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Debatte um Mittelstufe Plus:Es geht auch um die Reife

Gymnasialreform

Abstimmung mit den Füßen: An den Modellgymnasien haben sich viele Schüler für den neunjährigen Zweig beworben.

(Foto: Armin Weigel/dp)
  • Der Modellversuch Mittelstufe Plus an bayerischen Gymnasien hat im Landtag erneut zu einer Grundsatzdebatte über das G8 geführt.
  • Die Freien Wähler forderten die Staatsregierung in einem Dringlichkeitsantrag auf, keinen Schüler abzuweisen.
  • Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hatte anfangs erwogen, nur 20 bis 30 Prozent eines Jahrgangs zuzulassen.

Von Anna Günther und Wolfgang Wittl

Der große Andrang auf den Modellversuch Mittelstufe Plus an bayerischen Gymnasien hat im Landtag erneut zu einer Grundsatzdebatte über das achtjährige Gymnasium geführt. Die Freien Wähler forderten die Staatsregierung in einem Dringlichkeitsantrag auf, keinen Schüler abzuweisen. "Wir bitten Sie, lassen Sie jeden dieses Modell wählen", sagte FW-Chef Hubert Aiwanger. Schulleiter befürchten genau das: Schüler, die sich für das zweijährige Pilotprojekt interessieren, wegen der großen Nachfrage abweisen zu müssen. An vielen der 47 ausgewählten Modellschulen haben sich schon jetzt die Hälfte der Siebtklässler angemeldet. An manchen sind es bereits bis zu 75 Prozent. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hatte anfangs erwogen, nur 20 bis 30 Prozent eines Jahrgangs zuzulassen.

Die große Nachfrage zeige, wie sehr sich Eltern und Schüler nach einer Rückkehr zum G 9 sehnten, sagte Michael Piazolo (FW). "Ihnen ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach." Das Kultusministerium solle deshalb alle 71 Gymnasien zulassen, die sich beworben hätten, nicht nur 47. Thomas Gehring (Grüne) sagte, der Ansturm auf die Mittelstufe Plus sei eine Reaktion auf die Unzufriedenheit mit dem G 8: "Wer eine Tür öffnet, muss sich nicht wundern, wenn die Leute einen Ausweg suchen." Er forderte allerdings einen völlig neuen Plan für die Gymnasien. Beim Dringlichkeitsantrag, der mit Stimmen der CSU abgelehnt wurde, enthielten sich die Grünen daher. Heftige Kritik übte auch die SPD. Die Zahlen zeigten: "Der bisherige Höher-Schneller-Weiter-Kurs des achtjährigen Bulimielernens, den die CSU-Regierung stets so leidenschaftlich verteidigt hat, ist definitiv falsch", sagte Martin Güll.

Akzeptanz für die Mittelstufe Plus sei "völlig normal"

Spaenle wies den FW-Antrag als "durchsichtig" und "Unruhe stiftend" zurück. Der SZ sagte er, die Akzeptanz für die Mittelstufe Plus sei "völlig normal". Aufgabe sei es, den Bedarf zu ermitteln. Der CSU-Abgeordnete Otto Lederer wies darauf hin, Sinn einer Pilotphase sei es, "dass man sie nur in einem eingeschränkten Bereich macht". Spaenle bezeichnete alle politischen Aussagen zur Mittelstufe Plus im Moment als "heiße Luft". Am 4. Mai wisse man mehr.

Bis dahin haben die Schulen Zeit, ihre Anmeldezahlen ans Kultusministerium zu melden, bis zum 20. Mai müssen sie ihr pädagogisches Konzept vorstellen - das Ministerium hat nur die Rahmenbedingungen festgelegt. Besonderes Gewicht bei der Entscheidung, ob ein Schüler in die Plus-Klasse aufgenommen wird, hat die Begründung der Eltern. Laut dem Informationspapier des Ministeriums für die Schulleiter orientiert sich dieser pädagogische Bedarf am "individuellen Entwicklungsstand, den besonderen Begabungen des Kindes und an persönlichen Vorhaben", also Auslandsaufenthalten und Hobbys, Musik oder Sport. Die Schüler haben in vier Jahren Mittelstufe 17 Wochenstunden mehr als im dreijährigen G 8.

Persönlichkeitsbildung durch ein Zusatzjahr

"Viele Schüler sind nach der 10. Klasse definitiv nicht weit genug für die Q 11", sagt Günter Jehl, Schulleiter des Gymnasiums in Oberviechtach. Das habe sich seit Einführung des G 8 gezeigt. "Mädchen sind zwischen 14 und 17 immer voraus, aber das eine Jahr ist bei den Buben sehr deutlich spürbar", sagte Jehl. Er erhoffe sich für die Persönlichkeitsbildung der Kinder viel vom Zusatzjahr. Von 85 Siebtklässlern wollten Ostern nur 19 im G 8 bleiben - noch liegen nicht alle Anmeldungen vor.

Für Susanne Arndt stecken vor allem Ängste der Eltern hinter dem Ansturm auf die Mittelstufe Plus. "Wenn das Kind ein Jahr länger Zeit hat bis zum Abitur, ist das schlicht ein Wettbewerbsvorteil", sagt die Vorsitzende der Landeselternvereinigung. Dass die Gymnasien auch in der Pilotphase mit ihrem Budget auskommen müssten, stelle "einige Schulen vor schwer lösbare Probleme", sagt Max Schmidt, der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands. Er fordert, dass die Rahmenbedingungen bis zum Herbst angepasst werden. Ähnlich sieht das Benjamin Brown, der Sprecher des Landesschülerrats: "Das neunjährige Gymnasium ist die bessere Option."

© SZ vom 23.04.2015/lime

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