Kratzers Wortschatz:Der Kanzler redet wie ein Moicherl

Lesezeit: 12 min

Ein Moicherl ist eine bedächtige Person, deren Tun oft von allzu großer Zurückhaltung geprägt ist. In Zeiten des Krawalls ist es aber ganz in Ordnung, wenn führende Politiker diese Eigenschaft besitzen und nicht sofort alles ankenten wollen.

Kolumne von Hans Kratzer

Moicherl

Kratzers Wortschatz: Bundeskanzler Olaf Scholz, eher kein Woaserl.

Bundeskanzler Olaf Scholz, eher kein Woaserl.

(Foto: IMAGO/Emmanuele Contini/IMAGO/NurPhoto)

Beim Gespräch mit einer Journalistin aus dem Landkreis Mühldorf kam neulich die Rede auf Olaf Scholz und dessen Eigenschaft, sich einer auffallend emotionsarmen Sprechweise zu befleißigen. Die Kollegin sagte, ihr behage das gar nicht. Wenn Scholz so betulich rede, komme er ihr immer wie ein Moicherl vor. Ach, wie erbaulich es doch immer ist, ganz unerwartet ein solch seltenes Wort zu hören.

Moicherl (Mejcherl) ist selbst in speziellen Wörterbüchern und Lexika kaum zu finden. Auf die Frage, was sie darunter verstehe, antwortete die Kollegin, für sie sei ein Moicherl eine staade und bedächtige Person, deren Tun von allzu großer Zurückhaltung geprägt sei ("des ned und do ned!"). Ein solcher Mensch sei auch nicht gewillt, mal die Ellbogen auszustrecken. Die Journalistin gab aber zu, dass es in den heute üblichen Krawall-Debatten manchmal ganz gut sei, einen Moicherl-Kanzler zu haben. Ob das Wort mit dem Verb moicha (melken) zusammenhängt?

Ein Moicherl wäre demnach ein gutmütiger Mensch, der noch an der Mutterbrust hängt. In manchen Gegenden wird das Wort nur für Frauen verwendet und bedeutet dort soviel wie Trutscherl. Als Pendant ist das Woaserl (Waisenkind) bekannt. Ein Woaserl ist ängstlich, unbeholfen und naiv. Eine strenge Leserin schimpfte einmal, wir Journalisten sollten nicht so empfindlich sein, wenn wir kritisiert werden: "Es Woaserl von da SZ!"

ankenten

Kratzers Wortschatz: "Konnst d'Kerzerl scho okentn."

"Konnst d'Kerzerl scho okentn."

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Regelmäßig schreiben uns Leserinnen und Leser, die sich an Wörter aus ihrer Kindheit erinnern. An Wörter, die ihre Eltern noch verwendet haben und die jetzt langsam aussterben. Der in Niederbayern lebende Stefan M. teilte uns mit, seine Mutter (Jahrgang 1934) habe noch das Verb okentn (anzünden) verwendet, das gerade in der Adventszeit häufig zu hören war: "Konnst d'Kerzerl scho okentn, owa gib owacht, dasst de ned brennst." Michael Kollmer überlieferte einst in seinem "Lexikon der Waldlersprache" weitere Bedeutungen: "Dem hams ankent (okent)", das hieß: Dem Bauern hat man das Haus oder die Scheune angezündet (niedergebrannt). "Der hat ankent (okent)" bedeutet: Der hat angezündet, Feuer gelegt.

Gerne wird behauptet, ankenten komme von den lateinischen Verben accendere und incendere (anzünden, in Brand stecken). Der Dialektologe Ludwig Zehetner zieht das in Zweifel, weil bei einer solchen Ableitung unüberwindliche Probleme der Lautentwicklung" aufträten. Tatsache ist, dass das Verb ankenten (englisch "to kindle") nur im Bairischen vorkommt. Zehetner hält es deshalb für ein germanisches Reliktwort.

Pflànz

Kratzers Wortschatz: Helmut Fischer spielte den Monaco Franze.

Helmut Fischer spielte den Monaco Franze.

