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Denkmalschutz:Sensation im Keller

Der Verein Kulturerbe Bayern will ein mittelalterliches Haus in Rothenburg retten. Bei den Arbeiten stoßen Helfer auf ein jüdisches Ritualbad aus dem 15. Jahrhundert

Natürlich ist die Denkmallandschaft in Bayern noch einigermaßen passabel bestückt, aber unübersehbar leidet sie an einem Raubbau, der sich unter dem gegenwärtigen ökonomischen Druck rasant beschleunigt. Alles in allem schwindet das Kulturerbe durch Verfall, Abrissbirne und Profitgier munter dahin. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die noch junge Initiative Kulturerbe Bayern das vom Ruin bedrohte mittelalterliche Stadthaus Judengasse 10 in Rothenburg ob der Tauber unter ihre Obhut genommen. Das bauliche Rettungsprojekt soll vorbildhaft eine landesweite Wirkung entfalten. Der Verein Kulturerbe Bayern will Menschen motivieren, sich generell für die Kulturschätze Bayerns zu engagieren. Sein Ziel lautet, Gebäude und Landschaften von historischem Wert oder von besonderer Schönheit dauerhaft zu bewahren. Er will vor allem dort in die Bresche springen, wo weder staatliche Fördermaßnahmen greifen noch private Investoren aktiv werden.

Als Vorbild dient der bereits 1895 gegründete National Trust in Großbritannien, der vier Millionen Mitglieder hat und dort Hunderte historische Gebäude, Bauwerke, Kirchen und Parks am Leben erhält. Kulturerbe Bayern legt dabei ein besonderes Augenmerk auf den gemeinschaftlichen Ansatz. Neben Förderungen und Zuwendungen, die nur einen Teil der Kosten decken, kann sich jeder auch als aktiver Helfer an der Erhaltung beteiligen.

Das Haus Judengasse 10 in Rothenburg soll exemplarisch zeigen, wie es künftig weitergehen soll, wenn genügend Interessenten mitmachen. Und es schaut bisher nicht schlecht aus. In Rothenburg haben bereits viele Ehrenamtliche mitgeholfen, dem mehr als 600 Jahre alten Gebäude manches Geheimnis zu entlocken. So haben Helfer unter professioneller Anleitung sorgfältig den Boden im Gewölbekeller abgetragen und damit wissenschaftliche Untersuchungen ermöglicht.

Der 2015 gegründete Verein Kulturerbe Bayern hat es sich zum Ziel gesetzt, unbetreute und vom Verfall bedrohte bauliche Schmuckstücke wie das Gebäude Judengasse 10 in Rothenburg vor dem Verfall zu bewahren.

(Foto: Kulturerbe Bayern)

Erbaut um 1409, gehört das einstige Wohnhaus Judengasse 10 in der Altstadt von Rothenburg ob der Tauber zu dem einzigen noch weitgehend erhaltenen spätmittelalterlichen Judenviertel Deutschlands. Noch sind nicht alle Funde ausgewertet. Aber laut Johannes Haslauer, dem Vorsitzenden von Kulturerbe Bayern, zeichnet sich "ein sensationelles Ergebnis" ab. Demnach wurde die im Kellergewölbe befindliche Mikwe, das einzige bislang entdeckte jüdische Ritualbad in Rothenburg, bereits im Erbauungsjahr des Gebäudes errichtet. Damit ist sie die Einzige in Deutschland sicher bestätigte Mikwe aus dem 15. Jahrhundert, die zusammen mit dem dazugehörenden Haus überliefert ist.

Schon vor Monaten hatte eine Untersuchung ergeben, dass die hölzerne Bohlenstube im Obergeschoss ebenfalls aus der Entstehungszeit des Gebäudes stammt. Sie zählt damit zu den ältesten in ganz Bayern. "Das geschichtsträchtige Haus ist ein besonderer Zeuge örtlicher, fränkischer und bayerischer Geschichte", sagt Haslauer. Dass diese Einschätzung nicht verkehrt ist, belegen weitere archäologische Untersuchungen. Sie zeigen, dass kurz vor dem Bau des Hauses der alte Stadtgraben verfüllt wurde. Das Haus mit dem Ritualbad zählt also zu den frühesten Gebäuden in diesem Stadtareal.

Kulturerbe Bayern

Der 2015 gegründete Verein Kulturerbe Bayern will das Engagement der Menschen für die Kulturschätze Bayerns fördern, indem er sie zur Mitwirkung animiert - sei es als Mitglieder, Volunteers, Spender oder als Stifter. Im November 2018 wurde - anlässlich des 100. Geburtstags des Freistaats - als zweites Standbein der Initiative die Stiftung Kulturerbe Bayern gegründet. Aktuell bilden circa 850 Mitglieder das Fundament für die Aktivitäten der Initiative. Zudem haben mehr als 190 Volunteers ihre Unterstützung zugesagt - Ehrenamtliche, die bereit sind, ihre Fähigkeiten für Kulturerbe Bayern einzubringen. Die Aufgaben, die sie übernehmen werden, sind vielfältig: Sie reichen von der handwerklichen Mitarbeit bei der Instandsetzung von Gebäuden über die Betreuung und Organisation der Baumaßnahmen bis hin zur Gestaltung von Programmen, bei denen der nachwachsenden Generation die Bedeutung des Kulturerbes vermittelt wird. hak

Andreas Hänel, ehrenamtlicher Projektleiter für die Rettung des Hauses, kündigte an, man wolle darin Wohn- und Begegnungsräume schaffen, dabei aber die historische Substanz weitgehend bewahren. Die Geschichte des Hauses soll erfahrbar gemacht und die Mikwe als Zeugnis der jüdischen Geschichte Rothenburgs erlebbar gemacht werden.

Die Kosten für die Instandsetzung belaufen sich auf circa 1,5 Millionen Euro. Kulturerbe Bayern bietet mehrere Möglichkeiten an, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Die Bandbreite reicht von der Mitgliedschaft über die aktive Mithilfe als Volunteer bis hin zum Engagement in Form von Spenden (Infos auf der Website www.kulturerbebayern.de). Mittlerweile ist Kulturerbe Bayern auch als Stiftung etabliert. Somit fußt das Projekt nun auf vier Säulen: Vereinsmitglieder, Volunteers (freiwillige Helfer), Stifter und Spender. Auf diese Weise will Kulturerbe Bayern künftig in größerem Maße Schutz für gefährdete Bauten bieten, als das Einzelpersonen vermögen.

Als nächstes Projekt haben Kulturerbe Bayern und der Verein "Rettet die Fachwerk- und Sandsteinhäuser" ein Partnerschaftsabkommen vereinbart. In diesem Rahmen soll ein Sandsteinhaus mit schmucken Verzierungen, sogenannten Fensterschürzen, in Mistelgau im Landkreis Bayreuth (Bahnhofstraße 5) instand gesetzt und wieder bewohnbar gemacht werden. Das für die Region typische und doch besondere Haus ist der erste Partner-Schützling von Kulturerbe Bayern.