Denkmalschutz:"Das darf nicht zusammengestöpselt sein"

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Denkmalschutz: Der Innenhof der Torso gebliebenen NS-Kongresshalle in Nürnberg auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände gilt als ein favorisierter Ort für das Operninterim.

Der Innenhof der Torso gebliebenen NS-Kongresshalle in Nürnberg auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände gilt als ein favorisierter Ort für das Operninterim.

(Foto: Olaf Przybilla)

Der bayerische Generalkonservator plädiert für große Vorsicht in der Nürnberger Interimsdebatte - und qualitativ hochwertiges Bauen auf einem "maximal kontaminierten" Gelände.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Zum Großthema Nürnberger Operninterim sind aus dem Landesamt für Denkmalpflege bislang zwei Positionen bekannt, deckungsgleich sind diese nicht. Dass es den Grünen nun gelungen ist, den Generalkonservator Mathias Pfeil dazu zu bewegen, an einer öffentlichen Konferenz zu dem Thema teilzunehmen, darf da als Coup gelten. In der Frage, ob, wie, wo und von welcher Dauer man an einem denkmalgeschützten Propagandabau der Nazis eine Opernspielstätte errichten soll, ringt Nürnberg seit Monaten um Orientierung. Da wirkt es nur angemessen, wenn Bayerns "höchster Denkmalschützer" - wie ihn die Abgeordnete Sabine Weigand vorstellt - sich ausführlich dazu äußert.

Pfeil relativiert erst mal die Zuschreibung: Bayerns oberster Denkmalschützer sei nicht er, sondern Kunstminister Markus Blume - und darüber noch der "Ministerpräsident". Letzterer hatte kürzlich der Debatte eine ganz neue Richtung gegeben: Dass ein interimistischer Bau nach zehn Jahren wieder abgerissen wird (wie als Arbeitsgrundlage bislang angenommen), sei Steuerzahlern kaum zuzumuten, findet Markus Söder - ein unmissverständliches Plädoyer für einen Dauerkulturbau auf dem Ex-NS-Areal. Was also sagt der Chef der zuständigen Fachbehörde?

Sollte sich die Stadt von Pfeil eine Art denkmalpflegerischen Handlungsleitfaden erhofft haben, dürfte sie von dessen Auftritt ernüchtert sein. Denn der Generalkonservator ist schlau genug, den Ball ins Feld der Planer und Entscheider - der Stadt Nürnberg nämlich - zurückzuspielen. Ohne detaillierte Planung könne man "nicht sagen, was die Denkmalpflege macht oder nicht macht", sagt er. Er spricht davon, "die Weltöffentlichkeit" habe das "maximal kontaminierte" Gelände im Blick - da sei "ganz große Vorsicht" geboten. Er halte es für "extrem ambitioniert, in dieser kurzen Zeit" eine Antwort auf alle sich aufdrängenden Fragen zu finden - und moniert: "Hier fehlt die Debatte."

"Entweder gar keine Lösung oder Chaos"

Letzteres wird quasi zum Leitmotiv der Digitalkonferenz, bei der insgesamt 19 Teilnehmer fünf Stunden miteinander diskutieren: Immer wieder sind Bedenken zu hören, weil sich die Stadt nicht hinreichend Zeit genommen habe, um das Projekt "gesamtgesellschaftlich" (Pfeil) zu erörtern. Aber es nutzt ja nichts: Nürnbergs Oper schließt 2025, bis dahin muss eine Ausweichspielstätte stehen. Und so stammen die wichtigsten Hinweise an diesem Tag von Daniel Ulrich, als Nürnberger Baureferent ein maßgeblicher Herr des Verfahrens: Nein, sagt er, die Stadt plane keinen "offenen Architektenwettbewerb", wie viele angesichts der Bedeutung der Aufgabe erwarten - stattdessen ein "Einladungsverfahren" mit wohl bis zu zehn Teilnehmern. Ein offener Wettbewerb würde, so fürchtet er, die "Stadt ins Verderben führen". Denn an dessen Ende hätte man womöglich "ganz viele, ganz tolle Ideen" - aber "entweder gar keine Lösung oder Chaos".

Auch schwebe der Stadt nicht vor, dem auf dem Areal bereits existierenden "Architekturkunstwerk von Weltrang" - dem Dokuzentrum von Günther Domenig - ein weiteres Kunstwerk hinzuzufügen. Stattdessen müsse sich jeder Neubau, der nun neu hinzukomme, dessen Architektur gleichsam "unterordnen". Architekten widersprechen da freilich unisono. Sehr wohl vertrage das Areal "mehr als nur eine Intervention", sagt etwa Stephan Trüby, Architekturtheoretiker an der Uni Stuttgart. Von ihm stammt auch der wohl einprägsamste Satz der Konferenz: Alles müsse nun "sehr schnell" gehen - "aber es ist vieles, wenn nicht alles unklar".

Auch der Generalkonservator, der lediglich drei ihm gestellte Fragen beantworten darf, hinterlässt Einschneidendes. Man habe bereits zu erkennen gegeben, betont Pfeil, dass man einem temporären Kulturbau weder grundsätzlich im Wege stehen kann noch werde. Sollte es nun aber doch um ein Dauergebäude gehen, so stelle sich jetzt die Frage: "Kommt die Stadt auf uns zu?" Das Landesamt hatte bislang lediglich eine Stellungnahme auf der (von der Stadt vorgegebenen) Basis abgegeben, dass der Kulturbau anschließend wieder entfernt werden soll. Eine kulturelle Überformung könne die richtige Antwort sein auf diesem Areal "extremer Machtdemonstration eines totalitären Systems". Aber auf die "Qualität" dieser Antwort komme es eben an, findet Pfeil: "Das darf nicht zusammengestöpselt sein."

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