(Foto: United Archives/Impress/imago/United Archives)

Im Österreich-Newsletter der SZ war kürzlich das merkwürdige Wort "Wahlkampf-Pflanz" zu lesen. Zunächst ist anzumerken, dass das "a" in diesem Fall unbedingt hell zu sprechen ist, nur dann ist die Aussprache authentisch. Am ehesten kennt man das Wort aus der Wendung "Mach koane Pflànz!" Das heißt: Mach keinen Schmarrn, reiß dich zusammen! Als Synonyme für Pflànz eignen sich Wörter wie Fisimatenten, Narreteien, Dummheiten. Wer jemanden pflànzt (das "a" wird wieder hell gesprochen), der hält ihn zum Narren, schmiert ihn aus. Ein Pflanzerl kann sowohl ein Salatpflanzerl sein als auch ein leichtlebiger junger Mensch. In der BR-Kultserie "Monaco Franze" fragt der Tierpark Toni den Franze: "Du, sog ehrlich, Franze, hob i di jemois scho pflànzt?" Der Franze antwortet: "Pausenlos!"

schwoam

Kratzers Wortschatz: Abgeordnete im Bayerischen Landtag.

Abgeordnete im Bayerischen Landtag.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Nach wie vor arbeitet ein Großteil der Redaktion im Heimbüro, weshalb die Morgenkonferenz virtuell am Computer stattfindet. So sitzt man also nicht leibhaftig nebeneinander, sondern sieht die Köpfe der Kolleginnen und Kollegen nur auf dem Bildschirm. Es dauert oft eine gute Minute, bis sich alle zugeschaltet haben. Neulich stellte Kollege K. in dieser Wartezeit fest: "Jetz schwoabtses eina!" Er meinte damit ironisch: Langsam werden alle auf den Bildschirm geschwemmt. Ähnlich hieß es früher, in Zeiten hoher CSU-Dominanz, die Schwarzen würden in Heeresstärke in den Landtag gschwoabt. Die Bildhaftigkeit solcher Reden ergibt sich vor allem aus der dialektalen Form. Das Verb schwoam (schwemmen) wurde populär durch den beliebten Imperativ "Schwoamas owe!" Wenn Verdruss herrscht, dann schwemmt mancher seinen Grant mit Alkohol hinunter. Josef Ilmberger erwähnte 1977 in seiner Sprachfibel einen Brauch, der heute vergessen sein dürfte. Am Donnerstag nach Fronleichnam fand mancherorts die Rauchschwemme statt. Da kamen die Geistlichen sowie die Lehrer und Sänger zusammen, um den Weihrauch "owe zum schwoam", also um ihn hinunterzuspülen.

An Zedl?

Kratzers Wortschatz: Wollen Sie den Beleg mitnehmen - oder wie es jüngst eine Verkäuferin in Neumarkt-Sankt Veit formulierte: "An Zedl?"

Wollen Sie den Beleg mitnehmen - oder wie es jüngst eine Verkäuferin in Neumarkt-Sankt Veit formulierte: "An Zedl?"

(Foto: Niels P. Joergensen)

Der Fortschritt wird bald dafür sorgen, dass an den Kassen der Supermärkte niemand mehr kassieren wird. Das Bezahlen wird dann automatisch ohne Personal ablaufen. Das bedeutet einen schmerzhaften Verlust an Kommunikation, Kultur und Sprache. Kürzlich saß an der Kasse eines Lebensmittelmarktes in Neumarkt-Sankt Veit eine junge Frau, die stets nachhakte, ob die Kunden den Kassenzettel mitnehmen wollten. Kurz und bündig fragte sie: "An Zedl?" In der Langform hieße das: "Wollen Sie den Beleg mitnehmen?" Die kurze Frage ist ein kunstvolles Zeugnis einer auf das Wesentliche reduzierten Sprache. Das erinnert an ein Fastfood-Restaurant am Münchner Ostbahnhof, wo man gefragt wird: "Zum hier?" Das heißt: "Wollen Sie Ihren Burger hier essen oder ihn mitnehmen?"

das Welsche

Kratzers Wortschatz: Die Walnuss verdankt ihren Namen wohl doch nicht den Römern, sondern romanisierten Voralpenlandbewohnern.

