Datensicherheit Neues Passwort, alte Telefonnummer

Kommen ohne Handy nicht klar: Markus Söder, Alexander Dobrindt, Anton Hofreiter, Florian von Brunn, Andreas Scheuer, Claudia Roth (von oben, im Uhrzeigersinn). Collage: Dennis Schmidt/ Fotos: imago (4), Stephan Rumpf, dpa

(Foto: )

Als ein 20-jähriger Schüler im Internet Daten klaute, waren darunter viele von bayerischen Politikern. Die sind zwar kurz alarmiert und überdenken ihre Sicherheitsvorkehrungen, doch viele nehmen das als Berufsrisiko

Von Dominik Kalus, Jacqueline Lang und Wolfgang Wittl

Politiker müssen zu vielen Themen Auskunft geben, doch nach dem Wetter werden sie eher selten gefragt. Noch dazu zur frühen Morgenstunde am Handy, angerufen von einer anonymen Nummer. Andreas Scheuer ist es so ergangen. Der Bundesverkehrsminister zählt zu den fast 1000 Opfern des 20-jährigen Schülers, der gestohlene Daten im Internet veröffentlicht hat - darunter Scheuers Handynummer. Seitdem bekommt der CSU-Mann täglich ein paar Anrufe mehr, nicht alle wollen nur wissen, ob es morgen schneit. Welche Konsequenzen zieht er daraus? Wie gehen seine Kollegen damit um? Wie der Staat?

Die bayerische Staatsregierung fordert bereits höhere Strafen, sie will im Bund schärfere Gesetze durchsetzen. Der Diebstahl von Daten müsse geahndet werden wie ein Diebstahl in der realen Welt, sagt Ministerpräsident Markus Söder. Auch seine (wenngleich alte) Handynummer und Adresse waren plötzlich im Netz zu finden, vermutlich über die geknackte Datei eines anderen Nutzers. Söder ruft nun alle Bürger auf, ihre digitalen Zugänge zu sichern wie ein Bewohner sein Haus. Wer lasse schon ungebetene Gäste ein?

Andreas Scheuer hat sich von Sicherheitsbehörden beraten lassen, er hat seine Passwörter aktualisiert. Seine Kommunikationsgewohnheiten in den sozialen Netzwerken will er nicht verändern. "Ein Politiker ist eine Person der Öffentlichkeit, da ist der Ärger eingepreist", sagt Scheuer. Anders als Grünen-Chef Robert Habeck, der sich nach einem missglückten Tweet sowie veröffentlichten privaten Chatverläufen von Twitter und Facebook verabschiedet hat, bleibt Scheuer im Netz aktiv. "Einen Shitstorm hat doch jeder schon erlebt." Das gehöre zum Geschäft.

Die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Daniela Ludwig will indes noch vorsichtiger agieren. Sie verzichtet auf ein privates Facebook-Profil und eine Cloud. Ihre Handy- und Büronummer wurden über die gehackten Daten eines Kollegen publik, Ludwig hat nun einige Passwörter geändert. Sie glaubt: "Solche Angriffe wird man dennoch nicht verhindern können."

Zu Gelassenheit rät Ino Kohlmann, der Sprecher von SPD-Landeschefin Natascha Kohnen. Die meisten bekannt gewordenen Daten hätte jeder mit ein bisschen Rechercheaufwand selbst herausfinden können, sagt er: "Was soll man da jetzt in Panik verfallen?" Bei Natascha Kohnen wurden Handynummer, Anschrift und Mail-Adresse veröffentlicht. Sie habe alle Passwörter geändert, mehr aber auch nicht.

SPD-Mann Florian von Brunn hingegen ärgert sich. Die Ermittler hätten ihn zwar informiert, dass seine Handynummer nun im Netz abzugreifen sei. Sie hätten aber keine Hilfestellung geliefert, wie er solch einen Fall in Zukunft vermeiden könne. Der Landtagsabgeordnete nutzt bereits ein Verschlüsselungslaufwerk und statt Whatsapp nur gänzlich verschlüsselte Nachrichtendienste. In seinem Münchner Büro hat Brunn nach dem Hacker-Angriff mit seinen Mitarbeitern noch einmal ausführlich über IT-Sicherheit gesprochen.

Auch Florian Ritter, der Datenschutzbeauftragte der SPD-Landtagsfraktion, blieb nicht verschont, auch seine Kontaktdaten wurden über fremde Wege bekannt. Ritter prüfte erneut alle Passwörter und Zugänge. Er nutzt schon länger verschlüsselte Dienste, auf Facebook will er aber nicht verzichten. "Mir ist natürlich klar, dass Facebook ein problematischer Dienst ist", sagt Ritter. Anfragen versuche er immer auf E-Mails umzuleiten. Als einziges ihm selbst bekanntes Mitglied im Landtag biete er Bürgern an, Anfragen verschlüsselt an ihn zu senden. "Allerdings nutzt dieses Angebot leider kaum jemand."

