Der Vatikan entscheidet Gebet und Protest

Im Kloster Reutberg leben nur noch die beiden Franziskanerinnen Faustina und Augustina. Zu wenig, sagt das Kirchenrecht. Doch gegen die Auflösung des Konvents regt sich deutlicher Widerstand

Von Klaus Schieder

Es gibt Leute, die in aller Herrgottsfrühe von Lenggries oder Bad Tölz zu ihrem Arbeitsplatz nach München fahren, damit sie auf halber Strecke einen Stopp einlegen können. Sie verlassen die Bundesstraße 13, schlängeln sich zwischen den malerischen Gehöften von Sachsenkam hindurch und kurven auf den Reutberg. Ihr Ziel ist die Klosterkirche, die sich über der Terrasse der Klosterbrauerei-Gaststätte mit ihrem Panoramablick auf die Alpen erhebt. In dem ungewöhnlich dunklen Gotteshaus feiern sie die Frühmesse mit. Oben im Chor sind dann auch, ungesehen, die zwei Franziskanerinnen zugegen, die auf dem Reutberg noch übrig geblieben sind. Die Empore könnte aber bald leer bleiben.

Der Konvent, der heuer seit 400 Jahren besteht, soll aufgelöst werden. Zwei Ordensschwestern seien kirchenrechtlich nicht genug für eine Klostergemeinschaft, sagt Generalvikar Peter Beer vom Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising. Zumindest fünf Nonnen brauche man für Oberin, Novizenmeisterin und Schwesternrat. Bereits 2013 hatte die zuständige Religiosenkongregation im Vatikan entschieden, dass die Auflösung des kontemplativen Konvents vom regulativen Dritten Orden des Hl. Franziskus auf dem Reutberg "unvermeidlich" sei. In manch anderen Gegenden Bayerns würde es vielleicht kaum auffallen, wenn ein Kloster zugesperrt wird, aber rund um den Reutberg ist dies ganz anders. Der Protest gegen die Schließung des Konvents hat in den vergangenen Monaten peu à peu an Schärfe gewonnen.

Das Kloster sei Heimat, sei Geschichte, sei Identität, sagt Ulrich Rührmair, Sprecher der Sachsenkamer Gruppe. Mehr als 9000 Unterschriften hat dieser Zusammenschluss von Pfarrgemeinderäten, Vertretern vom "Freundeskreis des Klosters Reutberg" und Lokalpolitikern für den Verbleib der Franziskanerinnen gesammelt. Bei einem Informationsabend kamen gut 250 Zuhörer zusammen, etwa 120 Gläubige nehmen an den regelmäßigen Lichterprozessionen teil. Auch der Dekanatsrat plädierte in seiner Vollversammlung nahezu einstimmig für das Fortbestehen der Ordensgemeinschaft. Die Gruppe engagierter Laien sieht sich selbst nicht als eine Art katholischer Wutbürger, auch wenn sich nach einem Jahr geheimer, aber ergebnisloser Verhandlungen mit dem Erzbischöflichen Ordinariat viel Ärger aufgestaut hat. "Wir sind nicht auf Krawall gebürstet", beteuert Rührmair. Die Gespräche mit den Kirchenvertretern in München hätten allerdings "nicht auf Augenhöhe" stattgefunden, meint der Sprecher und erzählt von gebrochenen Zusagen, halbwahren Auskünften, abgesagten Terminen. In der Gruppe verfestigte sich zunehmend der Eindruck, dass das Ordinariat zwar verhandelte, aber nichtsdestoweniger die Auflösung des Konvents vorantrieb.