Die Walnuss verdankt ihren Namen wohl doch nicht den Römern, sondern romanisierten Voralpenlandbewohnern.

(Foto: IMAGO/Kantaruk Agnieszka)

Zuletzt waren an dieser Stelle Anmerkungen zu dem Wort Welschnuss (Walnuss) zu lesen und darüber hinaus zu den Welschen-/Walchen-Namen in Bayern. Diese seien "vermutlich in der römischen Besatzungszeit entstanden", wurde an dieser Stelle ausgeführt. Der Münchner Archäologe Ronald Metzger schrieb uns dazu, wir hätten den Römern zwar viel zu verdanken, "nicht aber die in Südbayern und im Salzburgischen gelegentlich anzutreffenden Welschen-/Walchen-Namen, zumindest nicht direkt".

Die Namen beziehen sich laut Metzger auf die sogenannte Rest-Romanitas, also die romanisierten Voralpenlandbewohner, die nach dem Verlust der römischen Provinz Rätien im Land blieben und weiterhin Latein oder ein Derivat davon sprachen. "An einigen Orten haben sich diese Sprachinseln bis ins hohe Mittelalter erhalten." Die Bezeichnungen selbst dürften allerdings nach der römischen Besatzungszeit von den neu ankommenden, meist germanisch sprechenden Siedlern vergeben worden sein, aus denen unter anderem die Bayern entstanden und in denen die Altsiedler im Laufe der Zeit sprachlich und kulturell aufgegangen sind, schreibt Metzger. Der Ortsnamenforscher Wolf-Armin von Reitzenstein merkte überdies an, der Ortsname Walchshofen gehe nicht in die Römerzeit zurück. "Er ist 1097 als Walhishouen bezeugt und hat als Bestimmungswort den Personennamen Walah, Walch." Zur Welschnuss fiel Reitzenstein der Ortsname Nußdorf ein, der darauf hinweise, dass die Römer/Romanen die Baiern das Pflanzen von Nussbäumen gelehrt haben.

Hieroglyphen

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(Foto: Markus Gann via www.imago-images.de/imago images/Shotshop)

Im Jahre 1822 gelang dem französischen Gelehrten Jean-François Champollion die von vielen ersehnte Entzifferung der Hieroglyphen. Vor wenigen Wochen jährte sich dieses glückliche Ereignis zum 200. Mal. Unter dem Begriff Hieroglyphen versteht man die Zeichen des ältesten bekannten ägyptischen Schriftsystems, das mehr als 3500 Jahre lang im alten Ägypten und in Nubien benutzt wurde. Kaum zu glauben ist, dass die Hieroglyphen auch in unsere Sprache Eingang gefunden haben, wenn auch nur im scherzhaften Sinne. Verbreitet jemand seine schriftlichen Äußerungen im Stile einer Sauklaue, ist also seine Handschrift schwer oder gleich gar nicht lesbar, so sagt der ratlose Leser zu Recht: "Also wirklich, deine Hieroglyphen sind ja nicht zu entziffern." Auch im Wortschatz des Bairischen haben die Hieroglyphen ihren festen Platz. Allerdings sagen Dialektsprecher hierzulande nicht Hieroglüfen, wie es die Norm der gelehrten Aussprache gebietet, sondern Hierogliefen - ein bissl extrig will man da schon sein.

