bedeckt München 26°

Das System Strauß:Als Amigo noch kein Schimpfwort war

Nach dem Tod des CSU-Chefs wurde klar: Das "System Strauß" funktionierte nur mit ihm selbst.

Als die morsch gewordene bayerische Monarchie anno 1918 von den Stürmen der Revolution niedergerissen wurde, brach für die Schwabinger Metzgersfamilie Strauß eine Welt zusammen. Ihr und dem übrigen Haufen der Königstreuen blieb nur die Hoffnung, dass die Wittelsbacher bald auf den Thron zurückkehren würden.

(Foto: Foto: AP)

Aber die Jahre gingen ins Land und es rührte sich nichts. Vielmehr schlitterte das Volk der Bayern nacheinander in ein irrlichterndes Rätesystem, in eine seltsame Republik und in eine Diktatur hinein. Eine neue Monarchie war jedoch nicht in Sicht, höchstens ein paar versprengte Monarchisten wie der Kronprinz Rupprecht (1869-1955) und, viele Jahre später, der Volksunterhalter Georg Lohmeier.

Ein Aufflackern der Königsherrlichkeit

Franz Josef Strauß war beim Sturz des bayerischen Throns noch ein unschuldiges Büblein, aber auf dem Münchner Nockherberg sollte er in den frühen 80er Jahren doch noch ein Aufflackern der weiß-blauen Königsherrlichkeit erleben. Er stand sogar selbst im Mittelpunkt jener unvergessenen Szene, in der sein Double, der Schauspieler Walter Fitz, ihm einen weißen Pelz auf die Schultern legte, eine Krone aufs Haupt setzte und ihn symbolisch zum König von Bayern kürte.

Als Strauß breit grinsend in die Menge winkte, hatte er tatsächlich eine Ähnlichkeit mit dem Popstar Ludwig II., dem bayerischen Sonnenkönig. Und die von dem Spektakel überwältigten Königstreuen seufzten auf ihrer Gammelsdorfer Proklamation wieder einmal: "Wir brauchen keinen König, aber schöner wär's schon."

Strauß aber modellierte da schon längst sein neues Superbayern, in dem nicht länger der kleine Erdäpfelbauer den Fokus der Politik bilden sollte, sondern der ungehemmte Fortschritt, die Global Player und das Tête-à-Tête mit den Großmächten. Die Sehnsucht nach der Monarchie ließ der CSU-Chef stets ironisch an sich abprallen: "Ich strahle auch ohne Krone einen Glanz aus."

Tatsächlich verkörperte Strauß wie kein anderer Ministerpräsident eine von barocken Zügen getragene Volkstümlichkeit, die gespeist wurde durch starke Sprüche, jubelnde Massen und der später von Gerhard Polt in Worte gefassten Maxime: "Ich brauche keine Opposition, ich bin schon Demokrat."

Der begnadete Volksredner füllte problemlos jedes Bierzelt, wo er, wie es seinerzeit der Karikaturist Ernst Maria Lang formulierte, bayerische Bildhaftigkeit, die Rabulistik eines Viehhändlers und militärische Diktion kraftvoll miteinander verflocht. Das mochten die Leute, sie sagten: "A Hund is er scho - der Strauß."

"Ein Hund, der Strauß"

Wenn einer in Bayern als Hund tituliert wird, dann darf er sich geehrt fühlen, aber oft schwingt in diesem Lob auch mit, dass hier ein Spitzbub am Werk ist, der das Gesetz gerne zum eigenen Vorteil auslegt. Im Falle Strauß sah das Volk durchaus, dass er von den Höhen der Macht hinabstieg in die Dunkelkanäle der Politik und der Halbwelt, wo er sich in dubiosen Affären und Geschäften verstrickte.

Auch die in Bayern recht populäre Spezlwirtschaft hielt er im Zusammenspiel mit illustren Namen wie Zwick und Hendl-Jahn hoch in Ehren. Der Filmproduzent Luggi Waldleitner gewährte dem SZ-Reporter Herbert Riehl-Heyse im Sommer 1984 im italienischen Badeort Terracina diesbezüglich interessante Einblicke. Strauß feierte auf Einladung Waldleitners mit einer Ladung CSU-Prominenz in dessen Villa seinen Geburtstag. Riehl-Heyse, der zufällig im Nachbarhaus weilte, beobachtete amüsiert, wie die Gäste in Badehosen ihren Prosecco schlürften. Das war freilich in einer Zeit, in der das Wort Amigo unbefleckt war. "1984 ruhte die Bundesrepublik, was solche Fragen anging, noch sehr in sich", schrieb Riehl-Heyse später.