Über einen solchen Schritt befindet einzig und alleine der Vatikan. Allerdings führt für die Kirchenoberen in München nicht einmal ein Schleichweg am Aus für die kleine Klostergemeinschaft auf dem Reutberg vorbei. Nach den Zahlen des Ordinariats leben in Deutschland noch circa 15 000 Ordensschwestern und 4000 Ordensmänner, davon sind nur 4000 Nonnen und Mönche jünger als 65 Jahre. Für Generalvikar Beer steht der Fall Reutberg vor diesem Hintergrund paradigmenhaft für die Situation vieler Klöster in Oberbayern, in denen es schlicht am Nachwuchs fehlt. Reutberg sei "ein Ausrufezeichen für den Wandel", sagt Beer. Anders ausgedrückt: Immer mehr Klöster werden leer stehen, weshalb sich das Ordinariat überlegen muss, wie es Gebäude und Grundbesitz nutzen will. Auf dem Reutberg soll nach bisherigen Plänen ein Seelsorgezentrum entstehen, damit die Klosteranlage "ein belebter Ort des Glaubens" bleibe, wie der Generalvikar sagt. Im Moment führe man Gespräche mit den Missionaren von der Hl. Familie in Dietramszell. Vorgesehen sei, dass zwei oder drei Patres ins Kloster ziehen. "Wir brauchen Leute, die an historischen Orten Neues wagen und nicht verbissen an Altem festhalten", sagt Beer.

Das Seelsorgezentrum erscheint der Sachsenkamer Gruppe hingegen kaum mehr als eine Fata Morgana zu sein. In einer privaten Dokumentation, die er zu einem Buch binden ließ, hat Ulrich Rührmair einige Orden aufgeführt, die bereit gewesen wären, Schwestern auf den Reutberg zu entsenden. Ein Beispiel: Die Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung aus Salzburg boten 2017 an, drei Nonnen nach Sachsenkam zu schicken. Das Erzbischöfliche Ordinariat in Salzburg lehnte dies ab, um den eigenen Konvent mit 14 Ordensfrauen - fünf davon älter als 70 - nicht zu gefährden. Die Sachsenkamer mutmaßen, die mögliche Hilfe sei im Münchner Ordinariat hintertrieben worden, was Generalvikar Beer zurückweist. Es habe eine offizielle Anfrage an Salzburg gegeben, sagt er. Drei Schwestern hätten aber ohnehin nicht ausgereicht. Außerdem hätten die beiden Franziskanerinnen, weil sie selbst keinen Konvent mehr bilden, in den Orden der neuen Schwestern übertreten müssen.

Auch die Verwaltung des Klosterbesitzes ist ein heftiger Streitpunkt zwischen Amtskirche und Sachsenkamer Gruppe. Die Verteidiger des Konvents kritisieren, dass der frühere Verwalter, der bis 2012 tätig war, ein Monatssalär von etwa 2000 Euro bekommen habe, eine Finanzberatungsgesellschaft aus Pullach danach bis Anfang 2018 aber ein Honorar von rund 7500 Euro, gezahlt aus den Einkünften des Klosters von circa 10 800 Euro im Monat. Das Pikante: Der Mann der Geschäftsführerin dieser GmbH sitzt in der Finanzkommission des Ordinariats. "Ein Skandal", sagt Rührmair. Die Sachsenkamer Gruppe ließ den Vertrag von einer Münchner Anwaltskanzlei prüfen. Deren Urteil: "sittenwidrig". Generalvikar Beer würde dieses Gutachten gerne mal sehen, wie er sagt. Denn der Kontrakt sei von Juristen des Ordinariats für völlig rechtens befunden worden.

Im Klausurbereich des Klosters Reutberg ist es still. Hinter einem holzvergitterten Fenster sitzen Schwester Faustina, die 50 Jahre alt ist, und Schwester Augustina. Mit 90 Jahren ist sie demenzkrank. "Aber sie ist kein Pflegefall", sagt Schwester Faustina. Beide möchten den Reutberg nicht verlassen. Von Kardinal Reinhard Marx wurde die 50-jährige Nonne jedoch vor die Wahl gestellt, in einen anderen Orden überzutreten oder aus dem Orden auszutreten. "Ich mag dann auch ein Wörtchen mitreden dürfen", sagt sie.