Welschnuss

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(Foto: IMAGO/Kateryna Kolesnyk/IMAGO/Shotshop)

Den Römern haben wir einiges zu verdanken. Unter anderem brachten sie einst die Walnuss aus Gallien in das heutige Bayern. Hier kommt nun das Universalwort welsch ins Spiel, das vor allem früher für alles Romanische verwendet wurde. Wenn einer undeutlich oder unverständlich sprach, dann hieß es, er spreche welsch, was auch galt, wenn die Person Französisch oder Italienisch sprach. Da die Walnuss aus dem romanischen Raum kommt, ist sie logischerweise eine welsche Frucht und heißt im Bairischen folglich Welschnuss, gesprochen Woischnuss. Im Plural heißen sie nicht Welschnüsse, sondern Woischnussn. Der Walnussbaum ist folglich der Welschnuss- oder Walchnussbaum. Zu den vielen geografischen Namen, die mit welsch zusammenhängen, gehören der Walchensee und der Aichacher Ortsteil Walchshofen. Namen, die vermutlich in der römischen Besatzungszeit entstanden sind.

Fräulein

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(Foto: Scherl/SZ Photo)

In der vom ZDF ausgestrahlten Krimiserie "München Mord" haben die Kommissare Flierl, Neuhauser und Schaller zuletzt in gewohnt lässigem Eigensinn den Mord an einer Clubbesitzerin aufgeklärt. Die Serie ist reich an Wortwitz und Skurrilität, und sie verstößt bei Bedarf auch gerne gegen die Regeln des Zeitgeists. Etwa, wenn Ludwig Schaller (gespielt von Alexander Held) die Münchner Damen charmant mit Handkuss begrüßt und vor allem, wenn er seine Kollegin (gespielt von Bernadette Heerwagen) stets mit Fräulein Flierl anredet. Fräulein Flierl - das klingt extrem sonor, wenn der Schauspieler Held es flüstert, aber im wirklichen Leben würden ihm viele Fortschrittliche wohl sofort die Segnungen der sogenannten Cancel Culture angedeihen lassen. Diskriminierung, Abwertung, Sprachrassismus - die aktuelle deutsche Sprachordnung verurteilt den Gebrauch von Wörtern wie Fräulein gnadenlos.

Die Anrede Fräulein wurde schon 1971 aus dem Kosmos des Amtsdeutschen verbannt. Auch andere Sprachen kennen vergleichbare Diminuitive, deren lieblicher Klang unbestreitbar ist: Signorina, Señorita, Mademoiselle - übersetzt bedeuten sie freilich allesamt kleine Frau oder kleine Dame. Übertüncht wurde diese Abwertung durch gefühlige Aufwallungen wie dem Fräuleinwunder in den 50er-Jahren oder durch das lange Zeit unverzichtbare Fräulein vom Amt. Und es gab das Schulfräulein, eine respektable und Autorität ausstrahlende Institution. Wenn das "Schuifreilein" etwas angeordnet hatte, dann hat das was gegolten. Der Autor Hans Niedermayer schildert in seinem Erinnerungsbuch "Kind in einer anderen Welt" eindrücklich, wie ihn das Schulfräulein einfach ignorierte, obwohl er manche Frage hätte beantworten können.

Raner

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(Foto: imago images/Westend61)

Ein Leser hat mitgeteilt, in einem oberbayerischen Krankenhaus habe man ihm einen Rote-Bete-Salat serviert, die Krankenschwester habe das Wort Raner nicht gekannt. Auch die Gelben und Roten Rüben fallen dem Sprachwandel zum Opfer, im Supermarkt findet man nur noch Möhren und Rote Bete. Sogar einheimische Marktfrauen zeichnen ihre Rannen oder Raner (dunkles a), wie die Roten Rüben hießen, als Rote Bete aus. "Ranen und rothe Rüben" tauchen bereits im Wörterbuch von Andreas Zaupser aus dem Jahre 1789 auf. So lauten die Urbezeichnungen dieses Gemüses, die heutigen weltmännischen Ansprüchen nicht mehr genügen. Nachteil: Man neigt zur Falschschreibung. Rote Beete sind aber, so es solche gibt, rot gefärbte Gartenbeete. Die Gelbe Rübe, im Dialekt Goiberuam genannt, fristet ihr Dasein heute als Karotte, Mohrrübe und als Möhre.

gführiger Schnee

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(Foto: via www.imago-images.de/imago images/Manngold)

