Jenisch.

Der Sprachwissenschaftler Alfred Klepsch von der Universität Erlangen, der dieses Phänomen erforscht und seine Ergebnisse am Montag in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt hat, nennt das Jenische, das in Schillingsfürst gebräuchlich ist, eine Variante des Rotwelschen.

So lautet der Oberbegriff für eine Gruppe von Geheimsprachen, die einst im ganzen deutschen Sprachraum verbreitet waren. Aussprache und Grammatik entsprachen dabei dem in der jeweiligen Gegend gesprochenen Dialekt, waren aber für Außenstehende völlig unverständlich, weil der Wortschatz angereichert war mit Wörtern aus verschiedenen Fremdsprachen.

Rotwelsch war im Mittelalter die Sprache des fahrenden Volks, also der Bettler, der Schausteller, der Prostituierten, die sich im Dunstkreis der Illegalität am liebsten geheim verständigten.

Schon früh hatten die Behörden das Rotwelsche schriftlich festgehalten, weshalb wir gut darüber Bescheid wissen. Es war hauptsächlich geprägt vom Deutschen, Jiddischen, Lateinischen und Französischen. Das Schillingsfürster Jenisch sei eine sehr altertümliche Variante des Rotwelschen, sagt Klepsch.

"Dem sei Goje war a ganz a Letzi!"

Die Jenischen, die hier lebten, behielten ihre traditionelle Lebensweise als wandernde Bauarbeiter und Hausierer bis in die 1930er Jahre bei. Unter der NS-Diktatur wurden sie gezwungen, ortsfeste Arbeit anzunehmen, danach wurde das Rotwelsche kaum noch gesprochen.

Und doch ist die Sprache nicht ausgestorben. Klepsch lernte bei seinen Forschungen eine Anzahl älterer Bürger kennen, die über einen stattlichen jenischen Wortschatz verfügen. Der Bauarbeiter heißt bei ihnen Hirtlingsbuckler, abgeleitet vom Wort Hirtling (Stein) und buckeln (hart arbeiten). Die Milch nennen sie Gleisi, hier scheint das Verb gleißen durch, und die Kuh, die Gleisi gibt, ist entsprechend das Gleisidrampel.

Einen andere Ursprung fand Klepsch für das Lachoudische in Schopfloch, das zum Teil in der jüdischen Bevölkerung wurzelt, die im 19. Jahrhundert dort lebte und das in Süddeutschland gängige Südwestjiddische sprach. Viele Juden waren damals Viehhändler, die aus ihrem Jiddisch und aus dem Hebräischen eine eigene Geschäftssprache entwickelten, die für Außenstehende völlig unverständlich war.

Die Juden nannten sie Leschón hakkódesch (Heilige Sprache), wobei der Name zu Lachoudisch und damit bis zur Unkenntlichkeit verballhornt wurde, wie Klepsch festgestellt hat.

Das heutige Lachoudisch in Schopfloch ist weder eine Variante des Rotwelschen noch geht es auf das alltägliche Jiddisch zurück, sondern ist nichts anderes als die Viehhändlersprache, die teilweise von der ganzen Dorfbevölkerung als Geheimsprache verwendet wurde. "Bekaan Suss is a Massik!" - Dieses Pferd ist ein Quälgeist. "Was schuckt die Bore?" Was kostet die Kuh? Schuck heißt hier: die Mark.

Wie eng christliches und jüdisches Leben in Schopfloch verzahnt waren, zeigt das Brauchtum. So schaute im Spätherbst statt des Nikolaus der jüdische Balmerouche bei den Kindern vorbei. Schließlich sprachen auch die christlichen Viehhändler Lachoudisch, wenn sie vor fremden Zuhörern sicher sein wollten. "Dem sei Goje war a ganz a Letzi!" - Dem seine Ehefrau war eine Freche.

Mit der Zeit, so sagt Klepsch, sei das Lachoudische zur Alltagssprache geworden. Bis die Nazis die Juden aus Schopfloch vertrieben, in den Vernichtungslagern ermordeten und das Lachoudische verboten. "Die Sprache auszurotten, gelang ihnen aber nicht", sagt Klepsch. Nur, dass man nun statt Lachoudisch "laaf schmuesn" (schlecht sprechen) sagte, denn man tat ja etwas Verbotenes.

Die Schopflocher, die Klepsch kennengelernt hat, sprechen Lachoudisch in unterschiedlichem Maß. Manche kennen noch Hunderte Wörter. Lachoudisch hat sich heute zur familiären Geheimsprache gewandelt. Während der Untersuchungen von Klepsch verwendeten Schopflocher Kinder, die in Dinkelsbühl aufs Gymnasium gingen, auf dem Pausenhof Lachoudisch, um Neuigkeiten auszutauschen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1497826
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 17.10.2012/tob
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.