Ruth Waldmann ist grundsätzlich zurückhaltend. Sie verzichtet auf die Suchmaschine Google, nutzt weder Whatsapp noch Twitter und hat bei Facebook nur Freunde aus dem echten Leben. "Ich finde diese ganze Datensammlerei problematisch", sagt die SPD-Abgeordnete. Ihre publik gewordene Handynummer will Waldmann nicht ändern. "Aber wenn eine Nummer mit russischer Vorwahl anruft, würde ich vielleicht nicht unbedingt rangehen."

Markus Rinderspacher bekam von der Polizei den Rat, er möge sich bei "merkwürdigen Anrufen" sofort melden. Seine bekannt gewordenen Nummern hat der Landtagsvizepräsident behalten, seine Passwörter hat er ausgetauscht. "Ich habe den Sicherheitsgürtel enger geschnallt."

Von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt kursierten lediglich zwei Briefe im Netz. Es waren Schreiben an die Fraktionen von Union und SPD, in denen er in seiner Zeit als Verkehrsminister zwei Gesetzesvorhaben erläuterte. "Endlich wurden die jetzt mal gelesen", scherzt Dobrindt.

So glimpflich kam der SPD-Bundestagskollege Florian Post nicht davon. Er bemerkte bereits im August 2018, dass jemand Zugriff auf seine Daten hat. Ohne sein Einverständnis wurde sein Facebook-Passwort geändert; über seinen Amazon-Account bekam er Sachen geliefert, die er nicht bestellt hatte. Post stellte Anzeige gegen Unbekannt. Auch jetzt wurden wieder sensible Daten von ihm öffentlich. Auf soziale Netzwerke will Post trotzdem nicht verzichten. "Das wäre ja so, wie wenn ich jetzt mein Telefon abschaffen würde." Außerdem hält er solch eine Reaktion für "die falsche Antwort". Post will sich weder verunsichern noch einschüchtern lassen.

Claudia Roth - ohnehin Dauerzielscheibe rechter Hassbotschaften - traf es ebenfalls härter. Seit die Handynummer der Grünen-Politikerin bekannt wurde, habe ihre Leitung nicht mehr stillgestanden. Drohanrufe, Beschimpfungen, "nur bösartiges, wüstes, hässliches Zeug". Aus sozialen Netzwerken sei sie Beleidigungen gewohnt, nicht aber in einem bisher geschützten Raum. "Diese Masse an direktem, enthemmtem Hass ist absolut beklemmend", klagt Roth. Wie Anton Hofreiter hat sie Strafanzeige erstattet. Vom Fraktionschef der Grünen im Bundestag wurden Kontaktdaten publik. "Allerdings keine privaten Dokumente, keine Bilder. Nichts, was man nicht auch mit ein wenig Recherche herausbekommen hätte", wie ein Sprecher sagt.

Glück hatten die linken Bundestagsabgeordneten Andreas Wagner und Harald Weinberg. Ihre Namen standen auf der Liste des Hackers, allerdings mit falschen Telefonnummern. "Ich bin nicht näher nachgegangen, wem die Nummern gehören", sagt Wagner. Dennoch will er seine Datensicherheit überprüfen lassen.

"Ist zwar blöd, aber in unserem Fall gibt es Schlimmeres", sagt FDP-Mann Daniel Föst über die von ihm und seinem Bundestagskollegen Stephan Thomae veröffentlichten Dienstnummern. "Das sind Nummern, auf denen wir ohnehin angerufen werden sollen." Föst bemängelt aber einen leichtfertigen Umgang mit Datenschutz. "Wir müssen viel stärker auf Datensicherheit aufmerksam machen. Es gibt ein paar einfache Regeln, wenn man die befolgt, kommt man eigentlich gut durch."

Bei Margarete Bause wurde ihre Privatadresse veröffentlicht, die ohnehin im Telefonbuch einsehbar war. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen will den Eintrag nun entfernen lassen. "Ich wurde zwar in der Vergangenheit nie belästigt, aber die Auseinandersetzungen heute werden doch härter. Es ist eine Schutzmaßnahme, auch für mein privates Umfeld." Einen Rückzug aus den sozialen Netzwerken kündigt kein bayerischer Politiker an, auch Claudia Roth nicht: "Klar habe ich mir überlegt, wieso ich mir das antue. Aber ich bleibe dabei."

CSU-Mann Peter Ramsauer sieht die Politik gefordert, allen voran seinen Parteichef und Innenminister Horst Seehofer. Wenn schon ein 20-jähriger Schüler an solche Daten gelange, wozu seien dann erst professionelle Hacker imstande? Die Tat dürfe daher nicht verharmlost werden, sondern sei "mit aller Härte zu ahnden". Von Ramsauer wurden eine alte Festnetz- und die aktuelle Handynummer bekannt, er will jetzt noch vorsichtiger mit SMS, E-Mails und Whatsapp umgehen. Die Frage sei doch, was dieser Vorfall für eine volldigitalisierte Gesellschaft bedeute, für Behörden und Unternehmen, sagt der frühere Minister. Er hat seine Schlüsse bereits gezogen. Seine Steuerunterlagen wird er nicht mehr per E-Mail verschicken, sondern wieder mit der guten alten Post.