Nachdem Landtagspräsidentin Ilse Aigner vor Kurzem auf dem Gäubodenvolksfest in Straubing den Dialektpreis "Bairische Sprachwurzel" erhalten hatte, wurde sie von den Journalisten gefragt, welche Wörter ihr denn besonders gut gefielen. Sie hatte eine überraschende Antwort parat, und die hieß: "a gführiger Schnee!" Wie könnte es anders sein bei einer Frau, die am Fuße der Alpen daheim ist. A gführiger Schnee, das ist der Traum eines jeden Skifahrers, ein Schnee, auf dem die Brettl butterweich ins Tal gleiten. Schon in einem Pfrontener Volkslied von 1921 wird dieser Traum von Herzen besungen: "Zwoa Brettl, a gführiger Schnee, juchhe, des is halt mei höchste Idee!" Und doch haben sprachliche Perlen wie der gführige Schnee wohl keine große Zukunft mehr. Das belegte in Straubing eine junge fleißige Journalistin, die den Begriff wohl nicht kannte und ihn leicht umdeutete: "a gfriariger Schnä." Der Schnee ist gefroren, das ist schon wahr, aber diese Version war sprachlich leider nicht sehr gführig. Im modernen Journalismus hat der gführige Schnee also schon jetzt einen schweren Stand. Skeptiker sehen darüber hinaus ein noch größeres Problem. Der Klimawandel, unken sie, sorge längst dafür, dass der Schnee und damit auch Ilse Aigners Lieblingswort verschwinden werden.

Ratz

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(Foto: imago images/ZUMA Wire)

"Du Ratte", dieses grobe Schimpfwort ist in den Krimis, die im Fernsehen gezeigt werden, ziemlich oft zu hören. Schön klingt es wahrlich nicht, kein Wunder, dass dieses Wort nie Eingang in die bayerischen Sprachvarietäten gefunden hat. Schon deshalb, weil das doppelte "t" in diesem Fall für dialektal geprägte bayerische Menschen fast unaussprechbar ist. Deshalb wurde aus der Ratte der Ratz (Mehrzahl: Ratzen), der unter anderem im Kabarett als kraftvolle Metapher gerne verwendet wird. Monika Gruber merkte vor Jahren einmal an, der Fußballer Philipp Lahm sei bei einer Veranstaltung "an seiner Frau droghängt wia da Ratz am Pressack". In Regensburg waren einst die Klingelratzen recht berüchtigt. Anarchisch veranlagte Burschen fingen bei aufkommender Langeweile gerne einen Ratz, steckten diesen in ein Netz und hängten ihn dann an den Glockenzug eines Wohnhauses. Sie betrachteten das als eine zünftige Gaudi. Die Gebrüder Ratzinger waren zwar keine Gaudiburschen, aber im Traunsteiner Knabenseminar trugen sie immerhin Spitznamen. Joseph war der Bücherratz, sein Bruder Georg hieß Orgelratz, weil er quasi auf der Orgelbank festgepappt war.

Gäu

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(Foto: Armin Weigel/dpa)

Am Freitag beginnt das Gäubodenvolksfest, das wohl wieder eine Millionenschar an Gästen nach Straubing locken wird. Ein "Trumm vom Paradies" wird das bis zum 20. August dauernde Spektakel gerne genannt, trefflicher lässt sich die Herrlichkeit dieser Festivität nicht beschreiben. Namensgeber ist die fruchtbare niederbayerische Gäubodenregion. Das bis ins Althochdeutsche zurückreichende Wort Gäu beschreibt die geografische Struktur einer Landschaft. Der Gäuboden ist ein flaches, getreideschweres Bauernland. Früher kutschierten die Bauern noch mit einem Gäuwagerl in ihr Gäu hinaus. In dem Begriff Gäu kommen aber auch Besitzverhältnisse und örtliche Zuständigkeiten zum Ausdruck. Die Umgangssprache kennt die Redewendung "jemandem ins Gäu gehen". In diesem Fall wildert eine Person auf fremdem Terrain, sie mischt sich in fremde Angelegenheiten ein, was oft ungute Folgen hat. "Geh mir ja nicht ins Gäu!" So klingt eine veritable Drohung. Mit dem Wort Gäu eng verwandt ist der Begriff Gau, der im Mittelalter einen Verwaltungsbezirk markierte. Im 19. Jahrhundert diente das Wort zur Benennung von regionalen Vereinen und Parteien. In einigen Landschaftsnamen und Verbandsstrukturen lebt der Gau bis heute fort (Isengau, Schützengau). Das ist erstaunlich. Denn auch die Nazis hatten sich des Wortes Gau bemächtigt und es auf ewig ruiniert.

