Noch standen bei Rainer Sindersberger keine US-Soldaten an der Essensausgabe – und vermutlich wird das auch so bleiben. Falls aber doch mal einer kommen sollte, „dann werden wir uns nicht verweigern“, sagt der Vorsitzende der Tafel Weiden/Neustadt, gelegen unweit des US-Truppenübungsplatzes Grafenwöhr, am Donnerstag am Telefon.
Sindersberger und all die anderen Ehrenamtlichen aus der Oberpfalz sahen sich tags zuvor mit einer unverhofften Frage konfrontiert: Haben in Deutschland stationierte US-Soldaten Anspruch auf gespendete Lebensmittel?
Anlass war eine – kurzzeitige – Veröffentlichung auf der Internetseite der US-Armee. Dort erfuhren die in Grafenwöhr, Vilseck, Garmisch-Partenkirchen und Hohenfels stationierten Streitkräfte der U.S. Army Garrison Bavaria neben vielen anderen Durchhaltetipps unter der Überschrift „Running list of German support organizations for your kit bags“, wo sie in Zeiten ungewisser Gehaltszahlungen günstiges oder kostenfreies Essen erhielten. Aufgelistet waren Angebote wie die App „Too Good To Go“, der Verein „Foodsharing“ – und ganz oben: die Tafeln. Die Organisation verteile Essen an Menschen in Armut über ihre mehr als 970 lokalen Ausgabestellen, hieß es.

SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
Hintergrund der Ratschläge für möglicherweise notleidende Soldatinnen und Soldaten ist der Haushaltsstreit zwischen Republikanern und Demokraten in den USA. Wegen des nunmehr 37 Tage andauernden und somit längsten Shutdowns in der US-Geschichte stehen die Regierungsgeschäfte teilweise still.
670 000 Staatsbedienstete wurden seit dem 1. Oktober in den Zwangsurlaub geschickt, 730 000 arbeiten ohne Bezahlung, damit das öffentliche Leben nicht zusammenbricht. Von Freitag an sollen wegen Engpässen bei der Flugsicherung zahlreiche Flüge ausfallen. Und etliche Bundesangestellte stehen in jüngster Zeit an Lebensmittelausgaben Schlange, weil sie ohne ihr Gehalt keine Rechnungen bezahlen und sich zugleich Essen leisten können.

Shutdown in den USA:„Du kannst nicht rückwirkend essen“
Hunderttausende Angestellte der US-Regierung haben seit vier Wochen kein Geld mehr bekommen, wegen des Shutdowns in Washington. Besuch bei einer Lebensmittelausgabe, wo Flughafenmitarbeiter jetzt für Bohnen und Nudeln anstehen.
In Deutschland wird es solche Bilder – US-Soldaten bei der Tafel – aber vermutlich nicht geben. Die Liste mit den Versorgungstipps verschwand rasch von der Internetseite. Wieso die Tafeln dort überhaupt Erwähnung fanden, war zunächst unklar geblieben.
Erst am Freitagmorgen kann ein Sprecher des United States Army Installation Management Command (IMCOM) zur Aufklärung beitragen. Die Liste sei in Vorbereitung auf mögliche Probleme durch den Shutdown schon vor Wochen erstellt worden und habe sich nicht an die Soldaten, sondern an die deutschen zivilen Mitarbeiter der US-Armee in Bayern gerichtet, teilt dieser mit. Man habe allerdings festgestellt, dass es darum einige Verwirrung gegeben habe, deshalb seien die Informationen vorerst entfernt worden. Zu einem späteren Zeitpunkt wolle man sie den Zivilkräften aber erneut zur Verfügung stellen – dann deutlicher gekennzeichnet.
An die Soldaten oder US-amerikanischen Mitarbeiter der Armee habe sich die Liste schon deshalb nicht gerichtet, weil diese Zugang zu mehreren Hilfsprogrammen auf ihren Stützpunkten hätten. In größere finanzielle Probleme dürften die mehr als 30 000 US-Soldaten in Deutschland ohnehin nicht geraten sein – nach Angaben des IMCOM-Sprechers erhielten sie ihr Oktober-Gehalt trotz des Shutdowns regulär.
Im Gegensatz übrigens zu besagten etwa 11 000 zivilen Angestellten der US-Armee in Deutschland. Ihre Bezahlung, die über die deutsche „Lohnstelle ausländischer Streitkräfte“ in Rheinland-Pfalz läuft, haben die USA nicht freigegeben. Vorerst hat deshalb der Bund ausgeholfen und den Logistikern, Köchen oder Feuerwehrleuten ihre Oktober-Gehälter in Höhe von etwa 43 Millionen Euro bezahlt, wie eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums am Donnerstag auf SZ-Anfrage mitteilt.
Rainer Sindersberger von der Tafel in Weiden sagt, wenn einzelne Zivilkräfte trotzdem in Not gerieten, „werden wir die nicht in der Luft hängen lassen“. Anders als in manchen Großstädten erhielten sie im eher beschaulichen Weiden große Mengen an Essensspenden und seien gut aufgestellt. „Wenn zehn oder 15 kommen, das ist bei unserer Tafel leicht verkraftbar und machbar. Da sagen wir mit Sicherheit nicht nein.“
Ein allgemeines Angebot für die Armee böten die vielen Ausgabestellen aber nicht, betont Tafel-Pressesprecherin Anna Verres am Telefon. Für US-Soldaten bestehe kein Anspruch auf Unterstützung. Bei den Tafeln seien sie daher „mindestens irritiert“ über das Vorgehen der US-Armee.
Grundsätzlich entschieden die Ehrenamtler zwar nicht aufgrund der Herkunft, sondern aufgrund von Notsituationen, ob jemand Essen erhalte, sagt Verres. Wenn jemand käme, der belegen könne, mit seiner Familie in einer individuellen Notsituation zu stecken, und die Tafel zudem noch Kapazitäten habe, dann könne ihm geholfen werden. Aber der amerikanische Staat könne seine eigenen Versäumnisse und Streitigkeiten nicht mit den Angeboten einer nationalen NGO kompensieren. „Dagegen wehren wir uns.“

