Bayerische Dialekte Was die Bore schuckt

Bayern kurios: In den mittelfränkischen Orten Schopfloch und Schillingsfürst unterhalten sich die Menschen bisweilen in seltsam klingenden Worten. Es handelt sich um Reste alter Geheimsprachen von Schaustellern, Bettlern und Prostituierten.

Von Hans Kratzer

Ein Ort, ein kurioser Dialekt: Ein Schäfer aus dem mittelfränkischen Schillingsfürst.

(Foto: DPA)

Für Männer, die weder der Askese noch der Athletik zuneigen, hält unsere Sprache bekanntlich die Attribute dick, dumm und gefräßig bereit. In manchen Orten Mittelfrankens beschreibt man diesen Makel jedoch in einer Sprache, die ziemlich geheimnisvoll klingt: "Bekaan will immer achle dijejne und schuure laaf!" Das heißt: Dieser Mensch will viel essen, aber nur wenig arbeiten.

Schon dieser Satz lässt erahnen, dass die Sprachlandschaft in Bayern viel reicher ist, als es die ohnehin sehr zahlreichen Dialekte erahnen lassen. Dass auf fast allen Kontinenten der Erde bairische und andere bayerische Klänge zu hören sind, sei es in Auckland in Neuseeland, in Texas, in Brasilien, in Italien oder in der Ukraine, ist allgemein bekannt. In den meisten Fällen hatten Auswanderer ihren Dialekt vor Jahrhunderten dorthin verpflanzt, wo er sich dann wie in einem Biotop erhalten hat.

Das Phänomen Sprachinsel tritt aber auch umgekehrt auf. Mitten in Bayern gibt es Orte, in denen manche Menschen noch so reden, wie es oben angeklungen ist. Ein weiteres Beispiel: "Ich hob an Dannegoul, a Dannegoules und gimmel Häniefes verkannicht!" Übersetzt heißt das: Ich habe einen Hahn, eine Henne und drei Hasen verkauft.

Zu hören sind solche Sätze zum Beispiel in den mittelfränkischen Orten Schopfloch und Schillingsfürst, den Oberzentren alter Geheimsprachen. Jene von Schopfloch wird Lachoudisch genannt, jene von Schillingsfürst heißt Jenisch.

Der Sprachwissenschaftler Alfred Klepsch von der Universität Erlangen, der dieses Phänomen erforscht und seine Ergebnisse am Montag in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt hat, nennt das Jenische, das in Schillingsfürst gebräuchlich ist, eine Variante des Rotwelschen.

So lautet der Oberbegriff für eine Gruppe von Geheimsprachen, die einst im ganzen deutschen Sprachraum verbreitet waren. Aussprache und Grammatik entsprachen dabei dem in der jeweiligen Gegend gesprochenen Dialekt, waren aber für Außenstehende völlig unverständlich, weil der Wortschatz angereichert war mit Wörtern aus verschiedenen Fremdsprachen.

Rotwelsch war im Mittelalter die Sprache des fahrenden Volks, also der Bettler, der Schausteller, der Prostituierten, die sich im Dunstkreis der Illegalität am liebsten geheim verständigten.

Schon früh hatten die Behörden das Rotwelsche schriftlich festgehalten, weshalb wir gut darüber Bescheid wissen. Es war hauptsächlich geprägt vom Deutschen, Jiddischen, Lateinischen und Französischen. Das Schillingsfürster Jenisch sei eine sehr altertümliche Variante des Rotwelschen, sagt Klepsch.