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Depression nach der Geburt:Wenn das Mutterglück ausbleibt

Sie haben sich so auf das Baby gefreut, dann ist es da - und bleibt ihnen völlig fremd: Zehn bis 15 Prozent der Frauen leiden nach der Geburt an einer Depression. Sie können ihr Kind nicht lieben, würden es am liebsten wieder loswerden. Die meisten von ihnen sind unter 30 mit hohem Bildungsniveau.

Katrin Kuntz

Es ist der Moment, auf den Julia Heier sich monatelang gefreut hat. Der Moment, in dem ihr Glück perfekt sein sollte. Sie liegt auf dem Sofa, über ihrem Arm eine Wolldecke, darin eingewickelt ihr Baby. Das Mädchen ist zwei Wochen alt, sein Gesicht rot und zerknittert, so, als ob es in der Welt noch nicht richtig angekommen wäre.

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Mutter und Kind: Nicht immer automatisch und sofort das perfekte Glück.

(Foto: iStockphoto)

Julia Heier berührt seine Nasenspitze mit dem Zeigefinger. Es ist eine zärtliche Bewegung, eine, die Mütter jeden Tag machen. Ein kleiner Stupser. Bei Julia Heier dauert er wenige Sekunden zu lang. Dann verharrt sie, zieht die Hand zurück, geht in die Küche, drückt das Baby in den Arm seiner Großmutter, verlässt den Raum. Und weint. Weil sie in diesem Moment ihrer Tochter die Nase zuhalten wollte, damit sie keine Luft mehr bekommt. Julia Heier hat den Moment nicht vergessen.

Die 26-jährige Sozialbetreuerin aus München bekam nach der Geburt ihres Kindes vor zwei Jahren eine schwere Depression. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Frauen kurz nach der Entbindung besonders empfindsam, erschöpft oder gereizt sind. Der sogenannte Baby-Blues tritt in den ersten fünf Tagen nach der Geburt auf, fast jede zweite Mutter leidet darunter. Es ist ein Wort, das sich harmlos anhört - und in den meisten Fällen ist der Baby-Blues das auch.

Bei zehn bis 15 Prozent aller Frauen klingen die Stimmungsschwankungen jedoch nicht ab. Sie entwickeln eine "postpartale Depression", wie die Depression nach der Geburt korrekt heißt. "Es ist eine Krankheit, über die Frauen selten reden, weil sie sich dafür schämen", sagt Ursula Schütz, Fachärztin für Psychiatrie in München. Deshalb sind die Namen der Betroffenen in diesem Artikel auch verändert.

Schütz behandelt in ihrer Praxis viele Frauen mit postpartaler Depression. Von dem Mutterglück, auf das die meisten hofften, sind sie weit entfernt. "Einige Frauen sind permanent überreizt, andere antriebslos", so Schütz. Viele können kaum aufhören zu weinen. "Sie haben das Gefühl, nicht zu wissen, was ihr Baby braucht, können keine Bindung zu ihm aufbauen, sind überzeugt davon, dass sie ihr Kind nicht alleine versorgen können." Mit solchen Gefühlen hatten die meisten nie gerechnet.

Auch Julia Heier nicht. In ihrer Wohnung im Münchner Westen liegen Puppen und Bälle auf dem Boden, ein Kaufladen steht in der Ecke, das Kinderbett ist an das Ehebett angebaut. Vieles ist rosa, es sieht aus, als hätte sich die Familie ein gemütliches Nest gebaut. Heier schaut Videos auf ihrem Laptop an. Sie sind knapp drei Jahre alt, zeigen sie mit einem Schwangerschaftstest in der Hand. Zwei Striche sind darauf. "Endlich schwanger", haucht Heier in die Kamera. Sie strahlt, tanzt. Monate später hat sie einen großen Bauch, auf dem Video lacht sie immer noch. Ein weiterer Film zeigt sie im Krankenhaus nach dem Kaiserschnitt, später ist sie zuhause im Wohnzimmer. Die neugeborene Tochter hält sie im Arm, ihre Augen sind müde. In diesem Video lacht Heier nicht mehr. "Endlich war die Kleine da", sagt sie heute, "doch ich wollte sie am liebsten nie wieder sehen."

"Die Krankheit ist gut behandelbar"

Die Ursachen für eine postpartale Depression sind vielfältig. Die hormonellen Veränderungen, die im Zuge jeder Geburt stattfinden, erhöhen das Risiko, auch Monate später noch an einer Depression zu erkranken. Auslöser kann auch ein traumatisches Erlebnis während der Entbindung sein. Eine Studie der Universitätsklinik Heidelberg weist eine Gruppe von Frauen aus, die besonders häufig an einer postpartalen Depression erkrankt: Frauen unter 30 mit einem hohen Bildungsniveau. Experten gehen davon aus, dass sie besonders viel von sich selbst erwarten und daher unter großem Druck stehen. Auch Frauen, die vorher bereits psychisch krank waren, haben ein höheres Risiko. "Es ist wichtig, die Familiengeschichte zu erfragen", so Schütz. "Wer in einer schwierigen Beziehung lebt, wenig Unterstützung bekommt oder traumatische Erlebnisse in der Kindheit nicht verarbeitet hat, ist gefährdeter." Dennoch: Die Krankheit trifft auch Frauen, in deren Lebensgeschichte sich nichts Auffälliges findet.

