"Dem Schnabel nach" Der SZ-Brachvogel hat einen Namen

Schnepfinger auf dem Weg in den Süden. Der 17 Gramm leichte Sender auf seinem Rücken stört ihn dabei nicht.

(Foto: Wolfgang Nerb/LBV)

Pinocchio, Numi oder Schnepfinger? Mehr als 700 Leser haben abgestimmt, wie der Große Brachvogel heißen soll, den die SZ auf seinem Flug in den Süden begleitet. Das Ergebnis war eindeutig.

Von Christian Sebald

Der SZ-Brachvogel heißt Schnepfinger. Das ist das klare Votum der Leser der Süddeutschen Zeitung. Die Resonanz auf die Aufrufe für Namensvorschläge und die Abstimmung waren immens. Allein an der Online-Abstimmung, die bis einschließlich Donnerstag lief, beteiligten sich 704 Leser. Die Zahl der Vorschläge, die die Bayernredaktion zuvor erreicht hatten, summierte sich ebenfalls auf etliche hundert. Die Entscheidung war spannend, letztlich dann aber deutlich. 221 Leser oder 31,7 Prozent der Abstimmenden entschieden sich für Schnepfinger. Der Name ist die liebevolle Verballhornung von Schnepfenvogel, das ist die Vogelfamilie, der der Große Brachvogel angehört. Auf Rang zwei folgt Numi mit 209 Stimmen oder 30 Prozent. Dieser Vorschlag leitet sich von dem lateinischen Numenius ab, dem wissenschaftlichen Namen für die Gattung der Brachvögel.

Die anderen drei Vorschläge rangieren mit deutlichen Abständen dahinter. Pinocchio holte 122 Stimmen oder 17,5 Prozent. Das ist insofern erstaunlich, als Pinocchio bei den vielen hundert Vorschlägen, welche die SZ-Leser zuvor eingeschickt hatten, noch klar vorne lag. Der Vorschlag bezieht sich auf die italienische Kinderbuchfigur, deren Nase beim Lügen immer länger wird. Ähnlich wie dem Vorschlag Pinocchio erging es Bravo. Auch er lag bei den Einsendungen weit vorne. In der Abstimmung landete er aber nur auf Rang vier (99 Stimmen oder 14,2 Prozent). Abgeschlagen auf Platz fünf rangiert Gúik (53 Stimmen oder 7,6 Prozent) - nach dem melodiösen, ein wenig melancholisch klingenden Ruf des Großen Brachvogels.

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Schnepfinger ist derweil höchst agil in seinem Überwinterungsgebiet im andalusischen Nationalpark Coto de Doñana. Der GPS-Sender auf seinem Rücken hat eine sogenannte Activity-Funktion. Das heißt: Er zählt alle Bewegungen, die der Brachvogel macht. Am Freitag zwischen neun und zehn Uhr vormittags waren es 170 Bewegungen, die das Gerät vom Mündungsdelta das Flusses Guadalquivir auf die Computer in der 2000 Kilometer Luftlinie entfernten Zentrale des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) im mittelfränkischen Hilpoltstein übermittelte. "Das ist eine erstaunlich hohe Zahl", sagt LBV-Sprecher Markus Erlwein. "Schnepfinger ist wirklich andauernd unterwegs."

Bei der Namenssuche haben sich die SZ-Leser viel Mühe gemacht. Einer hat eine historische Schwarz-Weiß-Postkarte mit einer Ansicht seines Heimatorts geschickt, andere haben feines Briefpapier gewählt und immer wieder haben Schreiber ihre Karten mit Brachvogelbildern beklebt. Und es gab etliche Zuschriften, die liebevolle Zeichnungen von Kinderhand zierten. So verschieden die Einsendungen waren, so verschieden waren die Vorschläge. Hildegard und Ernst Steffen aus München etwa wünschten sich, dass der Brachvogel Hultschi heißen sollte, frei nach der Hultschiner Straße in München, an der der schwärzlich-grau verglaste Turm steht, in dem die SZ-Redaktion sechs Tage die Woche an der Süddeutschen Zeitung für den nächsten Tag bastelt. Eine ganz besondere Anregung kam von Elisabeth Lang aus Fürstenfeldbruck. Sie sprach sich für Carry aus - in Erinnerung an die jüdisch-stämmige Münchner Schriftstellerin Carry Brachvogel (1864 bis 1942). Sie war nicht nur als Autorin erfolgreich und hochgeachtet, sondern auch sehr aktiv in der damaligen Frauenbewegung. Unter den Nazis erhielt sie Publikationsverbot, im Sommer 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie wenige Monate später starb.

Schon jetzt hat das Forschungsprojekt erste Erkenntnisse erbracht

Gerd Maka wartete gleich mit zwei Ideen auf. Je nachdem ob der SZ-Vogel männlich oder weiblich ist, wollte er ihn Schnabuli oder Schnabelle nennen. Denn bisher steht das Geschlecht des SZ-Vogels nicht fest, das Ergebnis eines Gentests steht noch aus. Inge Horn aus Bamberg schrieb auch im Namen ihrer neunjährigen Enkelin. Die beiden hatten in einem Vogelbuch gelesen, dass der Ruf des Großen Brachvogels bisweilen wie Talük klingt. Deshalb schlugen sie Mister Talük vor. Die beiden hatten auch einen Einfall für ein Vogelweibchen. Er lautete Lerina.

Beim LBV freuen sich die Mitarbeiter bereits über erste Erkenntnisse, die ihr Brachvogel-Forschungsprojekt erbracht hat. Bislang gingen Markus Erlwein und die anderen Ornithologen davon aus, dass Große Brachvögel von ihren bayerischen Brutgebieten aus auf direktem Weg in ihre Überwinterungsregion im Süden fliegen. Das trifft offenkundig nicht für alle zu. Schnepfinger hat ja sein Brutgebiet im Königsauer Moos nahe Dingolfing bereits am 26. Mai verlassen. Danach ist er noch zweieinhalb Wochen im Freistaat herumgeschwirrt. Noch am 26. Mai sendete er aus dem 70 Kilometer Luftlinie nördlich gelegenen Landkreis Cham. Von dort aus machte er sich dann zu einem sehr gemächlichen Erkundungsflug in das Donaumoos bei Neuburg an der Donau auf. Alles in allem ließ er sich dafür fünf Tage Zeit. Und im Donaumoos selbst verbrachte er dann noch einmal zwölf Tage.

"Erst am 12. Juni gab ihm seine innere Uhr plötzlich den Impuls, dass es jetzt schleunigst ab in den Süden geht", sagt Markus Erlwein. "Für die 2000 Kilometer ins Guadalquivir-Delta hat er dann nur gute zwei Tage gebraucht." Und zwar mit einer einzigen fünfstündigen Erholungspause. Ansonsten hat Schnepfinger nur ganz kurze Stopps eingelegt.

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