Genierer

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(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Im Abendprogramm des Österreichischen Fernsehens (ORF) war am Samstag ein Krimi mit dem schaurigen Titel "Steirerblut" zu sehen. Zur Handlung ist anzumerken, dass eine Journalistin ermordet wurde, die in einem Bergdorf einem Korruptionsskandal nachspürte und von einer Wirtin in etwa so charakterisiert wurde: Sie war sehr gesellig und zugänglich, "sie hat überhaupt koan Genierer ghabt". Das war das schönste sprachliche Zuckerl des Krimis. In Österreich ist das Wort Genierer noch häufig zu hören, in Bayern nur gelegentlich. Es stammt aus dem französischen Lehnwörter-Kosmos. Bekannter ist die Verbform sich genieren (sich schämen). Ein Genierer ist demnach ein Schamgefühl. Wer keinen Genierer hat, der hat keine Hemmungen, keinen Anstand, er schämt sich nicht, etwas Fragwürdiges zu tun. Die in Wien erscheinende Zeitung Der Standard veröffentlichte im April 2020 einen Text über absurd anmutende Dienste von sogenannten Heilern. Die Überschrift lautete: "Kein Genierer: Fernheiler bieten Corona-Heilungen aus der Distanz an."

Hitzn

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(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die Hitze setzt vielen Menschen in diesem Sommer besonders zu. Um die Strapazen, die sie verursacht, adäquat auszudrücken, wird das Wort Hitze im Dialekt gerne mit einem Präfix versehen. "Aber heut hat's wieder eine Bluatshitzn!" Die Hitze ist auch im zwischenmenschlichen Bereich relevant. Im Roman "Täuscher" von Andrea Maria Schenkel heißt es: "Ihr jungen Leut, ihr habt ja noch Hitzen ..." Etwas anderes ist die fliegerte Hitzn, das sind Hitzewallungen, wie sie bei Frauen in den Wechseljahren auftreten. Männer wiederum werden eher von Hitzwimmerln geplagt, das sind Bläschen, die entstehen, wenn der Schweiß auf der Haut nicht verdunsten kann. Die für die Hitze verantwortliche Sonne wird im Volksmund seltsamerweise Blanäd (Planet) genannt. Im Zug nach Mühldorf sagte neulich ein Fahrgast: "Dann hat der Blanäd owagstocha, furchtbar ... " Der Kabarettist Addnfahrer klagte vor einem Auftritt in Augsburg: "Da Blanäd prügelt owa bis zum Gehtnimmer."

Kniefieselig

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(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ministerpräsident Markus Söder hat in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel sprachschöpferische Qualitäten bewiesen. Hatte er bis dahin alle Fragen rechtschaffen beantwortet, so wurde seine Geduld am Ende, als es um die Frage einer möglichen Kanzlerkandidatur ging, doch noch strapaziert. "Sie sind heute aber wieder kniefieselig", hielt er den Journalisten entgegen, wobei er gegrinst habe, wie in Klammern zu lesen war. Das Wort kniefieselig ist in Wörterbüchern kaum zu finden. Einer der Journalisten, die das Interview führten, tat nachher auf Twitter kund, Söder sei rasch in Fahrt gekommen "und wir haben ein neues fränkisches Wort gelernt, kniefieselig". Ein gebürtiger Franke konterte im Netz sofort: "Kniefieselig ist definitiv kein fränkisches Wort, es klingt nicht einmal fränkisch." Auf Online-Chats findet man es vereinzelt, man muss sich die Bedeutung von kniefieselig aber zusammenreimen. Über einen Perfektionisten heißt es an einer Stelle: "Er arbeitet sorgfältig und gewissenhaft. Er ist aber auch kniefieselig, er findet die kleinsten Fehler und ist absolut pünktlich." So könnte man also bilanzieren: Wer kniefieselig ist, der ist kleinlich, pedantisch, eine Art Tüpferlscheißer (Dipflscheißer), wie man in Bayern sagt.