Zum Beispiel Anna Weber. Die 32 Jahre alte Münchnerin arbeitet in der Disposition eines großen Unternehmens. Auch sie hatte sich ihr Kind gewünscht. "Ich war immer ein total glücklicher Mensch", sagt sie. Die Geburt verlief schnell und problemlos. Danach konnte sie nicht aufhören zu weinen. "Nach ein paar Tagen zuhause kamen Panikattacken dazu", sagt Weber, "ich konnte nicht mehr schlafen." Zu Beginn versuchten Partner und Familie sie aufzubauen. "Entspann dich", sagten sie. "Du musst dich erst an die Situation gewöhnen." Doch Anna Weber gewöhnte sich nicht an ihr Kind, dachte darüber nach, es zu ihren Eltern zu geben.

Schließlich fuhr ihr Mann sie zum Isar-Amper-Klinikum in Haar, Haus 71, Mutter-Kind-Station. Kliniken mit einer solchen Einrichtung gibt es nicht viele in Deutschland, etwa 65 weist die Marcé Gesellschaft für peripartale psychische Erkrankungen aus. Der Bedarf ist weit höher, sagt Stephanie Schabert, Oberärztin der Mutter-Kind-Station in Haar. Im vergangenen Jahr wurden in der Münchner Einrichtung 46 Mütter mit ihren Kindern behandelt. Sieben Zimmer stehen für sie bereit, die meisten Patientinnen bleiben circa sechs Wochen. Ziel ist es, die Frauen zu stabilisieren und zu entlasten, die Bindung zu ihrem Kind dauerhaft zu verbessern. Zwar haben nicht alle Frauen Schwierigkeiten, eine stabile Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Studien haben jedoch gezeigt, dass die psychische Erkrankung einer Mutter die Bindung zum Kind negativ beeinflussen kann. Das wiederum kann sich auf dessen allgemeine Entwicklung auswirken.

In Haar will man dem vorbeugen. In Müttergruppen sollen die erkrankten Frauen lernen, auf Signale ihrer Kinder zu achten und angemessen zu reagieren. Was ist Freude? Was Angst? Was Hunger? Auch, dass die Kinder mit zur Therapie kommen, ist wichtig: Für die ganz Kleinen ist die Mutter oft die Hauptbezugsperson - eine Trennung wäre sowohl für das Kind als auch für die Mutter mit Stress verbunden, sagt Schabert. "Außerdem sehen wir so, ob sich die Erkrankung auf die Beziehung zum Kind ausgewirkt hat und mit welchen Ressourcen der Mutter wir arbeiten können."

Anna Weber ging es nach drei Wochen mit Psychopharmaka, Therapiesitzungen und Sport in der Klinik deutlich besser. Sie ist weiter in Behandlung, inzwischen kann sie sich gut um ihre Tochter kümmern. Für Julia Heier war es schwieriger, ihre Depression zu überwinden. Sie entwickelte eine Psychose mit Wahnvorstellungen, nahm starke Medikamente, war wochenweise in verschiedenen Kliniken, arbeitete ihre eigene Vergangenheit auf. Ihre Tochter wollte sie dort nicht dabeihaben. "Ich konnte keine Verantwortung für sie übernehmen", sagt sie.

Je nach Schwere der Depression und je nachdem, wie sehr Familie und Freunde sie unterstützen, können betroffene Frauen es auch mit ambulanter Therapie schaffen, gesund zu werden. Bei Selbsthilfevereinen - wie etwa Schatten & Licht, der in München regelmäßig Gruppensitzungen veranstaltet - finden sie zusätzlich Unterstützung. "Die Krankheit ist gut behandelbar", sagt Psychologin Schütz. "Problematisch ist nur, dass viele Frauen zu lange zögern, bis sie sich Hilfe suchen."

Bei Julia Heier dauerte es zehn Monate, bis sie ihre Tochter aufrichtig in den Arm nehmen konnte. Nach einer längeren Kur kam sie zurück nach München, im Hals ein enges Gefühl. Als sie in ihre Straße einbog, sah sie ihr Kind schon an der Haustür warten. Das Mädchen breitete die Arme aus. Kurz darauf macht Heier es ihm nach.

© SZ vom 12.09.2012/rus

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