Debatte im Bayerischen Landtag Braune Fouls

Ungerechte Schiedsrichter, freche Zuschauer und manchmal gar ein Hitlergruß: Viele Vereine beklagen Diskriminierung auf Bayerns Sportplätzen. Eine Debatte im bayerischen Landtag zeigt, dass es nicht nur um Einzelfälle geht.

Von Martin Schneider

Kurz vor Ende der Diskussionsrunde steht Georgis Andreadis auf, er bekommt das Mikrofon, dann legt er los: "Je weiter wir aufs Land kommen, desto brauner wird es", sagt er. Andreadis ist ein großer Mann, schwarze Haare, er beugt sich nach vorne während er spricht. "Wir werden mit Kastanien beworfen, die Zuschauer zeigen uns den Hitlergruß. Wenn ich mich beim Schiedsrichter beschwere, sagt er, er könne da nichts machen." Andreadis ist technischer Leiter bei der AEG Dachau, einem griechischen Fußballverein, der derzeit die Tabelle der A-Klasse München anführt.

Es ist Samstag kurz vor 18 Uhr im Senatssaal des bayerischen Landtages. Seit vier Stunden diskutieren zu diesem Zeitpunkt schon Verbandsvertreter, Wissenschaftler und knapp 40 Vereinsfunktionäre wie Andreadis auf Einladung der Grünen über die Probleme migrantisch geprägter Sportvereine und wie man sie lösen kann.

Es ist nicht mehr viel Zeit, Simone Tolle, sportpolitische Sprecherin der Grünen und Initiatorin der Veranstaltung drängt auf ein Ende, sie müsse zum Zug. Aber nach Andreadis will auch Yilmaz Hamza noch etwas sagen, er ist zusammen mit drei Spielern 120 Kilometer weit vom schwäbischen Lauingen nach München gefahren. Er hat sich drei Stunden lang eine Podiumsdiskussion zwischen Stefan Metzger (schreibt gerade seine Doktorarbeit über das Thema), Otto Marchner (Vizepräsident des Bayerischen Landes-Sportverbandes) und Ali Yalpi (Konfliktmanager beim Bayerischen Fußballverband) angehört, in der es hieß, jeder nehme Integration ernst, es gebe viele Programme, man müsse sie nur annehmen.

Es wurden Filme gezeigt, der Integrationsspot des Deutschen Fußballbundes, der seit mehr als zehn Jahren vor jedem Länderspiel läuft ("DFB - más integracion") und eine Dokumentation, in der eine junge Muslima Kindern im Sportheim Nachhilfe gibt.

Drei Stunden nach der heilen Welt auf dem Bildschirm steht Hamza mit dem Mikrofon da und sagt: "Wir bekommen seit 2001 von der Gemeinde Lauingen keinen richtigen Platz zum Trainieren, wie sollen wir ohne Platz Jugendmannschaften spielen lassen?"

Nach ihm spricht Paul Mayonga, Vorsitzender von Academy Afrika Sport München. Gleiches Problem, kein Platz mehr, sie mussten den Spielbetrieb aufgeben, sagt er. Sein Verein hatte öfter Schwierigkeiten, 2007 durfte er nicht aufsteigen, weil es Unstimmigkeiten mit Spielerpässen gab. Das kommt häufig vor, das Regelwerk des Bayerischen Fußballverbandes ist komplex. Wer es nicht direkt durchschaut, bekommt Strafen, Punktabzüge, das finden viele Migranten diskriminierend.

So geht es weiter, Probleme werden angesprochen, auch solche, die jeden Verein betreffen. Recep Yerlikaya, Taxi-Fahrer und Vorsitzender bei Türkspor Allach, findet keine ehrenamtlichen Helfer mehr "In der Türkei sind sie alle Fans von Galatasaray, Fenerbahce und so. Aber niemand interessiert sich für den kleinen Verein um die Ecke." Die Runde auf dem Podium versucht Antworten zu finden; wer den Hitlergruß zeigt, begeht eine Straftat, dass solle Herr Andreadis sofort anzeigen.

Das Problem mit den Sportplätzen kenne man, da müsse man Lobbyarbeit betreiben. "Ich würde das einen Newcomer-Nachteil nennen", sagt Stefan Metzger, das zeigen seine Forschungsergebnisse in Berlin und im Ruhrpott. "Wer als Migrant einen Verein gründet, hat oft keine Kontakte zu der Gemeinde oder der Stadt und die unterstützt oft eher den bereits ortsansässigen Verein." Da falle oft das Argument: Warum gründen die überhaupt einen eigenen Verein? Sie können doch auch bei uns Fußballspielen? "Das führt dann zur größeren Frage, was die Gesellschaft unter Integration verstehe. Denn allzu oft wird Integration als Assimilation missverstanden", sagt Metzger.

Nach der Veranstaltung bleiben viele noch im Saal, reden miteinander. Man müsse sich mehr vernetzen, sagt Paul Mayonga, die Anliegen gesammelt vorbringen. Damit können viele etwas anfangen. Und es müsse von Verbandsseite mehr getan werden. Otto Marchner vom Landessportverband gab zu, dass der BLSV keine Statistik führe, wie viele Vereine oder Mitglieder mit Migrationshintergrund es gibt. Es müsse da aber einen Ansprechpartner geben, sagt Yilmaz Hamza. Seine Spieler nicken. Dann fahren sie wieder zurück nach Lauingen. Die 120 Kilometer hätten sich gelohnt, sagen sie; "Wir haben gesehen, dass nicht nur wir diese Probleme haben."