Tüpferlscheißer

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(Foto: Alessandra Schellnegger)

Gerade an Wörtern wie Tüpferlscheißer haftet die Altmünchner Seele, dieses sagenhafte Gemisch aus Grant, Laissez-faire und Lebensweisheit, das im modernen Sprachgewäsch mit seinem ausufernden Billigwortschatz leider verloren geht. Freilich will man auch kein sprachlicher Tüpferlscheißer sein, der jedes falsche Komma mit erhobenem Zeigefinger reklamiert. Unter einem Tüpferlscheißer versteht man insgesamt einen Menschen, der sich häufig kleinlich gibt, als Synonyme eignen sich die Wörter Pedant und Besserwisser. Im Norden nennt man solche Typen Korinthenkacker. Der aus der Oberpfalz stammende frühere Staatsminister Gustl Lang (1929-2004) sagte einmal: "Ich war als Minister nie ein Tüpferlscheißer."

Pfund

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(Foto: Manfred Neubauer)

Auf dem Medium Twitter machte sich neulich ein Siebengescheiter darüber lustig, dass jemand das Wort Pfund verwendet hatte. "Pfund sagt man nicht mehr", belehrte er die Twittergemeinde, "es heißt 500 Gramm!" Ganz so streng wird man es freilich nicht sehen müssen. Als Gewichtsangabe ist das Pfund nach wie vor beliebt, auch wenn es als Messeinheit schon im 19. Jahrhundert offiziell abgeschafft wurde. 1858 hatte der Deutsche Zollverein festgelegt, dass ein Pfund 500 Gramm schwer sein soll. Bis dahin galt in Bayern das Wiener Pfund, das waren gut 560 Gramm. Ausgehend vom Wort Pfund wurden weitere Wörter entwickelt. Der Pfundhammel etwa, ein Schimpfwort für ein grobes, ungeschlacht auftretendes Mannsbild. Auch als Präfix zur Verstärkung dient das Pfund, etwa bei der Pfundsgaudi und beim Pfundskerl. Positiv klingt auch das Adjektiv pfundig, das aber wegen der Modewörter geil und super einen schweren Stand hat. Noch seltener hört man das alte Synonym bärig.

Schachtel

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(Foto: Florian Peljak)

In der Fotoredaktion der SZ werden die für die Produktion benötigten Bilder thematisch in sogenannten Lightboxen abgelegt. Kollegin P. verwendet statt Lightbox in einer Art liebevollem Trotz ein schöneres und viel poetischeres Wort: "Schau mal in die Lichtschachtel!" Leider wird die Schachtel mehr und mehr von der Box verdrängt. Dieses fürchterliche Wort ersetzt mittlerweile Litaneien von Begriffen und deutet an, dass sich Sprache künftig auf wenige infantile Kernwörter reduzieren könnte. Neuerdings wird sogar der Strafraum im Fußball als Box bezeichnet. Die Schachtel hat dagegen Kraft und Farbe, nicht umsonst springt aus ihr der Schachterlteufel heraus. Sie hat aber auch eine dunkle Seite. Ältere Frauen werden oft als alte Schachteln bezeichnet. Dass es hier Nuancen gibt, zeigt ein Artikel im Münchener Stadtanzeiger vom August 1918, es ging um die französische Chansonette Yvette Guilbert: "Selbst als Yvette angejahrt war, hatte sie noch Zugkraft, denn auch eine alte Pariser Schachtel ist für einen deutschen Lebemann immer noch ein begehrenswertes Objekt."

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